Hillsborough

Heute vor 31 Jahren: Die Hillsborough-Katastrophe

Von Tobias Benz

15.4.2020

Bei einer Massenpanik während eines Fussballspiels im Hillsborough Stadium sterben 96 Liverpool-Fans.
Bild: Getty

15. April 1989. England freut sich auf den Kampf der Giganten zwischen dem FC Liverpool und Nottingham Forest. Wie für einen Halbfinal im FA Cup üblich findet das Spiel auf neutralem Boden statt. Austragungsort ist das Hillsborough Stadium in Sheffield – niemand ahnt, dass es zum Schauplatz einer der schlimmsten Katastrophen in der Geschichte des Fussballs werden soll.

Der Anpfiff der Partie ist auf 15 Uhr Ortszeit angesetzt. Bereits im Vorfeld sind alle Eintrittskarten restlos ausverkauft, die lokale Polizei erwartet 53’000 Zuschauer. Komischerweise wird den zahlenmässig überlegenen Liverpool-Fans die kleinere «Lepping Lane»-Tribüne zugewiesen. Damit soll verhindert werden, dass sie auf die aus dem Süden anreisenden Anhänger von Nottingham Forest stossen. Die Ordnungshüter werden von Polizeichef David Duckenfield befehligt, für den 45-Jährigen ist es der erste Einsatz während eines Fussballspiels.

Seine Unerfahrenheit erklärt, weshalb es bereits vor dem Stadion zu Komplikationen kommt. Anhänger des FC Liverpool werden im Nachhinein ihr Erstaunen über die fehlende Polizeipräsenz und die chaotischen Zustände beim Zuschauereinlass bekunden. Das Problem: Mehr als zehntausend Liverpool-Fans sollen das Stadion über lediglich sieben Drehkreuze betreten. Ist das geschafft, folgt ein schmaler Tunnel, der direkt zu den Sektoren 3 und 4 führt. Die beiden Bereiche sind mit bis zu drei Metern hohe Metallgitter voneinander und vom Spielfeld abgegrenzt.

Das Hillsborough Stadium in Sheffield war Schauplatz der Tragödie. 
Bild: Keystone

«Open Gate C» – der verheerende Entscheid der Polizei

Kurz vor Anpfiff sind «Pen 3» und «Pen 4» bereits brechend überfüllt – die Sektoren daneben bleiben aufgrund der schwierigen Zugänglichkeit eher leer. Derweil warten vor dem Stadion immer noch Tausende auf den Einlass. Das Drängen an den Drehkreuzen wird immer stärker – die Fans befürchten, den Start der Partie zu verpassen.

Die ungeduldige Masse verleitet die Polizei zu ihrem nächsten Fehler. Aus Angst vor einer Massenpanik ausserhalb des Stadions entscheidet Duckenfield, ein zusätzliches Tor zu öffnen, das «Gate C». Erleichtert strömen sofort zigtausend Zuschauer in Stadion. Was Duckenfield nicht bedenkt: Das Tor führt ebenfalls auf direktem Weg zu den Sektoren 3 und 4.

Es dauert nicht lange, bis die Fans auf der Tribüne dermassen zusammengedrückt werden, dass sie sich nicht mehr bewegen können. Noch vor dem Anpfiff klettern erste Zuschauer über die hohen Metallgitter auf das Spielfeld. Es sind wenige Glückliche – die Restlichen werden von Bekannten, Freunden oder Familienangehörigen zu Tode gequetscht. Als die Masse begreift, was mit ihr geschieht, fangen erste an, um Hilfe zu schreien.

«Bruce, bitte hilf uns!»

Bruce Grobbelaar behütet das Tor vor den hoffnungslos überfüllten Sektoren 3 und 4.
Bild: Keystone

Bruce Grobbelaar, der an diesem Tag für Liverpool im Tor steht, berichtet später von bleichen Gesichtern, die um Hilfe bettelten. «Ich wollte den Ball hinter dem Tor holen, da sah ich, wie die Menschen an den Zaun gedrückt wurden. ‹Bruce, bitte hilf uns!›, haben sie geschrien.»

Immer mehr Zuschauer klettern über den Zaun auf das Spielfeld, aber Ordnungshüter missdeuten dies als Zeichen für einen anstehenden Platzsturm und versuchen, die Fans wieder zurück in ihre Sektoren zu drängen.

Um 15:06 Uhr gelingt es Grobbelaar Schiedsrichter Ray Lewis, davon zu überzeugen, die Partie abzubrechen. Er versucht zudem, einen Ordner dazu zu bewegen, ein rettendes Tor zu öffnen. Dieser ist aber nicht in Besitz des Schlüssels. Der Überlebenskampf in den Sektoren 3 und 4 geht weiter. Immer mehr Menschen klettern nun über die Absperrungen und ermöglichen so die Flucht für die Nachrückenden. Langsam löst sich der Druck und die Überlebenden strömen aufs Spielfeld.

Etliche Zuschauer versuchen, über die 3 m hohe Absperrung auf das Spielfeld zu flüchten. 96 Personen sterben unter dem Druck der Masse. Das jüngste Todesopfer ist 10 Jahre alt.
Bild: Keystone

Dort folgt jedoch sogleich die nächste Tragödie. Ausser den Fans sind nämlich lange Zeit keine Helfer vor Ort. Im Nachhinein wird die britische Justiz in einem Bericht festhalten, dass durch einen verbesserten Ablauf des Rettungseinsatzes und schnellere medizinische Hilfe 41 Leben hätten gerettet werden können. Sie wurden es nicht. 96 Menschen sterben. 38 davon sind noch keine 20 Jahre alt.

Jahrelange Ungerechtigkeit und keine Schuldigen

In den Tagen nach der Katastrophe wird die Schuld den Fans in die Schuhe geschoben. Allen voran berichtet die englische «Sun» unter dem Titel «The Truth» (die Wahrheit) von Fans, die auf Polizeibeamte gepinkelt, Tote ausgeraubt und Sanitäter verprügelt hätten. Aus diesem Grund wird die Boulevardzeitung bis heute in ganz Liverpool boykottiert.

Eine ganze Stadt auf der Suche nach Gerechtigkeit. Die Bevölkerung von Liverpool wartet bis heute auf einen Schuldspruch.
Bild: Getty

Auch Polizeikommandant Duckenfield, der die Geschehnisse aus seiner Überwachungsloge im Südwesten der Tribüne hautnah miterlebt, weist jegliche Schuld von sich. Er behauptet, das zusätzlich geöffnete Tor sei von Liverpool-Fans aufgebrochen worden. Später gibt er zu, gelogen zu haben.

Dennoch dauert es 23 Jahre, bis die Behörden die Schuld auf sich nehmen. Erst am 12. September 2012 entschuldigt sich Premierminister David Cameron bei den Hinterbliebenen der 96 Opfer und spricht die damals anwesenden Zuschauer von jeglicher Schuld frei. Im Anschluss wird mehreren Personen, darunter auch Duckenfield, der Prozess gemacht.

David Duckenfield war erst 19 Tage vor der Katastrophe in seine Position befördert worden.
Bild: Getty

Am 26. April 2016 entscheidet ein Geschworenengericht, dass die 96 Opfer nicht verunglückt, sondern «rechtswidrig getötet» wurden. Verurteilungen gibt es keine. Am 28. November 2019, mehr als 30 Jahre nach den Ereignissen, wird Polizeikommandant David Duckenfield schliesslich freigesprochen. Die Verteidigung hatte argumentiert, dass der heute 75-Jährige damals überfordert gewesen sei.

Schuld am Tod der 96 Fussballfans ist bis heute niemand.

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