Coach Sutton über Nicola Spirig: «Sie ist mit 39 so in Form wie es eine 25-Jährige sein sollte»

Von Richard Stoffel

16.6.2021

Nicola Spirig: Die dreifache Mutter befindet sich aktuell in der heissen Phase der Olympia-Vorbereitung. In Tokio bestreitet die Siegerin von London 2012 ihre fünften Spiele. 
Bild: Keystone

Es war alles andere als Zuneigung auf den ersten oder zweiten Blick zwischen Triathletin Nicola Spirig und Trainer Brett Sutton. Doch aus Skepsis wuchs sukzessives Vertrauen. Seit nunmehr eineinhalb Jahrzehnten bilden die beiden ein Erfolgsgespann.

Von Richard Stoffel

16.6.2021

Spirig war vor Sutton 15 Jahre lang von Ihrem Vater Sepp trainiert worden. «Er machte es sehr gut und formte mich zur Olympia-Teilnehmerin. Aber er war als Vater zu lieb und das Vater-Tochter-Verhältnis für uns zu wichtig, um mich als Coach aufs nächste Level zu heben», sagt Spirig.

Brett Sutton wiederum befand sich seinerzeit schon länger in Spirigs Blickfeld. «Ich verfolgte ihn aus der Distanz, fand dann aber, dass ich niemals unter ihm trainieren werde. Ich hörte von Trainings vor weisser Wand oder ohne Wasser.» Erstmals war Sutton die Schweizerin aufgefallen, als diese 17 Jahre jung und auf dem Weg zu einer weltweit herausragenden Juniorin war.

Brett Sutton, Trainer von Nicola Spirig, spricht an einer Medienkonferenz am Mittwoch, 10. Juni 2020, in Zuerich. (KEYSTONE/Alexandra Wey)
Brett Sutton arbeitet seit 15 Jahren mit Nicola Spirig zusammen.
Bild: Keystone

Einige Jahre später, als Sutton sie direkt bezüglich einer Zusammenarbeit anfragte, sagte Spirig ihm ab. Sutton weiss, was Spirig abgeschreckt haben könnte. «Sie sah mich vielleicht einmal im Jahr etwas angetrunken schlecht tanzen, weil ich wie lange im Voraus versprochen einen WM-Titel aus dem Kreis meiner Athleten feierte. Doch ich trank ansonsten ja nicht», erzählt Sutton gegenüber «blue Sport».

«Road to Tokyo» – die Serie von blue Sport
Die Olympischen Sommerspiele sollen vom 23. Juli bis zum 8. August 2021 in Tokio stattfinden.

Für viele Sportlerinnen und Sportler bilden die Olympischen Spiele den Höhepunkt der Karriere. Während etwa die weltbesten Tennisspieler und Fussballer permanent im Rampenlicht stehen, bietet sich vielen Athletinnen und Athleten nur alle vier Jahre die Gelegenheit, sich der breiten Masse zu präsentieren. Im Rahmen der Serie «Road to Tokyo» besucht «blue Sport» Fechter, Ringer oder Karate-Kämpferinnen und wirft einen Blick hinter die Kulissen in einer Zeit, in der so vieles ungewiss ist. So auch die Frage, ob die Spiele letztlich überhaupt stattfinden.

Dennoch kontaktierte er die damalige Schweizer Zukunftshoffnung nochmals und schlug ihr vor, es doch wenigstens einmal zu versuchen. «Da ich gerade verletzt war und nichts zu verlieren hatte, sagte ich zu. Er erklärte mir dann bis ins Detail, weshalb ich was und wie trainieren sollte. Es musste für mich Sinn machen, und tatsächlich machte es Sinn», erinnert sich Spirig. Dennoch hätten sie auch heute noch oft Meinungsverschiedenheiten. «Doch wir können dies in Gesprächen immer klären.»

Sutton erinnert sich, dass vorab die ersten drei Jahre der Zusammenarbeit sehr anspruchsvoll gewesen seien. «Sie vertraute nicht einfach, sondern verlangte Beweise für die Wirksamkeit. Unsere Mentalitäten waren verschieden. Sie bildete mich dadurch aber auch weiter.»

Mit Konstanz zum Leistungszuwachs

Als erste Dreikämpferin überhaupt wird Nicola Spirig in Tokio bereits ihre fünften Olympischen Spiele bestreiten. Die Sportart selbst steht seit Sydney 2000 im Programm. Spirig klassierte sich ab ihren zweiten Spielen (Peking 2008) stets in den Top 6: 6. (Peking 2008), 1. (London 2012) und Rio (2. 2016). «In den 15 Jahren unserer Zusammenarbeit verpasste Nicola nicht ein einziges Training, wenn sie gesund war», sagt Sutton.

Für den 62-jährigen Australier bilden Intensität und vor allem Konstanz die Basis zum Leistungszuwachs. Wer sich in Suttons Team mittelfristig behaupten will, braucht 100-prozentiges Commitment. Denn für den Erfolgscoach selbst ist klar: Fleiss und Opferbereitschaft schlagen Talent. Nichts befriedigt ihn mehr, wenn Arbeit gegen sogenannte Begabung gewinnt. 

Suttons Background ist facettenreich. Er trainierte schon Hunde, Pferde, Schwimmer und Triathleten. Und selbst war er Profiboxer. Im Ring lernte er durchzubeissen – auch unter Schmerzen. «Mir wurde siebenmal die Nase gebrochen. Im Ring kann man den Bettel an einem schlechten Tag nicht einfach hinschmeissen.»

Spirig ist in Suttons Augen nicht 39, sondern 25

Das Beste aus jeder Situation zu machen ist für Sutton unabdingbar. Deshalb werde Spirig in Tokio wiederum über einen Plan A, B und C verfügen. Das Alter von Spirig bleibt für Sutton nur eine Zahl. «Nicola ist mit 39 so in Form wie es eine 25-Jährige sein sollte. Und sie ist heute die physisch stärkere Athletin als sie es bei ihrem Olympiasieg 2012 in London war.»

Für Sutton ist Spirig die «fitteste Altersklassenathletin» der Gegenwart. Ob dies der Rekord-Einzeleuropameisterin über die olympische Distanz (sechs Titel) zur dritten Olympia-Medaille in Folge ausreicht? Gut möglich. Ihre Substanz reicht dazu aus, dass sie selbst an einem körperlich mittelmässigen Tag nur von den wenigsten besiegt werden kann.

Wer die dreifache Mutter in der aktuell heissen Phase der Olympia-Vorbereitung mit nicht nachlassendem Speed den Berninapass hinauf Rad fahren oder ihr im Laufen zusieht, muss anerkennen, dass diese Feststellung kaum übertrieben ist. Ihre ebenfalls formstarke Haupt-Trainingspartnerin Julie Derron ist der horrenden Tempofestigkeit Spirigs nicht gewachsen. Dabei ist Julie Derron immerhin U23-Europameisterin von 2018 oder Sprintdistanz-Europemeisterin von 2019 und wird wohl zumindest als Nummer 3 des Schweizer Frauen-Teams für Tokio selektioniert.

Nicola Spirig bereitet sich im Engadin auf die Olympischen Spiele vor. 
Bild: zVg

Spirig nähert sich zweifellos der Topform, was sich bereits in den ersten Wettkämpfen des laufenden Jahres zeigte. Und im Gegensatz zu Rio 2016 ist diesmal in der Vorbereitung kein Malheur wie damals der unverschuldete Handbruch in einem Vorbereitungswettkampf dazwischen gekommen.

Auf der Rad-Rolle im Sauna-Trainingszelt

Da wegen der Corona-Pandemie kein Olympia-Vorbereitungscamp in feuchter Hitze möglich ist, bestreitet Spirig in St. Moritz ein hartes Training wiederholt auf der Rad-Rolle in einem entsprechenden Simulations-Zelt. Darin wirkt die angestaute Hitze so gut wie unerträglich für den Kreislauf. Unvorstellbar hart dürften die Triathleten Anfang August in Tokio gefordert werden, ein brutales Ausscheidungsrennen auf der Laufstrecke ist garantiert.

Das Simulations-Zelt wurde vom Bundesamt für Sport sowie von Swiss Triathlon organisiert und befindet sich an der Leichtathletik-Bahn in St. Moritz. Und um ihre Kurventechnik für die entsprechende Olympia-Radstrecke zu verbessern, trainierte Spirig auch mit Rad-Nationaltrainer Michael Albasini. Genau wie vor Rio wird sie auch für Tokio erst sehr kurzfristig anreisen, wohl vier Tage vor dem Wettkampf.

In diesem Zelt spult Spirig auf der Rad-Rolle Kilometer ab, um die Bedingungen in Tokio zu simulieren.
Bild: zVg

Im Gegensatz zu Rio wird es unter den Teilnehmerinnen in Tokio keine Überläuferin wie seinerzeit die Amerikanerin Gwen Jorgensen geben, die Spirig in Rio vom zweiten Olympiasieg in Folge gerade noch abhalten konnte. «Dafür ist mittlerweile die Anzahl starker Radfahrerinnen gestiegen, die auch top schwimmen können», sagt Spirig.

Deshalb könnte es für die Zürcher Unterländerin schwieriger werden, ein entsprechendes Loch zu schliessen. Gelingt es ihr, wird sich auf der Laufstrecke zeigen, wer die letzten Kraftreserven am Rande des Kollaps zu mobilisieren vermag. Mit dem neu geschaffenen Mixed-Teamwettbewerb ist für Spirig gar eine zweite Medaillenchance vorhanden. Und dass die Schweizer Teamleaderin zu einem Medaillengewinn einen Löwenanteil beitragen kann, hat sie in entsprechenden Konkurrenzen schon zigmal bewiesen.