Freistil-Ringer Stefan Reichmuth – ein Sportmönch in «Höhen-Isolation»

Richard Stoffel

1.6.2021

Freistil-Ringer Reichmuth: «Ich habe mir Respekt erschaffen»

Freistil-Ringer Reichmuth: «Ich habe mir Respekt erschaffen»

Freistil-Ringer Stefan Reichmuth spricht im Interview mit «blue Sport» über den teils hohen Stellenwert seines Sports im Ausland und sagt, was er sich von seiner ersten Olympia-Teilnahme erhofft.

20.07.2021

Freistilringer Stefan Reichmuth ist ein moderner Gladiator in einer der ältesten olympischen Sportarten. Er lebt wie ein Sportmönch.

Richard Stoffel

1.6.2021

In einem Ende Mai zu Ende gegangenen Trainingslager in Magglingen befand sich der WM-Bronze-Gewinner von 2019 im Limit bis 86 kg in der freiwilligen Isolation – nicht wegen Corona, sondern um die letzten Stellschrauben zur Leistungsmaximierung anzuziehen.

Zwei Monate vor den Olympischen Spielen in der «Corona-Blase» verbrachte Reichmuth drei Wochen lang 16 Stunden am Tag in seinem Höhenzimmer, um seine Sauerstoffaufnahmekapazität und damit Ausdauer im Hinblick auf Tokio zu erhöhen. Die restlichen acht Stunden widmete das Kraftpaket mit der imponierenden Muskelmasse dem Training und der Nahrungsaufnahme.

epa09147320 Osman Gocen (red) of Turkey and Stefan Reichmuth (blue) of Switzerland in action during the men's weight class up to 86 kg category at the European Wrestling Championships Freestyle in Warsaw, Poland, 20 April 2021. EPA/RADEK PIETRUSZKA POLAND OUT
Stefan Reichmuth im Duell mit dem Türken Osman Gocen bei einem Kampf in Warschau am 20. April 2021.
Bild: Keystone

Reichmuth lebte «in Klausur», 16 Stunden pro Tag physisch abgeschieden von der Aussenwelt. In der bescheiden, ja spartanisch anmutenden Unterkunft des 27-jährigen Luzerners in Magglingen wurde die Höhenluft durch ein Rohr ins Zimmer geschleust. Im Dezember hatte sich der Zeitsoldat bei einer erstmaligen Erfahrung des Höhenzimmers vom Nutzen überzeugen lassen. «Nach drei Wochen verzeichnete ich rund sechs Prozent mehr rote Blutkörperchen. Ich fühlte mich bei harten Belastungen schneller erholt und war viel weniger übersäuert. Auch jetzt spüre ich, dass ich dadurch leistungsfähiger bin, vor allem nach kurzen Pausen im Ringen bemerke ich die Wirkung.»

«Road to Tokyo» – die Serie von blue Sport
Die Olympischen Sommerspiele sollen vom 23. Juli bis zum 8. August 2021 in Tokio stattfinden.

Für viele Sportlerinnen und Sportler bilden die Olympischen Spiele den Höhepunkt der Karriere. Während etwa die weltbesten Tennisspieler und Fussballer permanent im Rampenlicht stehen, bietet sich vielen Athletinnen und Athleten nur alle vier Jahre die Gelegenheit, sich der breiten Masse zu präsentieren. Im Rahmen der Serie «Road to Tokyo» besucht «blue Sport» Fechter, Ringer oder Karate-Kämpferinnen und wirft einen Blick hinter die Kulissen in einer Zeit, in der so vieles ungewiss ist. So auch die Frage, ob die Spiele letztlich überhaupt stattfinden.

Ex-Judoka Monika Kurath als «Chefin»

Reichmuth hat sich von der Anwendung des Höhenzimmers vom früheren Schweizer Vorzeige-Judoka Sergei Aschwanden inspirieren lassen. Dieser hatte 2008 auf seinem Weg zum spektakulären, ja filmreifen Gewinn von Olympia-Bronze im Limit bis 90 kg in Magglingen ebenfalls ein Höhenzimmer eingerichtet. Ein Austausch zwischen dem heutigen Verbandspräsidenten von swissjudo und Reichmuth in Villars verlief äusserst befruchtend für Reichmuth, «die Chemie zwischen den beiden stimmte und Reichmuth sog Aschwandens Erfahrungsschatz von drei Olympia-Teilnahmen auf», berichtet Monika Kurath, die seit knapp vier Jahren Leistungssportchefin von swiss wrestling ist, gegenüber «blue Sport».

Kurath hatte den Kontakt hergestellt. Sie ist die einzige WM-Medaillengewinnerin der Schweizer Frauenjudo-Geschichte. 1997 gewann sie in Paris WM-Bronze im Limit bis 48 kg. Als Trainerin hatte Kurath unter anderen vor einem Jahrzehnt die Genferin Juliane Robra zum Gewinn von zwei EM-Bronzemedaillen und der Olympia-Teilnahme 2012 in London geführt. Reichmuth betrachtet die 47-jährige Kurath nach ihrem Frontwechsel innerhalb zweier Zweikampfsportarten als Bereicherung und betont: «Ich bin stolz, dass wir sie haben. Sie hat die Rasselbande der Ringer und Nationaltrainer gut im Griff und kann auch sehr streng sein.»


Stefan Reichmuth verbringt in coronafreien Jahren bis zu 200 Tage pro Jahr im Ausland.


Kurath bezeichnet Reichmuth als «selbstständig und minutiös in der Vorbereitung». Zudem verfüge er über ein umfangreiches technisch-taktisches Repertoire. «Er nimmt viele Sachen selbst in die Hand, die ihm dann auch das Selbstvertrauen stärken.» Dass er sich schon auf WM-Ebene im Kampf um Edelmetall durchsetzte, mache ihn zum Medaillenanwärter für Tokio.

In Magglingen forderte sich Reichmuth im Kraftbereich oder stärkte seine technischen Finessen und die entsprechend dynamische Ausführung in Kampfsimulationen. Sein georgischer Sparringspartner, ein ehemaliger U23-Weltmeister aus einem tieferen Limit, fordert ihn mit seiner Agilität und setzte je nach Anweisung sukzessive steigernden Widerstand ein.

Zeit für neue olympische Medaillen-Bilder

Reichmuth stammt aus einer sportbegeisterten Familie. Sein Vater war Nationalturner sowie Ringer und Schwinger, die Mutter und die Schwester im Geräteturnen aktiv. Und Bruder Andreas ist mehrfacher Junioren-Meister im Ringen. Als Zehnjähriger wechselte Reichmuth selbst vom Turnen auf die Ringer-Matte.

Für ihn war damals schon klar, dass er eines Tages eine Olympia-Medaille gewinnen will. Archiv-Videoaufnahmen von der letzten Schweizer Olympia-Medaille im Ringen, der Bronzemedaille von Greco-Kämpfer Hugo Dietsche 1984 in Los Angeles, hat sich Reichmuth oft zu Gemüte geführt. «Es ist nun aber Zeit, neue Bilder zu produzieren», betont er. Mit Hugo Dietsches Sohn Marc, der ebenfalls dem Schweizer Ringer-Nationalkader angehört, verbindet ihn viel. «Wir verbringen 200 bis 250 Tage im Jahr zusammen. Er ist wie ein Bruder für mich.»

Dietsche gewann die Bronzemedaille   (Photo by Dölf Preisig/RDB/ullstein bild via Getty Images)
Hugo Dietsche gewann 1984 als letzter Schweizer eine olympische Medaille im Ringen.
Bild: Getty

Reichmuth führt ausserhalb seines aktuellen Sportmönch-Daseins in Magglingen denn auch seit Jahren das Leben eines Sportnomaden. Wenn nicht gerade Corona einen Strich durch die Planungen macht, verbringt er mindestens 200 Tage im Jahr im Ausland, vorwiegend in den osteuropäischen Staaten.

«Ich gehe zu und trainiere mit den Besten, um der Beste zu werden», lautet sein Motto. Mittlerweile hat er sich mit Blut, Schweiss und Tränen allerorten den Respekt erarbeitet. Selbst hartgesottene Antipoden aus dem rauen Aserbaidschan oder anderen Ländern mit unzimperlichen Sitten und deutlich niedrigerem Lebensstandard als die Schweiz kämpfen nicht mehr gerne gegen Reichmuth.

«Geheim-Buch» mit unzähligen Kombinationen von Angriffsvarianten

Für Reichmuth stehen vor Olympia noch zwei Wettkampf-Einsätze im Ausland im Programm. Am 8. Juni wird er in Warschau an einem Weltranglisten-Turnier starten. Und am 25. Juni folgt dann noch ein letzter Formtest an einem Weltcup im russischen Dagestan. Mit einer Top-4-Klassierung in Warschau könnte Reichmuth auch in der Weltrangliste als aktuelle Nummer 6 noch in die Top 4 und damit in die Setzliste für Olympia vorstossen.

Leistungssportchefin Kurath stuft dies indes als eher nebensächlich ein. «Manchmal kann ein vermeintlich weniger hoch eingeschätzter Kontrahent einem vom Stil her viel weniger liegen.» Reichmuth ist ohnehin klar, dass es im 16er-Feld bei Olympia am 4. und allenfalls am 5. August ausschliesslich enorm harte Brocken zu besiegen gibt. 

Wettkampfmässig ist er gegen vier oder fünf Gegner von Tokio schon angetreten. Er weiss aber über jeden Teilnehmer in seinem Limit bestens Bescheid, kennt die individuellen Stärken und Schwächen. Daneben führt er selbst ein persönliches «Geheim-Buch» mit unzähligen Kombinationen von Angriffsvarianten.

Fan-Kollektion kreiert

«Wichtig wird sein, cool zu bleiben. Derjenige, der sich über die Anzahl Corona-Tests und andere Sachen nicht enerviert und unnötig Energie verschwendet, wird am Ende triumphieren», ist sich Reichmuth sicher. Die erste Corona-Impfung hat auch Reichmuth bereits hinter sich. Er weiss, dass die gesundheitlichen Folgen einer Infektion auch für einen toptrainierten Ringer happig ausfallen können.

Aus der Ringer-Familie verzeichnete von der Prominenz beispielsweise der dreifache deutsche Greco-Weltmeister Frank Stäbler aufgrund der Infektion vom letzten Oktober eine vorübergehende Leistungseinbusse von über 20 Prozent. Unter anderem mit Kerzenausblasen kämpfte sich Stäbler erst nach vielen Wochen langsam zurück. Wichtig ist auch, dass Reichmuth nun verletzungsfrei bleibt. Denn an den unlängst nicht optimal verlaufenen EM war die Vorbereitung durch einen sechs Wochen vorher erlittenen Aussenbandanriss im linken Knie beeinträchtigt gewesen.

Stefan Reichmuth: «Manchmal kann ein vermeintlich weniger hoch eingeschätzter Kontrahent einem vom Stil her viel weniger liegen.»
Bild: zVg («Unsere Helden – Luzerner Olympia- und Topsportlerteam»)

Dass bei Olympia wegen der Corona-Schutzbestimmungen keine ausländischen Zuschauer erlaubt sein werden, ist für Reichmuth eine bittere Pille. Sein nächstes Umfeld mit Familienangehörigen und Freunden hat ihn im Verlaufe seiner Karriere bislang extrem unterstützt. Als kleinen Trost und um das Mitfiebern von zu Hause über den engsten Kreis hinaus zu erweitern, kreierte «Stifi» mit seinem «Team» für Olympia eine Fan-Kollektion. Aus den Einnahmen kann er auch einen Teil seiner persönlichen Ausgaben für Sparringspartner sowie den Technik-/Taktik-Coach aus Georgien oder das Engagement eines Mentaltrainers begleichen. Es befinden sich Shirts, verschiedene Caps oder zwei Winterkappen im Supporter-Angebot für Reichmuth.