Team Ineos: Die neuen «Kannibalen» des Radsports

Henri Gammenthaler

26.8.2020 - 14:00

Über das Team Ineos (vormals Team Sky) führt auch bei der diesjährigen Tour de France der Sieg.
Bild: Getty

Am Samstag startet die Tour de France zu ihrer 107. Ausgabe. In Zeiten der Pandemie wird vieles anders sein. Sportlich hingegen führt auch in diesem Jahr der Sieg über die Mannschaft des ehrgeizigen Teamchefs David Brailsford – und das bedeutet nichts Gutes. Ein Kommentar.

Das «Sky Professional Cycling Team» hat im letzten Jahrzehnt so ziemlich alles gewonnen, was es im Radsport zu gewinnen gibt. Vor allem der bedeutsamsten Rundfahrt der Welt drückte die finanzkräftige «Übermannschaft» ihren Stempel auf: Mit nur drei Ausnahmen stellte das Team von David Brailsford stets den Sieger der «Grande Boucle». 2012 durch Bradley Wiggins, 2013, 2015, 2016 und 2017 durch Chris Froome sowie 2018 durch Geraint Thomas unter dem alten Teamnamen «Sky». Kurz nach der Umbenennung zum «Team Ineos» infolge eines Besitzerwechsels gewann 2019 mit dem Kolumbianer Egan Bernal erstmals ein Südamerikaner die Tour de France. Wäre der Begriff des «Kannibalen» im Radsport nicht bereits an Eddy Merckx vergeben, so würde er auch gut zum Team von David Brailsford passen.

Über den Autor

Henri Gammenthaler (Jg.) schreibt für «Bluewin» in loser Folge über seine grosse Leidenschaft: den Radsport. Der gebürtige Zürcher war einst selbst Fahrer, später TV- und Radio-Experte und Kommentator der Tour de Suisse.

Die Geschichte von Sky/Ineos ist trotz der vielen Siege alles andere als ein Radsportmärchen. Denn in erster Linie sorgen viel Geld und skrupellose Praktiken für den Erfolg. Erst recht, seit Milliardär und Chef des Ineos-Chemiekonzerns Jim Ratcliffe Geld in das Projekt pumpt. Und wo viel Geld im Spiel ist, sucht man Ehrlichkeit oft vergeblich. Die Art und Weise, wie Teamchef David Brailsford den Erfolg erzwingt, hinterlässt bei mir jedenfalls mehr als einen fahlen Beigeschmack.

Das war schon sehr früh klar: Unmittelbar nach der Teamgründung 2010 kündigte Brailsford, der Dopingpraktiken stets vehement zurückweist, an, die Tour dereinst mit einem britischen Fahrer zu gewinnen. Nur zwei Jahre später war es dann Bradley Wiggins, der Taten folgen liess – und die Geldgeber hatten Grund zu jubeln. Es gab aber gleich mehrere Makel. Zum einen hatte Wiggins eine Ausnahmeregelung für das Kortisonpräparat Triamcinolon – angeblich wegen Heuschnupfens. Zum anderen war eigentlich schon damals der spätere Seriensieger Chris Froome der bessere Fahrer, was alle sehen konnten. Die NZZ schrieb über die Tatsache, wie Froome Wiggins die Berge hochzog, von einem «teuflischen Mix aus Hilfsbereitschaft und Blossstellung».

Nicht unumstritten, aber äusserst erfolgreich: Teamchef David Brailsford.
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Ich halte es für unmöglich, dass damals alles mit rechten Dingen zu- und herging. Sowohl bei Wiggins als auch bei Froome. Brailsford hingegen sprach von einem «sauberen Sieg». Man habe die «höchsten ethischen Standards» eingehalten. Mit solchen Aussagen tue ich mich nach allem, was wir im Radsport gesehen haben, schwer.

Die Konkurrenz hat nur noch eine Nebenrolle

Dass bei David Brailsford der Sieg über allem steht, zeigen auch die jüngsten Ereignisse in seinem Rennstall. Als sich Froome im Sommer 2019 bei einem Sturz schwer verletzte und die Karriere am seidenen Faden hing, war der schleichende Abschied von seinem Team besiegelt. Es war offensichtlich, dass der heute 35-Jährige seinen Zenit erreicht hatte und «entsorgt» werden kann. Inzwischen ist Egan Bernal die grosse Nummer bei Ineos – und Favorit auf den Tour-Sieg 2020. Dem erst 23-jährigen Vorjahressieger gehört die Zukunft, die Frage ist: Für wie lange? Froome, der als einer von nur sieben Fahrern Tour, Giro und Vuelta gewonnen hat, wird in Frankreich nicht an den Start gehen. Dafür darf er zum Abschluss bei der Vuelta ein letztes Mal für Ineos fahren, bevor er zum neuen Team «Israel Start-Up Nation» wechselt. Ein respektvoller und versöhnlicher Abschied für den viermaligen Tour-Sieger sieht anders aus.



Für mich bleibt professioneller Radsport das, was in den letzten Jahrzehnten aus ihm wurde: Ein grosser Zirkus, in dem Geld, Macht und ungezügelte Gier nach Erfolg dominieren – koste es, was es wolle. Kleineren Teams mit knappen Budgets und ehrlichen Fahrern kommen bestenfalls noch Nebenrollen zu, damit die grossen Investoren ihre Show abhalten können. Die Radsportfans scheinen sich daran nicht mehr zu stören, was das Schlimme an der ganzen Sache ist. Der hoch beschworene Imageschaden ist zweifelsfrei da, aber man nimmt ihn hin. Es ist wie bei anderen grossen Sportarten, wo sich alle über das viele Geld echauffieren und am Ende trotzdem hinschauen.

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