Das neue China-Virus

Valerie Zaslawski

2.5.2020 - 14:00

Kurze Tanzeinlagen und Sketches: TikTok gilt seit Beginn als klares Jugendmedium – doch nun will auch die Politik mitmachen.
Bild: Getty/Noah Seelam

TikTok fasziniert mit Kurzvideos Millionen von Menschen. Längst nutzen auch Ältere die Social-Media-Plattform, womit sich auch die inhaltliche Ausrichtung verändert. Und nun setzt auch noch die Politik auf den Kanal.

Ob Brokkoli fressende Katzen oder tanzende Ärzteteams: TikTok erfreut sich nicht zuletzt wegen der Coronakrise grösster Beliebtheit. Mit den mobilen Kurzvideos vertreibt sich so manch einer die Zeit in der Isolation. Sie dauern jeweils keine Minute, sind einfach zu erstellen und können mit Effekten wie Zeitraffer oder Slow Motion bearbeitet werden.

Die endlos erscheinenden Inhalte werden mit der Community geteilt, Follower braucht man dafür keine. Der Algorithmus bestimmt die Auswahl der Beiträge, die die Nutzer sehen. Es ist die pure Unterhaltung, eine digitale Bühne für jedermann und -frau.

Noch nicht allzu lange ist es her, da galt TikTok als eine App für Teenies, deren Faszination von Erwachsenen kopfschüttelnd zur Kenntnis genommen oder gar kritisch beäugt wurde. Immer mal wieder stand der mangelnde Datenschutz der chinesischen App in der Kritik.

Doch seit das Virus die Menschen zwingt, zu Hause zu bleiben, hat sich das Zielpublikum gewandelt, ist nicht nur zahlreicher, sondern auch älter geworden. So konnte TikTok laut der Analysefirma App Annie im ersten Quartal 2020 mehr Downloads generieren als WhatsApp, Instagram und Co. Insgesamt nähert sich die Download-Zahl den zwei Milliarden.

Sie ist damit die neue Nummer eins unter den (Non-Gaming)-Downloads. In über 150 Ländern ist die App mittlerweile verfügbar. Auch die durchschnittliche Nutzungsdauer von TikTok hat laut einer Studie von Februar auf März um 27 Prozent zugenommen – ähnlich wie bei anderen sozialen Medien.

Weder Cocktailbars noch tropische Strände

TikTok passt zur Isolation, denn es handelt sich um eine Indoor-Plattform, bei der vor allem in den eigenen vier Wänden gefilmt wird, während Influencer auf Instagram vor einer Kulisse aus Cocktailbars und tropischen Stränden posieren.

«Bei TikTok ging es schon immer darum, 15 Jahre alt zu sein und zuhause zu bleiben. Das ist der Hintergrund. Und jetzt muss jeder zuhause bleiben! Also wurde TikTok für Corona gemacht. Nicht absichtlich, aber es wurde quasi dafür gemacht» sagt David Nichols von der Universität Melbourne zum «Guardian».

Auch steht bei TikTok weniger die Inszenierung im Vordergrund als authentische Inhalte und Kreativität. Es geht darum, komisch zu sein, dies wirkt für die derzeit eingesperrten Menschen wie ein Druckventil. Humor und Absurdität waren schon immer die Antwort auf existenzielle Situationen. Dies macht TikTok zur perfekten Plattform, um eine Pandemie zu bewältigen: Sie wirkt beinahe therapeutisch.

So kann auch die 30-Jährige Francesca (Name der Redaktion bekannt) ihre Finger kaum mehr von der App lassen, seit der persönliche Kontakt zu anderen Menschen wegen des Lockdowns eingeschränkt wurde. Sie sei beinahe süchtig geworden, sagt sie.

«Normalerweise erlebt man auf der Arbeit oder beim Feierabendbier lustige Momente, im Homeoffice gibt es davon kaum welche.» Da springt für sie nun TikTok in die Bresche. «Die Videos bringen mich zum Lachen – und das ist jetzt doch ganz wichtig.» Sie schwärmt von der breiten Auswahl an Beiträgen, die man auch selbst erstellen kann – ob Tanz, Comedy oder andere Formen origineller Performances.

Die Politik entdeckt die Plattform für sich

TikTok ist in der aktuellen Krise aber nicht bloss Unterhaltung und Mutmacher. Auch von der Politik wird die Plattform gerade entdeckt und zunehmend als Kommunikationskanal genutzt, um die Massnahmen auch jungen Menschen zu vermitteln. Eine Zielgruppe, die sich nicht immer an die Vorgaben hält, wie das Bundesamt für Gesundheit (BAG) herausgegeben hat. Diese jungen Menschen erreicht man kaum über die Tagesschau von SRF, und auch auf Facebook sind sie nur noch schwer zu erwischen.

So kommuniziert auch das BAG seit Anfang April über TikTok, wie es auf Anfrage heisst. «Die Beliebtheit dieses sozialen Netzwerks nimmt rasch zu – insbesondere beim jungen oder sehr jungen Publikum.» Ziel der Kommunikation sei es, die gesamte Bevölkerung über das neue Coronavirus zu informieren. «Daher erschien es angebracht, dieses Netzwerk in unsere Social-Media-Kommunikation zu integrieren.»

TikTok arbeitet beispielsweise auch mit der WHO, der Weltgesundheitsorganisation zusammen. Diese hat mittlerweile über eine Million Follower, ihre Livestreams erreichen mehrere Millionen Nutzerinnen und Nutzer. Auch mit den Rot-Kreuz-Organisationen Italiens, Frankreichs, Österreichs und Deutschlands findet eine Zusammenarbeit statt.

Und natürlich wird TikTok neuerdings auch genutzt, um sich über Politiker lustig zu machen, allen voran über Donald Trump. Einmal klingt er wie ein Betrunkener im Club, ein anderes Mal empfiehlt er beziehungsweise die TikTokkerin und Komödiantin Sarah Cooper, Desinfektionsmittel gegen das Virus zu spritzen. Die Videos wurden teils millionenfach geklickt.

Wie uncool, wenn Eltern die Party crashen

Längerfristig dürfte die politische Komponente das Image der Plattform verändern – ihr eine neue Stimme geben. TikTok war bisher nicht gerade bekannt dafür, sich mit gesellschaftlichen Themen auseinanderzusetzen.

So gab es immer wieder Berichte darüber, dass Beiträge von homosexuellen, dicken oder behinderten Menschen von der Plattform diskriminiert würden, indem deren Reichweite eingeschränkt wurde. Auch wurden immer wieder Vorwürfe laut, dass es Themen, die für China politisch sensibel seien, schwer hätten auf der Plattform. Ein Verdacht, den die Betreiber jedoch auch in Stellungnahmen an die Adresse von «Bluewin» entschieden zurückweisen.

TikTok bestritt stets jegliche politische Zensur auf Anweisung aus China. Nach dem öffentlichen Aufschrei hatte die Plattform ihr Vorgehen aber geändert und die Moderationsrichtlinen angepasst. Doch solange TikTok komplett dem chinesischen Unternehmen ByteDance gehört, das den dortigen Gesetzen und der politischen Führung unterstellt ist, ist es schwierig, entsprechende Verdächtigungen der Einflussnahme völlig zu entkräften.

Die Politisierung der Plattform dürfte denn auch zu einer neuen Herausforderung in Sachen Reichweitensteuerung oder auch Zensur werden. TikTok scheint die Auseinandersetzung damit jedoch zu scheuen – ähnlich, wie andere Social-Media-Betreiber auch.

Auf die Frage, ob es möglich ist, dass zum Beispiel Trump-kritische Inhalte besonders gepusht werden, antwortet die Presseabteilung schriftlich und eher ausweichend, dass die App ihre Mission nach wie vor in der Inspiration und Bereicherung von Menschen sehe. Sie möchte ihnen «eine kreative Heimat geben und ein authentisches, unterhaltsames und positives Erlebnis bieten». Auf TikTok seien nun mal Inhalte erfolgreich, die witzig, zeitgemäss und unterhaltsam seien. Das gelte auch für Inhalte, die sich auf Personen des öffentlichen Lebens beziehen – wie eben Trump.

Nichtsdestotrotz: Was einst eine Plattform für ungehemmtes freies Spiel war, losgelöst von den Sorgen der Aussenwelt, wird nun stärker nach aussen gerichtet. Den Jugendlichen, die zuerst da waren, wird dies kaum gefallen, möglicherweise wird die App sogar an Beliebtheit einbüssen.

Die 12-jährige Ingrid, von Beginn an ein grosser TikTok-Fan, sagt: «Wenn mein Vater damit beginnen würde, Tanzvideos zu posten, dann wäre mir das echt peinlich!» TikTok sei gemacht für Menschen unter 30 Jahren, ältere hätten da nichts zu suchen. Sollten die Erwachsenen dennoch eines Tages Überhand nehmen, so kann sich Ingrid durchaus vorstellen, dass die Jugendlichen der Plattform den Rücken kehren werden.

Es gibt ja auch nichts Uncooleres, als wenn man eine Party feiert, und plötzlich tauchen die Eltern auf. Schon immer gab es da nur eine Lösung: Weiterziehen und neue Orte suchen.

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