Wie ein Tweet China erzürnt und die Amerikaner kuschen lässt

8.10.2019 - 15:07, René Weder

Yao Ming (Mitte): Die Ikone der Rockets hat die Fronten gewechselt.
Bild: Keystone

Wirbel um die Houston Rockets: Auf der Asien-Tour twittert der General Manager seine Sympathien für die Demonstranten in Hong Kong. Auf Druck krebst er zurück. Liga und Klubbesitzer schalten sich ein. Ein Starspieler macht den Kniefall und der Fall erreicht internationale Brisanz.

Der Reihe nach: Die Houston Rockets sind eine NBA-Franchise mit langer und ruhmreicher Geschichte. Lesern gesetzteren Alters dürften die Rockets der «Ära Olajuwon» noch ein Begriff sein: In den 90er-Jahren gewannen die Texaner zweimal die Meisterschaft. Seither blieben die ganz grossen Erfolge aus – auch zu der Zeit, als mit Yao Ming ein 2,29 Meter grosser Chinese das Spiel der Rockets prägte und einhergehend einen Milliardenmarkt erschloss. Ming ist heute Präsident des chinesischen Basketballverbands. «Ein toller Athlet und Nationalheld», schreibt etwa Roger Federer 2014 unter ein Bild mit dem Riesen. 

Mit der Verpflichtung von James «dem Bart» Harden sind seit 2012 die Hoffnungen wieder zurück. In dieser Saison rechnet man sich im «Lone Star State» grosse Chancen auf den Titel aus, stiess doch mit Russell Westbrook zusätzlich Hardens ehemaliger kongenialer Teamkollege aus alten Oklahoma-Tagen zu den Rockets. Interessant aus Schweizer Sicht ist in dieser Spielzeit übrigens auch die Tatsache, dass mit Clint Capela und Thabo Sefolosha erstmals überhaupt (die einzigen) zwei Schweizer im selben Team der besten Basketball-Liga der Welt spielen.

Zurück zum Thema: Wie in den letzten Jahren üblich, kurbelt der Ligabetrieb die Saison in Asien an. Der Markt ist riesig, ebenso die Faszination für den Sport. Angaben des chinesischen Streaming-Anbieters «Tencent» zufolge sollen 500 Millionen (500!) regelmässig den grossgewachsenen Stars der Szene zuschauen. Nicht nur via Merchandising verdienen die Vereine viel Geld in Asien. Auch grosse Sponsoren sorgen für Geldfluss von China in die USA. Und jetzt wird’s politisch.

Regel Nr. 1: Mach keine Politik, wenn du im Sport tätig bist

Am Wochenende sorgte der General Manager der Rockets, Daryl Morey, mit einem Tweet für Aufsehen: «Kämpft für Freiheit. Ich stehe an der Seite von Hong Kong.» Wenige Stunden später löschte Morey den Tweet wieder. Aber da nahm das Unheil bereits seinen Lauf.

Bangt um seine Karriere als General Manager: Daryl Morey.
Bild: Getty

Der chinesische Basketballverband unter der Präsidentschaft von Yao Ming erklärte schriftlich, die Zusammenarbeit mit dem NBA-Team per sofort zu stoppen und erklärte Moreys Meinung als «unangebracht». Eine Schanghaier Grossbank beendete einen Sponsoring-Vertrag mit dem Profiteam umgehend. Einheimische Prominente kündigten an, einen von der NBA organisierten Fan-Event zu boykottieren. Chinas Staatssender CCTV gab überdies bekannt, die Live-Übertragungen der beiden Spiele zwischen den Rockets und den Raptors in Schanghai und Shenzhen nicht zu zeigen.

Zuvor äusserte der schwerreiche Besitzer der Rockets, Tilman Fertitta, seinen Unmut über den Kurzmitteilungsdienst und entschuldigte sich erfolglos: «Hört zu ... Daryl Morey spricht NICHT im Namen der Houston Rockets. Unsere Anwesenheit in Tokio hat ausschliesslich mit der Promotion der NBA zu tun. Wir sind KEINE politische Organisation.»

«Wir lieben China»

Die NBA schreibt derweil in einer Mitteilung verschwurbelt: «Wir erkennen, dass die Ansichten von Daryl Morey viele unserer Freunde und Fans in China sehr verärgert haben, was bedauernswert ist. Auch wenn Daryl (Morey, Anm. d. Red.) klargestellt hat, dass seine Ansichten nicht die der Rockets oder der NBA repräsentieren, unterstützen die Werte der NBA, dass sich Individuen bilden und ihre Ansichten zu Themen teilen, die ihnen wichtig sind. Wir haben tiefen Respekt vor der Geschichte und Kultur von China und hoffen, dass der Sport und die NBA als einigende Kraft dienen können, um kulturelle Trennlinien zu überbrücken und Menschen zusammenzubringen.» In der chinesischen Version kriecht die Liga dagegen zu Kreuze und schreibt, dass sie «extrem enttäuscht» über die «unangebrachten» Worte sei.

Am Vortag machte auch Morey selbst bei Twitter den Bückling: Er meint, dass er niemanden beleidigen wollte und es ihm aufrichtig leid tue. «Ich schätze die Unterstützung der chinesischen Fans und Sponsoren sehr.»


Die bizarrste Wortmeldung kam aber von James Harden, dem Starspieler der Rockets, der wohl kaum absichtlich in das Schlamassel reingezogen wird. Wie mit einer imaginär vorgehaltenen Waffe sagt er: «Wir entschuldigen uns, wir lieben China», so Harden im Beisein von Russell Westbrook an die Adresse der chinesischen Rockets-Fans vor der ersten Partie gegen Titelhalter Toronto in der japanischen Millionenstadt Saitama City.

Harden: «Es tut uns Leid, wir lieben China»
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Harden: «Es tut uns Leid, wir lieben China»

08.10.2019


Wie aus einem Tweet eine nationale Sinnkrise entstehen kann

Die Haltung der NBA und die hilflosen Versuche, die Sache geradezubiegen, sorgt wiederum für Kritik in den USA. Der aktuell in Japan weilende NBA-Commissioner Adam Silver merkt an, dass die Liga Meinungsfreiheit unterstütze. Die Antwort aus China folgt auf den Fuss: Man sei völlig unterschiedlicher Meinung zu Silvers Unterstützung für Morey, schreibt CCTV. «Wir denken, dass alle Kommentare, die die Souveränität und soziale Stabilität eines Landes infrage stellen, nicht in den Bereich Meinungsfreiheit fallen», heisst es.

NBA-Commissioner Adam Silver ist um Schadensbegrenzung bemüht – gerät aber an allen Fronten in die Kritik.
Bild: Keystone

Das Kuschen vor China wird von Politikern in den USA als Schwäche empfunden. So bezeichnet der demokratische US-Präsidentschaftskandidat Beto O'Rourke die Reaktionen als «peinlich». Und er prangert die NBA direkt an, von der er erwartet hätte, sich hinter Moray zu stellen und sich vielmehr für ihre «unverhohlene Priorisierung von Profiten vor Menschenrechten» zu entschuldigen, schreibt er auf Twitter.

Die Auswirkungen des Tweets auf das Engagement der NBA in China und den Geldfluss in die USA sind derzeit schwierig abzuschätzen. Der chinesische Internetunternehmer und Mitbesitzer der Brooklyn Nets, Joseph Tsai, schreibt am Wochenende in einem Statement: «Es wird lange dauern, den Schaden des Tweets zu beheben.» Die Vorkommnisse untermauern derzeit vor allen Dingen zwei Tatsachen: Die Macht Chinas – und die offenkundige Abhängigkeit einer ur-amerikanischen Grosssportart.


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