Durchatmen! Das gnadenlose Petkovic-Bashing nervt

Ein Kommentar von Patrick Lämmle

9.8.2018

Nationaltrainer Vladimir Petkovic steht nach dem medialen Gewitter gehörig unter Druck.
Bild: Getty Images

Nach dem «Rauswurf» von Valon Behrami aus der Nati kriegen der Schweizer Fussballverband (SFV) und Nationaltrainer Vladimir Petkovic ordentlich auf die Kappe. Dabei ist das Bashing völlig übertrieben. Ein Kommentar.

Nach dem «Rauswurf» von Valon Behrami aus der Nati hagelt es in den Medien Kritik. Insbesondere der «Blick» fährt eine gnadenlose Kampagne und fordert, dass Köpfe rollen. «Treten Sie ab, Herr Petkovic!», fordert Fussball-Chef Andreas Böni. Kubilay Türkyilmaz meint in seiner Kolumne: «Die gesamte SFV-Spitze muss gehen.» Der «Blick» will aber nicht nur alle zum Teufel jagen, das Boulevardblatt hat auch schon die optimale Nachfolge für die zu entlassende Verbandsspitze vorgeschlagen: «Herr Heusler, übernehmen Sie!»

Aber nicht nur der «Blick» teilt aus, sie tun das lediglich noch deutlicher als andere Medien. Der Grundtenor dort: Die Kommunikation von Seiten des Verbandes sei miserabel. Und es könne doch nicht sein, dass Petkovic einen Spieler wie Behrami am Telefon aus der Nati wirft.

Welche Version stimmt denn jetz? Behrami vs. Petkovic

Doch hier ist die Kommunikation vieler Medien schlecht. Denn Petkovics Version ist eine ganz andere. Er habe Behrami lediglich mitteilen wollen, dass er ihn in diesem Jahr nicht mehr aufbieten wolle und stattdessen jüngeren Spielern eine Chance geben möchte, damit sie sich präsentieren können.

Konkret würde das heissen: Behrami wäre für je zwei Testspiele und zwei Nations-League-Spiele nicht berücksichtigt worden. Immer wieder beklagen sich die Profis über die Testspiele mitten in der Saison. Eigentlich ist da eine Nichtnomination keine Strafe. Und die Nations-League-Spiele – machen wir uns da nichts vor – sind lediglich aufgewertete Testspiele. Es macht Sinn, dass man diese Spiele nutzt, um neue Spieler, die auf solche Einsätze brennen, an die Mannschaft heranzuführen.

Im kommenden Jahr, wenn die EM-Qualifikation beginnt, wären Behrami womöglich wieder alle Türen offen gestanden. Behramis Version war allerdings eine andere: Er sprach von einem Rauswurf und von einem politischen Entscheid. Wer das Telefonat nicht mitgehört hat, der sollte also vorsichtig sein und Petkovic nicht vorschnell verurteilen. Insbesondere, wenn man hört, was Djourou und Fernandes sagen, die ebenfalls vom Nati-Trainer kontaktiert wurden.

Konstruktive Telefongespräche mit Petkovic

Gelson Fernandes hat den Anruf von Petkovic nicht falsch aufgenommen. Er trat zwar daraufhin zurück, aber ohne jeglichen Groll gegen den Trainer. Djourou, der ebenfalls von Petkovic kontaktiert wurde, meint zu Fernandes’ Rücktritt: «Gelson hat schon vor Monaten gesagt, dass nach der WM Schluss sei. Dass er jetzt abtritt, ist also bloss noch eine Vollzugsmeldung.»

Und was seine Position angeht: «Der Coach sagte mir, er zähle in Zukunft nach wie vor voll auf mich.» Dass er für die kommenden Spiele nicht aufgeboten werde, das sei für ihn kein Problem, meint Djourou. Er sei da, wenn ihn der Trainer brauche.

Wenn man hört, wie Fernandes und Djourou auf den Anruf reagiert haben, dann kann man sich schlecht vorstellen, dass Petkovic Behrami in 30 Sekunden eiskalt abserviert haben soll. Doch wie gesagt, wir haben das Telefonat nicht mitgehört. Und deshalb fordern wir auch nicht blind den Rauswurf des Trainers.

Ein Trainer, der die Schweiz in den EM- und WM-Achtelfinal geführt hat. Ein Trainer, der in den Medien zu Beginn seiner Amtszeit auf den Deckel gekriegt hat, dann in den Himmel gelobt wurde und nun wieder auf den Deckel kriegt. Viele kennen nur schwarz oder weiss. Hätte die Schweiz gegen Schweden 1:0 gewonnen und nicht 0:1 verloren, dann wäre Petkovic als Nationalheld gefeiert worden. Es kam bekanntlich anders.

Dass Petkovic die Schweiz in zwei Achtelfinals geführt hat, das ist nicht so schlecht, wie viele meinen. Sein Vorgänger, der Welttrainer Ottmar Hitzfeld, führte die Schweiz an die WM 2010 (Vorrundenaus), verpasste die EM 2012 und scheiterte 2014 im Achtelfinal. Die Erwartungshaltung in der Schweiz ist einfach brutal hoch.

Soziale Medien als riesige Herausforderung für Verbände

Dass die Kommunikation seitens des Verbandes nicht immer optimal ist, das streiten wir nicht ab. Das berühmt berüchtigte «Doppelbürger-Interview» von Alex Miescher etwa, das war mehr als nur unklug. Dafür gibt es keine Entschuldigung, man kann es auch nicht schönreden.

Ganz allgemein ist aber zu beobachten, dass die Kommunikation für Verbände schwieriger geworden ist in den letzten Jahren. (Gekränkte) Spieler können über ihre Kanäle in Echtzeit ein Millionenpublikum erreichen. Online-Medien greifen solche Nachrichten gerne auf und verbreiten sie in Windeseile. Verbände können da oft erst reagieren, wenn der Schaden bereits angerichtet ist. Es wird eine grosse Herausforderung sein, dass man in solchen Fällen künftig schneller reagieren kann. Dass in der Schweiz – und auch in anderen Ländern wie Deutschland – nur Dilettanten in den Verbänden arbeiten, das wagen wir zu bezweifeln. Doch genau diesen Eindruck vermitteln uns viele Medien in den letzten Wochen.

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