G2 lässt Europa vom grossen eSports-Triumph träumen

Jeremy Ruffier des Aimes

8.11.2019 - 09:44

G2 greift am Sonntag beim Final der «League of Legends»-WM nach dem Pokal.
Bild: Riot Games

Vor drei Jahren war G2 in der «League of Legends»-Szene ein kleiner Fisch. Man wagte den Weg zum Super-Team und das Märchen nahm seinen Lauf. Am Sonntag könnte es mit dem Sieg bei der WM seinen Höhepunkt finden.

«It’s coming home»: An der Fussballweltmeisterschaft 2018 wurde mir als fanatischer eSports-Fan etwas klar:  Im Sport, wie auch bei eSports geht es weniger darum, wer am Ende gewinnt, das meiste Geld nach Hause bringt oder die beste Leistung erbracht hat. Es geht um die Geschichten, die sich vor unseren Augen abspielen und entwickeln. Die Geschichte Englands, das seit 1996 keinen grossen Erfolg mehr verzeichnen konnte, und an dieser WM wie ein Phönix aus der Asche empor stieg, hat sogar mich bewegt.

Im eSports ist das kein bisschen anders. Der Hauptgrund, warum immer mehr Zuschauer die Spiele mitverfolgen, sind die Geschichten der Spieler und Teams. Und gerade so eine Geschichte, sehr ähnlich jener Englands an der Weltmeisterschaft, spielte sich in den letzten Wochen in Berlin und Madrid ab.

Die Kluft zwischen Asien und Europa

Um diese Geschichte erzählen zu können, brauchet es ein wenig Hintergrund zum Spiel und der professionellen Szene. Wir sprechen hier von der Weltmeisterschaft in «League of Legends», ein 5-gegen-5 Strategiespiel, in welchem zwei Teams versuchen, die gegnerische Basis zu zerstören. Dazu stehen ihnen verschiede Helden mit unterschiedlichen Fähigkeiten zur Verfügung.



Da «League of Legends» ein Spiel ist, dass für eSport entwickelt worden ist, gibt es Turniere praktisch seit der Veröffentlichung. Sehr schnell etablierten sich die Asiaten, wie auch schon in anderen eSports-Titeln, an der Spitze und waren ihren westlichen Konkurrenten oft weitaus überlegen. Seit 2012 waren nur asiatische Teams Weltmeister. Die unglaubliche Kluft zwischen den Regionen wurde in der Folge «The Gap» getauft.

Dieser «Gap» wurde aber in den letzten beiden Jahren immer kleiner. Schon 2018 stand mit Fnatic ein europäisches Team im WM-Final, dieses Jahr ist es G2, das am asiatischen Thron rüttelt. Wenn man bedenkt, wo G2 vor zwei oder drei Jahren noch stand, ist das eine riesige Überraschung. Ihr «League of Legends»-Team fiel zwar auch früher nie wirklich ab,, sie hatten viele grandiose Momente in der europäischen Liga, allerdings selten Erfolg auf internationaler Ebene.

Ein mutiger Plan

Im November 2018 allerdings traf jemand in einem G2-Boardroom eine Entscheidung, die alles verändern sollte. In einem Versuch, ein Superteam zu bauen, rekrutierten sie zwei neue Spieler, Jungtalent Mikyx und Superstar Caps. Das Problem dabei: G2 hatte mit Perkz bereits einen Superstar, der auf derselben Position spielte wie Caps. Ihre nächste Ankündigung machte die Verwirrung nicht besser. Perkz sollte die Position wechseln, damit beide Superstars ihren Platz im Team finden. Ein drastischer Entscheid, der beinahe zu vergleichen ist, als würde man ein Fussballspieler für ein Basketballteam rekrutieren.



Die Analysten waren daher äusserst kritisch und erwarteten wenig von diesem neuem G2. Viele Organisationen hatten ihre Erfahrungen mit solchen Superteams schon gemacht, funktioniert hat es selten. Warum sollte es dieses Mal anders sein?

Schafft G2 die Krönung?

Nur ganz langsam mit kontinuierlich guten Leistungen in der europäischen Liga konnte das neue Wunderteam die Kritiker umstimmen. Doch dann stand mit dem Vorbereitungsturnier auf die WM der erste wirkliche Prüfstein auf dem Programm. Beim «Mid Season Invitational» versammelten sich die Top-Teams aus den besten Regionen der Welt. Als die Halbfinals anstanden sah es düster aus für G2. Sie hatten auf dem Weg dahin zwar einmal mehr brilliert, doch mit SKT wartete nun ein dreifacher Weltmeister aus Korea auf die Europäer. Keiner erwartete einen Exploit von G2, aber genau das ist passiert. In einer unglaublichen Best-of-5-Serie schlugen sie die Koreaner mit 3:2 und stellten die Frage in den Raum: Ist die Herrschaft des Ostens endgültig vorbei?

Diese Frage kann wohl erst nach dem Final der Weltmeisterschaft beantwortet werden, der am Sonntag ab 13 Uhr über die Bühne geht. Die Chancen für G2 stehen gut. Schliesslich haben sie im Halbfinal erneut SKT eliminiert und damit bewiesen, dass sie es mit jedem Gegner aufnehmen können. Einfach wird es aber nicht. Mit Fun Plus Phoenix steht ihnen ein chinesisches Team gegenüber, das genauso überrascht hat und zuletzt im Halbfinal auch den Vorjahres-Weltmeister ausgeschaltet hat.

England hat 2018 an der Fussball-WM zwar für grossartige Geschichten gesorgt, für den Sieg hat es am Ende trotzdem nicht gereicht. Aus europäischer Sicht hoffen wir dieses Mal natürlich auf einen anderen Ausgang und natürlich auch darauf, dass die beiden Superstars Perkz und Caps ihre Kritiker ein für alle Mal zum Schweigen bringen.

Den WM-Final in «League of Legends» können Sie am Sonntag, dem 10. November auch live auf Swisscom TV in der Rubrik Gaming & eSports mitverfolgen.

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