Beachsoccer-WM: Macht es wie vor zehn Jahren, liebe Schweizer

20.11.2019 - 13:23, Patrick Lämmle

Dejan Stankovic im Element: Der Schweizer Toptorjäger setzt zum Seitfallzieher an.
Bild: Getty

Vom 21. November bis 1. Dezember finden in Paraguay die Beachsoccer-Weltmeisterschaften statt. Die Schweiz ist zum fünften Mal dabei und gehört zum erweiterten Favoritenkreis. Es ist eine Geschichte, die zeigt, dass man (fast) alles erreichen kann, wenn man denn nur will.

Die Schweiz eine Beachsoccer-Nation zu nennen, wäre sicherlich übertrieben. Und doch gehört die Nationalmannschaft seit Jahren zu den besten der Welt. Den grössten Erfolg feierte die Schweiz an der WM 2009 in Dubai. Dejan Stankovic schoss die Schweiz damals fast im Alleingang ins Endspiel, wurde Torschützenkönig und schliesslich zum besten Spieler des Turniers gekürt. Auch zehn Jahre später ist Stankovic noch immer Nationalspieler. Wie ist es möglich, dass die Schweiz derart erfolgreich ist?

Nach der WM 2009 wird Dejan Stankovic zum «Spieler des Turniers» gewählt.
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Ganz am Anfang der Geschichte stehen die im positiven Sinne verrückten Reto Wenger und Angelo Schirinzi, die es sich auf die Fahne schreiben, den Sport in die Schweiz zu bringen. Um die Jahrtausendwende organisieren sie in der Schweiz erste Beachsoccer-Events, die Hobby-Fussballern in der Sommerpause eine Alternative zu den Grümpel-Turnieren bieten. Auch rund zwanzig Jahre später geniesst der Sport in der Schweiz nur ein Nischendasein. Aber was heisst da nur. Eigentlich kommt es einem Wunder gleich, dass Beachsoccer hierzulande überlebt hat, in einem Land, in dem wettertechnisch höchsten drei, vier Monate im Jahr wirklich attraktive Bedingungen zur Ausübung des Sports vorherrschen.

Es gab schon Beachsoccer-Spiele auf dem Bundesplatz oder in der Bahnhofshalle in Zürich. Von solch spektakulären Austragungsorten können andere Sportarten nur träumen. Diesbezüglich hat auch Beat Wenger, der jüngere Bruder von Reto, Grosses geleistet. Nach zwei Jahren stieg er als Event-Chef ein. Inzwischen sind die Turniere mit Grümpicharakter längst einem Ligabetrieb gewichen. Jährlich wird ein Schweizer Meister gekürt. Doch die Meisterschaft dauert nur etwa drei Monate, die meisten Spieler sind eigentlich Hobby-Kicker oder Futsalspieler, die in den Sommermonaten in Form bleiben wollen – und das mit einem Ball am Fuss. Wie ist es also möglich, dass die Schweizer Nationalmannschaft zu den besten der Welt gehört, wo es doch in anderen Ländern echte Profis gibt, die vom Beachsoccer leben können?

Die Nati ist eine eingeschworene Truppe

Um das zu verstehen, muss man wissen, dass Vergleiche mit dem Fussball nichts taugen. Die Nationalmannschaft hat nicht ein paar wenige Zusammenzüge pro Jahr, sie trainiert vier- bis fünfmal pro Woche gemeinsam in Basel. Das ganze Jahr über, auch im Winter. Dann wird in einer Halle trainiert, auf Sand. Ja, das gibt es tatsächlich.

Die meisten Nati-Spieler schliessen sich zwar einem heimischen Verein an, doch immer wieder werden sie auch von ausländischen Vereinen angeheuert. Dann reisen sie für ein Wochenende nach Italien, Spanien, Portugal, Russland oder in die Türkei, für Kost und Logis ist gesorgt und meist winkt noch ein schönes Handgeld. Beachsoccer spielt man nicht, um reich zu werden. Überhaupt können weltweit nur wenige davon leben, es ist vielmehr ein Lifestyle. Man sieht die schönsten Strände der Welt und darf dort in gut gefüllten Arenen kicken. Privat kann man sich frei bewegen, auch mal eine Party feiern, denn es warten nicht an jeder Ecke Paparazzi. Dafür sind die Spieler ausserhalb der Szene doch zu unbekannt.

An der Beachsoccer-WM 2017 auf den Bahamas stattet FIFA-Präsident Gianni Infantino der Schweiz einen Besuch ab.
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Die Erfolgsmacher

Seit der ersten Stunde waltet der 47-jährige Angelo Schirinzi als Nationaltrainer, lange Jahre war er Spielertrainer. Längst reist er im Auftrag der FIFA als Instruktor um die Welt, lehrt angehende Trainer das Handwerk und macht Mannschaften besser. Nicht nur die Schweiz hat ihm viel zu verdanken, auch Tahiti.

2013 fand dort die WM statt, auf der Weltbühne der Strandfussballer war die gastgebende Mannschaft eine Zwergnation. Schirinzi leistete Aufbauarbeit, trainierte die Mannschaft und führte sie an deren Heim-WM sensationell in den Halbfinal. 2017 und 2019 holte Tahiti Silber. Ein Aufstieg, wie er im Fussball nicht möglich wäre. Doch im Beachsoccer ist vieles möglich, wenn man hart arbeitet und weiss, woran man arbeiten muss. Schirinzis Gabe ist es, dass er auch sofort Talente entdeckt und aus ihnen Weltklasse-Beachsoccer-Spieler formt.

Mit dem 34-jährigen Dejan Stankovic, dem Bomber der Nation, und dem 25-jährigen Noël Ott, auch schon als Messi auf Sand betitelt, weiss Schirinzi zwei der besten Spieler der Welt in seinen Reihen. Er selbst ist eine Trainer-Legende, einen besseren gibt es nicht.

Angelo Schirinzi (rechts) gibt Nati-Urgestein Moritz «Mo» Jaeggy Anweisungen.
Bild: Getty

Ob das reicht, um an der WM in Paraguay ein Stück Schweizer Sportgeschichte zu schreiben? Mit einer eingeschworenen Truppe, wie es die Schweizer Nati ist, ist alles möglich. Klar ist auch, dass es einen Exploit braucht, um Grosses zu erreichen. In der Gruppenphase trifft die Schweiz (Weltnummer 8) auf die USA (15), Asienmeister Japan (12) und Gastgeber Paraguay (7).

Delegationsleiter Wenger spricht von einer interessanten Herausforderung, das Weiterkommen sei aber ganz klar das Ziel. «Und zum Abschluss erhoffe ich mir hier in Paraguay nochmals ein richtiges Feuerwerk von unseren Fussballkünstlern!» Zum Abschluss deshalb, weil Reto Wenger Ende Jahr nach 18 Jahren seine Beachsoccer-Geschichte abschliessen wird, wie er uns verrät: «Ich bin unheimlich stolz und dankbar, was wir alles aufgebaut und erreicht haben.» Träumen wird Wenger mit Sicherheit vom Titel, den man vor zehn Jahren haarscharf verpasst hat. Er hätte sich den goldenen Abgang für sein Lebenswerk wahrlich verdient.

Reto Wenger ist viel mehr als «nur» Delegationsleiter der Schweizer Nationalmannschaft.
Screenshot: SFV

Beachsoccer-WM live im TV

Die Begegnungen gegen die USA (Donnerstag, 21. November, 21:50 Uhr Schweizer Zeit) und gegen Japan (Montag, 25. November, 21:50 Uhr) werden live auf SRF 2 übertragen, jene gegen Paraguay (Sonntag, 24. November, 1:00 Uhr) auf den Online-Portalen der SRG-Kanäle.

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