«Ary» hätte das perfekte Familienspiel sein können

Domagoj Belancic

8.9.2020 - 10:03

Herrin über die Jahreszeiten: Ary kann mit ihren magischen Fähigkeiten verschiedene Jahreszeiten heraufbeschwören.
Bild: Modus Games

«Ary and the Secret of Seasons» hat mit seiner Mischung aus klassischen Action-Adventure-Elementen und innovativen Jahreszeiten-Puzzles theoretisch das Zeug zu einem richtig guten Game. Die Umsetzung scheitert aber an zahlreichen technischen Problemen.

Die idyllische Welt von «Ary and the Secret of Seasons» ändert sich zu Beginn des Spiels abrupt. Eine mysteriöse Macht hat die Jahreszeiten komplett durcheinandergebracht und droht, das ganze Land ins Chaos zu stürzen. Der Spieler schlüpft in die Rolle der kleinen Ary und muss in einem rund 10-stündigen Abenteuer die Balance zwischen den Jahreszeiten wiederherstellen und dem unheimlichen Schurken das Handwerk legen.

Ziemlich früh im Spiel lernt Ary eine spezielle Fähigkeit kennen, mit der auch sie die Jahreszeiten bis zu einem gewissen Grad beherrschen kann. Der Spieler kann mit dieser Fähigkeit auf Knopfdruck verschiedene Sphären mit Jahreszeiten rund um die Spielfigur herbeizaubern und damit die Umgebung manipulieren.



So kann Ary beispielsweise mit einer Winter-Sphäre die Wasseroberfläche eines Sees gefrieren lassen, um ihn zu überqueren oder mit einer Frühlingssphäre Pflanzen wachsen lassen, auf denen sie hochklettern kann.

Die anfangs ziemlich limitierten Fähigkeiten werden im Verlauf des Games mit spannenden Upgrades ergänzt und sorgen vor allem in der zweiten Hälfte des Abenteuers für knackige Rätselpassagen. Das grosse Highlight stellen die «Tempel der Jahreszeiten» dar – diese strotzen nur so vor cleveren Rätseln und Mechaniken und erinnern in ihren besten Momenten an klassische «The Legend of Zelda»-Dungeons.

Ein zäher Anfang

Bevor der Spieler zu diesen anspruchsvolleren Dungeons gelangt, muss er sich leider durch etliche Stunden voller lebloser Areale und austauschbarer Charaktere kämpfen. Im Gegensatz zu den ausgeklügelten Tempeln fühlen sich die substanzlosen Missionen in der ersten Hälfte des Spiels wie unfertige Skizzen an und bestehen meist aus repetitiven Sammel-Quests, belanglosen To-do-Listen und trivialen Puzzles.

Wer sich durch diesen zähen Anfang quälen kann, wird an einen Punkt gelangen, an dem sich die Ereignisse überschlagen und der Spieler plötzlich mit neuen Items, Upgrades und Fähigkeiten überhäuft wird.

Die Einführung dieser (meist spannenden) Fähigkeiten fühlt sich überstürzt an – neue Gameplay-Mechanismen werde teilweise gar nicht oder nur ungenügend erklärt, was zu frustrierenden Versuch-und-Irrtum-Momenten führen kann.

Dieses unebene Tempo hinterlässt einen sehr chaotischen und unbefriedigenden Eindruck. Der Spieler kommt dadurch nur selten in einen «Flow»-Zustand, in dem alle erlernten Fähigkeiten und Puzzles in Einklang stehen und alles reibungslos funktioniert.

Unbefriedigendes Kampfsystem

Neben den Puzzles sollten die zahlreichen Kämpfe gegen monströse Gegner eigentlich für ein bisschen Abwechslung im Rätsel-Alltag sorgen. Leider gehören die Kampfsituationen zu den Tiefpunkten des Spiels und frustrieren mit einer hölzernen Steuerung, chaotischer Kameraführung und niedrigem Schwierigkeitsgrad.

Selbst die hartnäckigsten Feinde erfordern keinerlei strategische Vorgehensweise und können mit blindem Knöpfedrücken ohne Probleme besiegt werden.

Die freischaltbaren Nahkampfwaffen und Kampf-Upgrades verkommen so zu belanglosen kosmetischen Aktualisierungen, die wenig bis gar keine spürbaren Effekte auf die Kämpfe haben.

Besonders frustrierend ist auch die Tatsache, dass die einzigartigen Jahreszeiten-Sphären im Kampf so gut wie keine Rolle spielen.

Die Feinde sehen teilweise imposant aus, lassen sich aber oft mit wenigen Schlägen besiegen.
Bild: Modus Games

Halbgare Inszenierung

Leider hinterlässt die holprige Inszenierung des Games ebenfalls einen sehr unausgereiften Eindruck.

Die Story rund um die mysteriösen Jahreszeitenwechsel wird in abrupt geschnittenen Zwischensequenzen und anstrengenden Dialogen erzählt und gerät aufgrund des gemächlichen Erzähltempos schnell in Vergessenheit. Schade, denn Arys Geschichte hat mit einigen mysteriösen Charakteren und Plot-Twists stellenweise durchaus Potenzial.

Übrigens: Wer Wert auf eine gute deutsche Übersetzung legt, wird mit «Ary» nicht glücklich werden. Die Untertitel und Menütexte sind teilweise so unpräzise übersetzt, dass man als Spieler nicht genau weiss, was das Game einem genau mitteilen will.



Die Städte und Umgebungen, die Ary im Verlauf der Story durchquert, sehen in ihrer bunten Cartoon-Optik zwar oberflächlich schön aus, wirken aber oft wie starre, ausgestorbene Filmkulissen, die darauf warten, mit Leben gefüllt zu werden.

Die süssen Charaktermodelle reihen sich perfekt in die Cartoon-Optik ein und sehen für ein Indie-Spiel ziemlich ansehnlich aus. Leider wirken die Animationen vor allem in hektischen Situationen und Kämpfen teilweise etwas hölzern und unbeholfen.

Immerhin kann der wunderschöne Soundtrack im Verlauf der Story (fast) immer überzeugen. Die Musik erinnert stellenweise an klassische Plattformer wie «Banjo & Kazooie» und versprüht durchgehend gute Laune und Nostalgie.

Der bunte Cartoon-Look sieht teilweise ganz schick aus.
Bild: Modus Games

Gravierende technische Probleme

Wem das unebene Tempo und die halbgare Inszenierung den Spass an «Ary and the Secret of Seasons» nicht verderben kann, wird spätestens bei den zahlreichen technischen Problemen und Bugs an seine Grenzen stossen.

Technisch ist das Game so unausgereift, dass es stellenweise nur schwer spielbar ist. Wir wurden während des Durchspielens mit einer Reihe an kritischen Bugs konfrontiert, die den Spieler sogar komplett am Vorankommen hindern können.

Ein kleiner Auszug: Story-Missionen konnten nicht gestartet werden, Dialoge wurden nicht eingeblendet, Puzzles konnten aufgrund fehlerhafter Objekte nicht gelöst werden und Spielcharaktere steckten in der Wand fest oder wurden plötzlich unsichtbar.

Viele dieser Bugs können nur mit dem Laden eines alten Spielstandes neutralisiert werden – wer seine Nerven also schonen will, speichert am besten regelmässig ab.

Erstaunlich ist, dass «Ary and the Secret of Seasons» trotz all dieser Probleme immer wieder kleine Momente vorweisen kann, in denen das Game extrem viel Spass macht. Vor allem die bereits erwähnten Tempel und die magischen Jahreszeiten-Sphären lassen das immense Potenzial des Games erahnen und hätten ein technisch robustes und fertiges Gesamtprodukt mehr als verdient.

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