Sensationssieger Dave Ryding

Skifahren lernte er einst auf Plastikmatten – nach seinem historischen Sieg ist er sprachlos

Von Marcel Allemann

22.1.2022

Britain's Dave Ryding celebrates winning an alpine ski, men's World Cup slalom, in Kitzbuehel, Austria, Saturday, Jan. 22, 2022. (AP Photo/Giovanni Auletta)
Dave Ryding gewinnt als erster Skifahrer aus Grossbritannien ein Weltcuprennen.
Bild: Keystone

Nach dem ersten Weltcupsieg für Grossbritannien im Slalom von Kitzbühel hat Dave Ryding ein Problem. Wo nur soll er seinen historischen Triumph feiern? «Die Kneipen machen ja früh zu», sagte er angesichts der Corona-Sperrstunde um 22:00 Uhr.

Von Marcel Allemann

22.1.2022

Es waren Bilder, die unter die Haut gingen. Während sich Dave Ryding im Ziel sammeln musste, warf sich sein Trainer Jai Geyer weiter oben am Pistenrand weinend in den Schnee und schluchzte: «Er hat's geschafft! Ich kann es nicht glauben!»

100 000 Euro Prämie und die goldene Gams gibt es für den historischen Triumph. Für den ersten Sieg eines Briten bei einem Weltcuprennen. Für seinen Coup in Kitzbühel, wo er flankiert von den beiden norwegischen Ausnahmekönnern Lucas Braathen und Henrik Kristoffersen die oberste Stufe des Podestes besteigen durfte.

Am Ganslernhang war Ryding schon einmal bei einer Siegerehrung dabei gewesen. Vor fünf Jahren hatte er sich lediglich dem damaligen Ski-Dominator Marcel Hirscher geschlagen geben müssen. Neben Ryding, der nunmehr mit vier Podestplätzen zu Buche steht, schaffte es bloss noch ein Fahrer von der britischen Insel in einem Weltcup-Rennen unter die ersten Drei. Vor gut 40 Jahren war Konrad Bartelski in der Abfahrt in Val Gardena sensationell Zweiter geworden.

«Ich habe nie aufgehört, daran zu glauben»

«Normal bin ich nicht um Worte verlegen, aber jetzt verschlägt es mir die Sprache», sagte Ryding und konnte sein Glück kaum fassen. «Ich bin jetzt 35 Jahre alt, aber habe nie aufgehört, daran zu glauben. Als erster Brite ein Weltcuprennen zu gewinnen – und dann noch in Kitzbühel. Was gibt es besseres?»



Und dann stimmte Ryding sogleich zur Dankesrede an: «Ich möchte mich bei allen Briten bedanken. Ich habe zwar kein Heimrennen, aber werde von ihnen in allen Destinationen in den Alpen stets lautstark unterstützt.»

Es gibt wohl niemanden, der Ryding, der im Fahrerlager mit seiner offenen Art enorm geschätzt wird, diesen Erfolg nicht gönnt. Mit seinem Husarenritt rührte er auch seinen langjährigen deutschen Konkurrenten Felix Neureuther – inzwischen Ski-Experte bei der ARD – zu Tränen. «Ich habe ein bisschen Pippi in den Augen», stammelte dieser, «das ist gewaltig und emotional.»

Alain Baxter als grosse Inspiration

Als Sechsjähriger hatte sich Ryding, der aus Bretherton in der Grafschaft Lancashire kommt, erstmals auf Skiern probiert. Weil ihn diese zwei Latten so sehr faszinierten. Auf Plastikmatten, ausgelegt auf winzigen Erhebungen, weil es bei ihm Zuhause keinen Schnee gab. Sein erstes Skirennen auf Schnee fuhr er dann erst als Zwölfjähriger.



Inspiriert wurde er von Alain Baxter. Einem anderen Briten, der die Slalom-Stars um die Jahrtausendwende gelegentlich narrte. Unter anderem mit einem vierten Platz im März 2001 in Are. «Irgendwann will auch ich zu den besten 30 Skifahrern der Welt gehören», sagte sich Ryding damals als Jugendlicher. 

Im Dezember 2009 gab dann tatsächlich auch er sein Debüt im Weltcup. Zunächst wurde er als britischer Ski-Exot noch belächelt, doch er wurde immer besser und professioneller. Im Winter lebt er mittlerweile in Österreich, im Sommer trainiert er oft in Saas-Fee.

«Es war eine lange und wahnsinnige Reise», so Ryding nach seinem historischen Triumph. Er kann es noch immer nicht glauben, dass er nicht nur im Ziel, sondern auch am Ziel angekommen ist. Ungeklärt bleibt aber die Frage, wie sich dies in Corona-Zeiten gebührend feiern lässt.