Die erdrückende Dominanz der Europäer

10.9.2019 - 16:24, René Weder

Da geht jedem Tennis-Sympathisanten das Herz auf: Roger Federer und Rafael Nadal im selben Team (hier bei der ersten Austragung des Laver Cup 2017).
Bild: Keystone

«Europa gegen den Rest der Welt»: Was in vielen Sportarten in einem mittleren Desaster für den alten Kontinent enden würde, ist beim Tennis zumindest auf dem Papier eine klare Angelegenheit. 

Nach den US Open ist vor dem Davis Cup. Und seit drei Jahren auch vor dem Laver Cup. Die beiden Anlässe stehen sportlich zwar nicht in unmittelbarer Konkurrenz, finden aber direkt nacheinander statt und buhlen um die Gunst der Fans, die des Tennis in Anbetracht des vollgepackten Kalenders durchaus auch überdrüssig sein könnten.

Hat der Davis Cup nach den Querelen der letzten Jahre und der Reform in diesem Jahr stark an Reputation eingebüsst, so erfreuen sich der Laver Cup und sein Zugpferd Roger Federer dagegen grösster Beliebtheit. Gerade das dem Ryder Cup abgekupferte Format «Europa gegen den Rest der Welt» sorgt für eine aufregende Ausgangslage und mit dafür, dass es eben ohne Umschweife und mühselige Qualifikationsrunden oder Erstrundenpartien zur Sache geht. Dass in diesem Jahr fünf von zehn Top-Ten-Spielern dabei sind und an drei Tagen in Serie Spitzentennis geboten wird, ist ebenfalls kein Nachteil.

Europa hat in allen Statistiken die Nase vorn

Der Anlass lebt von seinen Aushängeschildern – und das ist primär Roger Federer zu verdanken, der den Event mit seiner Agentur «Team8» zum Leben erweckte und bisher keine Probleme damit bekundete, Ende September zahlreiche Weltklasse-Spieler an einem Turnier zu versammeln, das erst 2019 offiziell in den ATP-Kalender aufgenommen wurde. Gewiss spielt das Geld dabei auch eine Rolle, denn die Antrittsgagen (in unbekannter Höhe) dürften beim Einladungsturnier deutlich höher liegen als etwa im Davis Cup. Kommt hinzu: Jedem Spieler des Siegerteams winken 250'000 Dollar Prämie.

Galt der Laver Cup vor seiner ersten Austragung als lukratives Exhibition-Experiment, hat sich der Anlass zu Ehren des legendären australischen Tennis-Profi Rod Laver so zu einem spektakulären Stelldichein der Welt-Elite entwickelt. Die Ambiance ist zudem völlig einzigartig: Während sich zwei Spieler auf dem Court duellieren, verfolgen die Kollegen, die sich im Normalfall als Gegner gegenüberstehen, am Spielfeldrand das Geschehen aus einer Loge – und leisten Support in Hochglanzatmosphäre. 

Was fällt in diesem Jahr zudem besonders auf? Die Überlegenheit der Europäer im Vergleich mit dem «Rest der Welt» ist erdrückend. Nach der Absage von Kevin Anderson und dem Nachrücken von Taylor Fritz und Jack Sock präsentiert sich das Teilnehmerfeld folgendermassen:

Im von John und Patrick McEnroe gecoachten Team stehen: Isner, Raonic, Kyrgios, Shapovalov, Sock und Fritz. Der Reserve-Platz wird im Fall einer Absage benötigt. 
Bild: lavercup.com
Nadal, Federer, Thiem, Zverev, Tsitsipas, Fognini werden von Björn Borg und Thomas Enqvist gecoacht.
Bild: lavercup.com

Ein Blick auf die Statistik zeigt: Das «Team World» braucht wohl ein mittleres Tennis-Wunder, um überhaupt mithalten und den Cup erstmals gewinnen zu können. 39 Grand-Slam-Siegen steht eine blanke Null gegenüber, 68 Triumphen bei ATP-1000-Turnieren gerade einmal zwei Siege. Die Europäer belegen im Schnitt einen Weltranglistenplatz zwischen fünf und sechs – die Konkurrenten Platz 57. Man stelle sich vor, Novak Djokovic wäre auch noch mit von der Partie. Möglich, dass der Serbe aus Mitleid mit der Konkurrenz gar nicht erst aufgeboten wurde.

Das Team von John McEnroe muss sich wohl auf die Doppelspezialisten verlassen und zudem darauf hoffen, dass die Europäer im Verlauf des Turniers auch einmal ausrutschen. Der Modus könnte dabei helfen: Ein Sieg am ersten Tag gibt weniger Punkte als am dritten Tag – dazu mehr weiter unten.

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache – und es würde für das «Team World» noch bitterer aussehen, wäre auch Novak Djokovic am Start (16 Grand Slams, 33 ATP 1000er-Siege, Preisgeld 135'259'120 USD).
Bild: Teleclub

Fragen und Antworten zum Laver Cup

Austragungsort?

2019 findet der Laver Cup vom 20. bis 22. September in Genf statt. Der Gastgeber des Teamwettbewerbs wechselt jährlich, sodass eine Mannschaft alle zwei Jahre als Gastgeber in Erscheinung treten kann. Die erste Ausgabe fand auf europäischem Boden, in Prag, statt. «Team World» war Gastgeber der Folgeveranstaltung 2018 in Chicago. Laut Vorschriften wird immer auf Hartplatz gespielt, entweder in einer Halle oder einem Stadion mit verschliessbarem Dach.

Format?

Beim Wettbewerb fordern sechs europäische Topspieler ihre Konkurrenten aus dem «Rest der Welt» heraus. Es werden zwölf Spiele (neun Einzel und drei Doppel) innerhalb von drei Tagen gespielt – jeden Tag drei Einzel und ein Doppel – wobei an jedem Tag für einen Sieg ein Punkt mehr vergeben wird. Jeder Spieler bestreitet ein oder zwei Einzel, und mindestens vier der sechs Spieler treten zum Doppel an, jede Paarung darf es dabei nur einmal geben.

Alle Spiele werden im «Best-of-three»-Modus gespielt. Falls die ersten zwei Sätze ausgeglichen sind, kommt es zu einem Match-Tie-Break. Sollte es am Ende der Begegnung 12:12 stehen, spielen zwei Doppelpaare einen Match-Tie-Break um den Turniersieg. Die ehemaligen Profis Björn Borg aus Schweden (Europa) und John McEnroe aus den Vereinigten Staaten (Rest der Welt) wurden als Kapitäne für die ersten drei Jahre verpflichtet.

Siegerliste?

Schafft das Team Europa den Laver-Cup-Hattrick?
Bild: Screenshot Wikipedia

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