Schiedsrichterin überstimmte Videoassistenten offenbar mehrfach

jar

27.6.2019

Schiedsrichterin Liang Qin im wiederholten Austausch mit den aufgebrachten Kameruninnen.
Bild: Getty

Der Achtelfinal zwischen England und Kamerun (3:0) sorgte mit dem Protest der Afrikanerinnen für den grössten Aufreger der WM. Nun kommen Details ans Licht: Die Unparteiische soll den VAR gleich mehrfach ignoriert haben.

Das Drama im Achtelfinal am Sonntag fand nach dem Treffer zum 2:0 für die Engländerinnen seinen Höhepunkt. Das Tor von Ellen White, zunächst wegen vermeintlicher Abseitsposition aberkannt, wurde vom Videoassistenten überprüft und schliesslich doch gegeben.

Zu viel für die Kameruninnen. Sie wollten sich tatsächlich weigern, weiterzuspielen. Weil sie sich von den Unparteiischen benachteiligt fühlten. Bereits beim Führungstreffer waren sie stinksauer auf Schiedsrichterin Liang Qin gewesen, weil diese (richtigerweise) auf indirekten Freistoss für England entschieden hatte – Kamerun-Goalie Annette Ngo Ndom hatte den Ball nach einem Rückpass in die Hände genommen.



Erst nach einigen Ausgenblicken konnte Spielführerin Gabrielle Aboudi Onguéné ihre Mitspielerinnen vom Weitermachen überzeugen. Nach der Pause schoss Kamerun sein erstes Tor, doch dieses wurde wegen Abseits annulliert – und erneut zögerten die Spielerinnen mit der Fortsetzung der Partie. Gemäss «BBC» sollen die Kameruninnen der FIFA sogar Rassismus vorgeworfen haben. Dabei lief doch alles mit rechten Dingen ab.

Entscheidungen zugunsten Kameruns

Oder doch nicht? Einem Bericht der englischen Tageszeitung «The Telegraph» zufolge hat Schiedsrichterin Liang Qin gleich zweimal nach umstrittenen Szenen den Videoassistenten überstimmt. Allerdings nicht etwa zugunsten der Engländerinnen, sondern der Afrikanerinnen. Offenbar wollte die Chinesin damit verhindern, dass die Kamerunerinnen aus Protest den Platz verlassen.

Laut «The Telegraph» habe der Videoassistent nach einem Foul im Strafraum von Kameruns Ninon Abena an Fran Kirby einen Elfmeterpfiff empfohlen. Liang Qin entschied anders, ihre Pfeife blieb stumm. Kurz vor Schluss säbelte die Alexandra Takounda England-Captain Steph Houghton um, was für den VAR offenbar ein klarer Platzverweis war. Doch die Schiedsrichterin entschied sich wieder dagegen, zeigte nicht Rot, sondern nur Gelb.

Kein Dementi der FIFA

FIFA-Schiedsrichterchef Pierluigi Collina wurde am Mittwoch bei einer Pressekonferenz auf den Bericht angesprochen. Der Italiener dementierte die Vorwürfe nicht. Collina bestätigte indessen das eigenmächtige Handeln von Qin Liang: «Dass die letzte Entscheidung immer beim Videoassistenten liegt, ist ein Missverständnis. So war es auch beim Spiel England gegen Kamerun, dort hat am Ende die Schiedsrichterin auf dem Platz die Entscheidungen getroffen.» 

Ob diese Entscheidungen getroffen wurden, damit die Kamerunerinnen das Feld nicht verlassen, wollte Collina nicht kommentieren. Es würde wohl der erste Fall sein, bei dem eine Schiedsrichterin oder ein Schiedsrichter absichtlich eine Fehlentscheidung trotz anderer Hinweise vom VAR nicht zurücknimmt. Da England die skandalöse Partie 3:0 gewinnen und in die Viertelfinals vorstossen konnte, dürfte die Sache aber wohl auch für die FIFA erledigt sein.

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