5 schlagkräftige Argumente

Weltfussballer? Griezmann oder die Wahl abschaffen!

Patrick Lämmle

25.7.2018

Antoine Griezmann mit Töchterchen Mia und dem WM-Pokal.
Bild: Getty Images

In den letzten zehn Jahren hiess der Weltfussballer immer Ronaldo oder Messi. In diesem Jahr kann es aber nur einen Sieger geben: Antoine Griezmann. Ansonsten kann man die Wahl gleich abschaffen. Ein Kommentar.

Fussball ist ein Mannschaftssport, individuelle Auszeichnungen sind deshalb immer ein bisschen fragwürdig. Ein einzelner Spieler kann immer nur in einem gut funktionierenden Kollektiv glänzen. Doch die Wahl gibt es und viele haben ihre Freude daran. Also spielen wir das Spiel mit und erklären Ihnen, warum Griezmann diesen Titel gewinnen muss.

Auf der FIFA-Webseite können neben Fussballfachleuten bis zum 10. August auch Fans über ihren Favoriten des Jahres abstimmen. Danach werden die drei Finalisten veröffentlicht, aus deren Kreis am 24. September bei der FIFA-Gala in London der Sieger gekürt wird.

1. Griezmann ist ein Mann für die grossen Spiele

Die Champions League hat er in diesem Jahr nicht gewonnen, dafür schiesst er Atlético Madrid im Europa-League-Final mit zwei Toren zum Titel (3:0 gegen Marseille). Schon im Halbfinal gegen Arsenal hat er den Unterschied ausgemacht. Und Frankreich führt er zum WM-Titel. In der Vorrunde wird er noch kritisiert, doch dann dreht er wie schon zwei Jahre zuvor an der EM auf. Damals wurde er Torschützenkönig, alle sechs Treffer erzielte er in der K.o.-Phase. Und an dieser WM? In der Vorrunde trifft er einmal, doch dann skort er in jedem Spiel (3 Tore, 3 Assists). Im Final gegen Kroatien (4:2) sind es je ein Tor und ein Assist. Einzgier Makel: seine Schwalbe vor dem Freistoss zum 1:0.

2. Er ist ein echter Teamplayer, der auch verteidigen kann

Messi und Ronaldo sind Tormaschinen, doch Defensivarbeit, das ist nicht ihre Stärke. Griezmann ist diesbezüglich auch nicht die Nummer 1 der Welt, auch er gönnt sich (in der Nationalmannschaft) mal eine Verschnaufpause. Bei Atlético Madrid – unter Coach Diego Simeone – überlebst du aber nicht lange, wenn du dich nicht zu 100 Prozent in den Dienst der Mannschaft stellst. Einen Sonderstatus für Starspieler gibt es nicht, die Stars sind die, die bis zum Umfallen kämpfen. Griezmann kann das. An der WM zeichnete er sich auch dadurch aus, dass er teils ganz bewusst das Tempo drosselte und seine Mitspieler mahnte, nicht blind nach vorne zu stürmen. Auch nächste Saison spielt der 27-Jährige für Atlético, ein Angebot aus Barcelona hat er abgelehnt.

3. Er nimmt sich nicht so ernst wie viele andere

Ronaldo reisst sich nach Toren gerne das Shirt vom Leib und zeigt seinen unglaublichen Body. An der WM liess er sich einen Ziegenbart wachsen, um zu zeigen, wer der «GOAT» ist. Eine Antwort auf ein Foto von Messi, der vor der WM mit einer Ziege posierte. GOAT ist das englische Wort für Ziege, steht aber auch als Abkürzung für «Greatest of all time» (der grösste aller Zeiten). Und was macht Griezmann? Er hüpft nach seinen Toren rum wie ein Hampelmann, lacht wie ein Lausbub. Nach dem Spiel crasht er Interviews seiner Teamkollegen und brüllt strahlend «Vive la Républic, vive la France» in die Kameras. Irgendwie sympathisch.

4. Er übernimmt Verantwortung

Als ich im Büro meine Lobeshymne auf Griezmann abfeuere, macht sich Widerstand breit.

=> «Der macht nur Penalty-Tore!»
Stimmt nicht, aber er macht auch Penalty-Tore. Weil er Verantwortung übernimmt, da brauchst du auch Eier, besonders im Final.

=> «Seine Schwalbe im Final, was für ein Peino!»
Ja, diese Schwalbe vor dem 1:0 war unschön, unnötig. Aber Griezmann ist nicht bekannt für solche Aktionen. Wenn er wegen dieser Szene nicht Weltfussballer wird, dann kann es auch kein anderer werden. Vielleicht Senderos, der hat wohl noch nie eine Schwalbe gemacht.

=> «Es gewinnt sowieso Messi oder Ronaldo!» 
Ja, traurigerweise wird das wohl so sein. Sie haben den Fussball über Jahre geprägt, sie sind Ausnahmekönner. Doch es wird der «Fussballer des Jahres» ausgezeichnet und nicht der «konstanteste Spieler der letzten 10 Jahre». So gesehen müssten auch Luca Modric, Mohamed Salah und Harry Kane eine Chance haben. Aber Griezmann ist der einzige Weltmeister unter ihnen.

=> «Mbappé ist auch Weltmeister und er war besser als Griezmann»
Ja, auch Mbappé hat eine fantastische WM gespielt, doch er ist noch nicht der Leader, der Griezmann ist. Und auf vereinsebene ist ihm sein älterer Kollege weit voraus.

5. Eine Wahl für den Fussball-Weltfrieden

Griezmann zu wählen wäre auch aus fussballpolitischer Sicht ein kluger Entscheid. Messi und Ronaldo haben die Trophäe je fünfmal gewonnen. Für die breite Masse heisst das: Sie sind beide gleich gut – und das sind sie doch irgendwie auch. Warum kann man es nicht dabei belassen, für den Weltfrieden. Millionen von Ronaldo- oder Messi-Fans stürzen sonst in eine tiefe Depression oder sie geben sich in den sozialen Medien so richtig auf den Deckel.


Vergleich in grossen Spielen: Ronaldo – Messi – Griezmann

Lionel Messi: In der Champions League schiesst Messi sechs Tore, doch im Viertelfinal trifft er gegen Rom weder beim 4:1-Heimsieg noch bei der 0:3-Niederlage. In die Statistik schafft er es nur dank einer gelben Karte. An der WM scheidet er mit Argentinien im Achtelfinal aus, es war nicht sein Turnier.

Cristiano Ronaldo: CR7 erzielt 15 Treffer in der Königsklasse, doch ab dem Halbfinal trifft er nicht mehr. Den Titel gewinnt Real trotzdem. An der WM zeigt Ronaldo im Startspiel gegen Spanien eine überragende Leistung, trifft dreimal (3:3). Gegen Marokko erzielt er den einzigen Treffer der Partie. Doch gegen Iran (1:1) und im Achtelfinal gegen Uruguay (1:2) kann er sich nicht mehr entfalten, sieht in beiden Spielen Gelb und wäre im Viertelfinal gesperrt gewesen.

Antoine Griezmann: In der Europa League schiesst er 6 Tore und bereitet 4 vor. Besonders auffällig, ab dem Halbfinal ist er an 4 der 5 Atlético-Toren direkt beteiligt. Beim 3:0 im Final ist er mit zwei Toren der Matchwinner. An der WM schiesst er in der Vorrunde nur ein Tor, doch danach skort er in jedem Spiel, im Final doppelt (1 Tor, 1 Assist).

Dass Ronaldo (26 Tore, 5 Assists) und Messi (34 Tore, 12 Assists) in der Liga mehr skoren als Griezmann, ist zu relativieren. Denn Barcelona erzielte insgesamt 99 Tore, Real Madrid 94. Atlético Madrid erzielte nur 58 Tore, 19 davon hat Griezmann erzielt, 9 weitere hat er vorbereitet.

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