Fünf Jahre Formel 1 in der Schweiz

SDA

2.6.2020 - 04:50

Die Schweiz ist in der Formel 1 ein Land der ersten Stunde. Nach fünf Jahren als Veranstalterin ist Schluss mit der Herrlichkeit. Das Veto der Politik lässt alle Versuche auf Wiederbelebung scheitern.

Das waren noch Zeiten, als die Schweiz in der Formel 1 hoch im Kurs stand – und dank der Rennstrecke im Bremgartenwald zu den Privilegierten gehörte. Der Rundkurs am nördlichen Stadtrand von Bern zählte zu den sechs vom Internationalen Automobilverband ausgewählten Destinationen in Europa, in denen 1950, im Gründungsjahr der Formel-1-WM, Grands Prix gefahren wurden. Die Schweiz erhielt unter anderem den Vorzug gegenüber Deutschland oder Spanien, die erst in der folgenden Saison Aufnahme im Kalender fanden.

Am Sonntag, 4. Juni, wurde der Italiener Giuseppe Farina im überlegenen Alfa Romeo vor seinem Landsmann und Markenkollegen Luigi Fagioli als Erster abgewinkt. Für den nachmaligen Weltmeister war es der zweite Sieg, nachdem er zum Auftakt schon den Grossen Preis von Grossbritannien in Silverstone für sich entschieden hatte. Der aus der Pole-Position gestartete Juan Manuel Fangio im dritten Alfa Romeo schied neun Runden vor Schluss mit defekter Elektrik aus. Emmanuel «Toulo» de Graffenried verpasste als Sechster WM-Punkte um einen Rang, der Walliser Privatfahrer Antonio Branca, der wie der Freiburger einen Maserati steuerte, wurde Elfter.

Was damals noch niemand ahnte: Nach der gelungenen Premiere sollte die neue Elite-Klasse nur noch viermal ihre Aufwartung im Bremgartenwald machen. Zwei Siege von Fangio, je einer der Italiener Piero Taruffi und Alberto Ascari – das wars dann. Die Zeit der Formel-1-Rennen in der Schweiz endete abrupt. Nach der Katastrophe beim 24-Stunden-Klassiker in Le Mans im Juni 1955 wurden Rundstreckenrennen in unserem Land verboten. Bei der Tragödie in Frankreich waren nach einem schweren Unfall der Einheimische Pierre Levegh in einem Mercedes und 83 Zuschauer getötet worden.

Nach dem Schock die Tristesse

Dem Schock und der Trauer um die Opfer in Le Mans folgte in der Schweiz die Tristesse, dem Privileg der Absturz in die Bedeutungslosigkeit. Nichts dokumentiert den durch den Entscheid der Regierung ausgelösten Wandel besser als die Rennstrecke im Bremgartenwald – oder das Wenige, was von ihr übrig geblieben ist. Fast nichts ist mehr, wie es einmal war, als die grossen Stars der Formel-1-Szene ihre Runden drehten.

Von der 7,280 Kilometer langen Strecke, die ursprünglich für Motorrad-Rennen konzipiert worden war, sind bestenfalls Bruchstücke erhalten. Der südliche Teil des Kurses ist durch die Autobahn durchtrennt, die von Bern nach Lausanne führt. Die Forsthaus-Kurve und der Start-/Ziel-Bereich sind zum Industriegebiet geworden. Dass dort einmal eine grosse Zuschauertribüne gestanden hat, ist nicht mehr zu erkennen. Die Passage mit der Jordanrampe, einem Linksknick, ist einem Dorf gewichen. Danach folgt der am besten erhaltene Abschnitt. Die Rechtskurven Eymatt und Tenni, letztere benannt nach dem 1948 an jener Stelle tödlich verunfallten Motorradrennfahrer Omobono Tenni aus Italien, und die anschliessende, rund 700 Meter lange Gerade befinden sich praktisch noch im Originalzustand – ein kleines Überbleibsel als Reminiszenz an ein Kapitel Formel-1-Geschichte.

Das Verbot von Rundstreckenrennen wurde mehrfach zum Politikum. Mehr als die temporäre Lockerung für die Formel-E-Rennen in den vergangenen zwei Jahren in Zürich und in Bern erreichten die Befürworter einer Aufhebung nicht. Als grösster Fürsprecher hatte sich Ulrich Giezendanner hervorgetan. Der im letzten Dezember nach 18 Jahren aus dem Nationalrat ausgeschiedene SVP-Mann hielt das Thema durch seine im März 2003 eingereichte parlamentarische Initiative während rund sechs Jahren in Bundesbern.

Das Veto des Ständerats

Im Juni 2009 verebbten die Hoffnungen, als der Ständerat ein zweites Mal auf die für die Wiederzulassung von Formel-1-Rennen notwendige Revision des Strassenverkehrsgesetzes nicht eingetreten war. Giezendanners Argumente fanden wohl bei den Kollegen im Nationalrat, nicht aber in der kleinen Kammer Gehör. Dabei hatte der Aargauer durchaus stichhaltige Gründe aufgelistet, etwa die jährliche Wertschöpfung von 40 bis 70 Millionen Franken, die Chance des wirtschaftlichen Aufschwungs für eine Randregion, mögliche Synergien im Hightech-Bereich oder die Förderung des Tourismus.

Jene Parlamentarier, vorab aus dem linken und grünen Lager, bei denen sich die Begeisterung für den Motorsport in engen Grenzen hält, gewichten die Sachlage anders. Für sie kommt eine Gesetzesänderung nicht nur aus Sicherheitsgründen, sondern auch aus klima- und gesundheitspolitischer Sicht nicht in Frage.

Die Vorzeichen für die Wiederbelebung von Rundstreckenrennen in der Schweiz stehen schlecht. Initianten und Sympathisanten bleibt im Moment nur der Blick zurück. Auf jene Zeit, als unser Land in der Formel 1 noch zu den Privilegierten gehört hat.

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