Apple ist ein Opfer des eigenen Erfolgs

Henning Steier

3.1.2019

Apple-Boss Tim Cook steht unter Druck.
Symbolbild: Keystone

Apple macht in seiner Umsatzwarnung fürs Weihnachtsgeschäft in erster Linie China fürs eigene Schwächeln verantwortlich. Das ist zu einfach. Für einen Abgesang wäre es trotzdem zu früh. Ein Kommentar.

50 Milliarden Dollar hat Apple am Mittwoch an der Börse verloren. Grund ist, dass CEO Tim Cook die Umsatzprognose fürs abgelaufene Weihnachtsgeschäft auf 84 Milliarden Dollar senkte. Zuvor hatte er 89 bis 93 Milliarden erwartet. Zuletzt hatte Apple 2002 eine Umsatzwarnung veröffentlicht. Randnotiz: Damals war noch ein gewisser Steve Jobs Unternehmenschef.

Damit haben sich Gerüchte über die Absatzschwäche beim iPhone, dem mit 60 Prozent Umsatzanteil wichtigsten Produkt des Unternehmens, bewahrheitet. Doch ist wirklich in erster Linie der schwierige Markt China schuld, wie Cook verlauten lässt? 

Nicht nur im Reich der Mitte haben einheimische Hersteller wie Huawei Apple mit relativ günstigen und ebenbürtigen Smartphones den Schneid abgekauft. Zudem dominieren dort Alles-in-einem-Apps wie WeChat den Alltag, so dass sich die Nutzung vieler Geräte relativ ähnlich anfühlt. Es gibt aber mindestens fünf weitere Gründe für Apples Schwächeln:

– Provider haben in vielen Ländern die Subventionen für neue Smartphones gesenkt.

– Viele Kunden haben die Akkus ihrer Geräte günstig ausgetauscht, was die Lebenszeit derselben verlängert. Apple hatte den Preis für den Akkuwechsel zeitweise stark gesenkt, nachdem bekannt geworden war, dass der Konzern die Leistung älterer Geräte mit erschöpften Batterien zum Teil drosselte.

– Im Unterschied zu Android-Geräten erhalten iOS-Gadgets lange Updates, so dass sie für viele Nutzer lange nutzbar sind. Demensprechend schätzt Carolina Milanesi, Analystin bei Creative Strategies, dass der Update-Zyklus vieler Kunden auf bis zu 36 Monate verlängert wurde. Zuvor waren es 24.

– Der Durchschnittsverkaufspreis eines iPhones ist 2018 laut Gene Munster, Analyst bei Loop Ventures, um 23 Prozent gestiegen. Das ist der Hauptgrund, warum Umsatz und Gewinn bei Apple nicht eingebrochen sind. Denn der iPhone-Absatz ging zurück. Es wirkt also so, als seien viele Kunden nicht länger bereit oder in der Lage, die Preiserhöhungen mitzumachen.

– Tim Cook verweist seit Längerem auf das wachsende Service-Geschäft, also etwa den App Store und Apple Music. Im abgelaufenen Quartal brachte es 10,8 Milliarden Dollar ein. Bis 2020 soll es sich verdoppeln – im Vergleich zu 2016. Klar ist aber auch: Ein iPhone bringt mehrere Hundert Dollar Gewinn. Dafür muss ein Nutzer viele Apps und Abonnements kaufen. 

Bei all dem sollte man aber nicht vergessen, dass Apple auch ein Opfer des eigenen Erfolgs ist. Schliesslich war das Unternehmen im Sommer 2018 noch das wertvollste der Welt, kam auf eine Marktkapitalisierung von einer Billion US-Dollar. Viele Anleger machen also seit Längerem Kasse. Und eine Marge von 38 Prozent für die Branche immer noch weit überdurchschnittlich

Über eine Milliarde iOS-Geräte sind im Einsatz, insgesamt rund 1,4 Milliarden Gadgets mit Apfel-Logo. Die wichtigste Frage für die nächsten Jahre wird also sein, ob es Apple gelingen wird, mit dieser einzigartig kaufkräftigen Nutzerbasis mehr zu verdienen. Wie in der Branche zu vernehmen ist, wird Apple bald einen Deal mit Samsung bekanntgeben: Wahrscheinlich wird iTunes auf Fernsehern der Südkoreaner laufen. Das wiederum dürfte die Set-Top-Box Apple TV mittelfristig obsolet machen.

Das Geld muss nicht zwangsläufig dank der Services fliessen. Denn Apple dürfte mittelfristig in neue Gerätekategorien vordringen. So wird seit Längerem gemunkelt, dass das Unternehnen an einer VR-Brille arbeitet. Apple hat wiederholt bewiesen, dass man zwar nicht als erstes in einer neuen Gadget-Kategorie an den Start geht, dafür aber den grössten Erfolg einheimst, weil das eigene Gerät am ausgereiftesten daherkommt. 

Update 6. Januar: Wie vorausgesagt, spannen Apple und Samsung zusammen. Der iTunes Store kommt als App auf Samsung-Fernseher mit Tizen, und zwar auf solche der Modelljahre 2018 und 2019.

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