Hauptsache motzen: Weshalb man sich über die WM ärgern darf

Von Tobias Benz

27.6.2019

Kann richtig gut Fussballspielen: US-Kapitänin Megan Rapinoe.
Bild: Getty

Es ist Fussball-WM und ich rege mich tierisch auf. Es scheinen nämlich nur zwei Sorten Menschen den Frauen in Frankreich beim Kicken zuzuschauen. Die einen, die über die Qualität des Frauenfussballs motzen und die anderen, die über die Motzenden motzen. Hauptsache motzen.

Passend dazu feiert der «Bullshit» auf Social Media eine Art Hochkonkunktur: Als ich mich heute einlogge, finde ich zunächst eine Theorie über die perfekte Frau und wie sie bei totaler Gleichberechtigung Usain Bolt in Grund und Boden rennen würde. Dann sehe ich etwas, das als anatomischer Beweis dafür herhalten muss, dass der Mann schon immer in allem besser war und dies auch so bleiben werde. Ich finde Witze über Amateurfussball, Geschichten über Augenkrebs und lese über konservativ-naiven Männer, die Frauen unterdrückten und damit sich selbst und die ganze Welt an die Wand fahren würden.

Ich logge ich mich wieder aus. Nach fünf Minuten. Und stelle mir die Frage, ob ich vielleicht einen leicht gestörten Freundeskreis habe. Obwohl das in der Tat nicht einmal so unwahrscheinlich ist, scheint mir eher, als drehten derzeit alle ein bisschen am Rad. Alle reden über die Weltmeisterschaft der Frauen, aber weiss eigentlich überhaupt jemand, welche vier Nationalmannschaften nun im Halbfinale stehen?

Das denke ich mir. Aber wir sind ja auch erst in den Viertelfinals.

Ich bin leidenschaftlicher Fussball-Fan, ich liebe diesen Sport und ich schaue auch die aktuelle Weltmeisterschaft in Frankreich. Mit Begeisterung. Und nein, das Niveau ist nicht so hoch wie bei den Männern. Aber das, liebe Freunde, spielt überhaupt keine Rolle. Die Super League ist nämlich auch nicht vergleichbar mit der Premier League, die fünfte Liga nicht mit der zweiten und so weiter. Wer gerne Fussball guckt, dem ist das Bratwurst, sonst würde er oder sie nicht sonntagmorgens mit Kater in Affenhitze den lokalen Drittliga-Kickern bei der Kanterniederlage gegen den Tabellenführer zuschauen.

Und motzen darf man dabei auch. Wenn US-Torhüterin Alyssa Naeher gegen Spanien ein unnötiges Tor verschuldet, dann fluche ich den Fernseher an und schimpfe über die fehlende fussballerische Qualität. Das liegt aber nicht daran, dass sie eine Frau ist, sondern an dem katastrophalen Zuspiel, mit dem sie gerade den Ausgleich begünstigte. Sie hätten mich sehen müssen, als Liverpools Loris Karius seine Karriere beerdigte. Ich bin ausgerastet. Das war richtig schlecht. Und das war das Champions-League-Finale der Männer.

Ich weiss, Gleichberechtigung ist ein Thema, das angesprochen werden muss und das ist auch gut so. Aber hey! Es ist Weltmeisterschaft. Lasst uns das doch einfach geniessen und über den Fussball reden. So wie bei den Männern. Wäre das nicht Gleichberechtigung?

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