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Wie sexuelle Orientierung die Gamer-Szene spaltet

Von Pascal Wengi & Martin Abgottspon

14.6.2022

«The Last of Us» löst mit seiner Story und politischen Debatten eine grosse Diskussion aus.
Bild: Sony / Naughty Dog

«The Last of Us» ist ein Paradebeispiel dafür, wie Homosexualität auch in Gamer-Kreisen für Diskussionen sorgt. Und das obwohl sich Szene gerne immer so weltoffen gibt.

Von Pascal Wengi & Martin Abgottspon

14.6.2022

!Spoiler-Warnung!

Eins vorneweg: Dieser Kommentar enthält Story-Spoiler. Man kann nicht über die aktuelle Debatte diskutieren ohne gewisse Punkte der beiden «Last of Us»-Teile genauer zu beschreiben. Dieser Kommentar richtet sich daher an Personen, welche die Spiele bereits durch gespielt haben oder gar nicht vorhaben die Story-Momente selber zu erleben. 

Vor wenigen Tagen kündigte Sony an, dass im Herbst eine Remaster-Version vom ersten Teil von «Last of Us» auf den Markt kommt. Der Playstation-3-Titel wird also grafisch aufpoliert und für die aktuelle Konsolengeneration aufgemotzt.

Spielefans hätten allen Grund zu jubeln. Schliesslich zählen die beiden Teile von «The Last of Us» bis heute zum Besten, was die Playstation zu bieten hat. Und dennoch ging einmal mehr ein Aufschrei durch die Community. Es ist dieselbe Diskussion, die schon im Sommer vor zwei Jahren aufpoppte, als der zweite Teil auf den Markt kam. Es geht zu grossen Teilen um die sexuelle Orientierung von Ellie. Doch warum stören sich daran so viele Spieler und warum hat der Hass teilweise ein solch absurdes Ausmass angenommen?

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Diskriminierung ist keine Meinung

Viele Kritiker blasen ins gleiche Horn. Sie sind der Ansicht, die Serie will ihnen auf Biegen und Brechen Diversitäts-Politik aufzwingen. Es sind Menschen, die sich auch im Jahr 2022 ganz einfach daran stören, dass die Hauptfigur weiblich und homosexuell ist und dabei ein Werk böser Mächte im Hintergrund erkennen.

Diese Kritiker stören sich derart daran, dass sie den zweiten Teil sogar mit Negativwertungen zu bombten, um ihr eigenes Weltbild zu rechtfertigen. Dem Spiel werfen sie vor es sei männerfeindlich, würde LGBTQ+-Propaganda betreiben und jede gute Wertung zum Spiel sei gekauft und verfolge einzig das Ziel dem weissen, heterosexuellen Mann zu schaden. Nicht wenige haben Naughty Dog sogar vorgeworfen, «The Last of Us Part 2» absichtlich am Vatertag veröffentlicht zu haben, um ein klares Statement gegen die traditionelle Vaterrolle zu setzen.

Leider auch 2022 immer noch Stoff für Kontroversen: Liebe zwischen Menschen des gleichen Geschlechts. 
Bild: Sony / Naughty Dog

Die Logik hinter dieser Überlegung hinkt gewaltig. Im Umkehrschluss müsste man sich so auch fragen, ob «Bambi» ein Statement gegen das Konzept der Mutterrolle ist, weil Bambis Mami direkt zu Beginn des Films stirbt. Ist jedes Game, in welchem man einen Mann steuert automatisch eine Kriegserklärung an alle Frauen? Ist jede heterosexuelle Spielfigur gleich Anti-LGBTQ+-Propaganda? Man darf seine persönliche Meinung zu Kunst haben. Kunst lebt davon, interpretiert zu werden und etwas im Betrachter auszulösen. Doch es ist schade, dass im Jahr 2022 Menschen noch immer das Gefühl haben, sie hätten ein Anrecht darauf, dass fiktive Figuren nach ihren persönlichen Weltanschauungen geformt werden müssten.

Angriff gegen jede und jeden

Die Debatte wird umso abstruser, weil die Gegenseite im Spiel das pure Gegenteil sieht. Sie bezeichnen es sogar als homo- und transphob, da homosexuelle und transsexuelle Menschen verletzt oder getötet werden.

So verschwindet das Spiel oder wofür es steht in einem Meer aus Anschuldigung und Anfeindungen und alles wird gelabelt und politisch aufgeladen. Dabei haben viele der Diskutierenden die Spiele noch nicht einmal selber ausprobiert, sondern tragen nur den Hass weiter, der gewisse Influencer auf Youtube, Reddit oder Twitter geschaffen haben.

Wer das Spiel tatsächlich gespielt hat, wird zustimmen, dass es keine einzige Szene gibt, welche künstlich versucht, politische Ideologien zu vermitteln. Mehr noch, Naughty Dog nutzt die Diversität der Charaktere gewinnbringend für die Storyentwicklung. Als bestes Beispiel dient hier Lev, ein Transgender-Junge. Es wäre einfach gewesen zu sagen «Schaut her, wir haben eine Transgender-Person im Spiel, wir sind cool», aber «The Last of Us Part 2» erzählt damit die Geschichte weiter. So ist Lev auf der Flucht vor streng religiösen Fanatikern, welche ihn töten möchten, weil er Transgender ist. Das gibt dem Charakter und seinen Beweggründen noch mehr Glaubwürdigkeit und bindet das Thema fliessend in die Story ein.

Einfach ein Abbild der Gesellschaft

Einige Kritiker beurteilen diese Art des Storytelling  aber anders und sich auch nur schwer umzustimmen wie die erneute Debatte einmal mehr aufzeigt. Zwar präsentieren sich viele Gamer gerne als sehr weltoffen und reagieren auch äusserst empfindlich, wenn sie in ihrer Rolle als Gamer wieder mal ins Kreuzfeuer der Politik geraten.

In Tat und Wahrheit ist aber auch dieser Kreis aus gleichgesinnten nur ein Abbild der Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die vielleicht nicht ganz so modern ist, wie man meinen möchte. Aber vielleicht tragen Spiele wie «The Last of Us» im Endeffekt ja nur positiv dazu bei, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und mehr Toleranz aufzubringen.

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