Wieso Schach momentan seinen zweiten Frühling erlebt

Martin Abgottspon

5.8.2020 - 09:05

Junge Streamer versuchen sich in Schach und das kommt bei den Zuschauern gut an.
Bild: Twitch

Trotz seines etwas angestaubten Images ist Schach aktuell so populär wie schon lange nicht mehr. Ein Trend, der nicht allen gefällt.

Schon vor mehr als 1000 Jahren spielten die Menschen Schach. Das Spiel der Könige hat bis heute nicht an Reiz verloren. Dennoch wird es vor allem bei Jüngeren gerne etwas scherzhaft als «Boomer»-Spiel bezeichnet.

Dieses Image ist im Moment aber gerade dabei sich zu wandeln. Denn plötzlich widmen sich auch Influencer und bekannte Streamer dem Spiel. Das Fass so richtig ins Rollen gebracht hat dieses Phänomen die Onlineschach-Plattform «chess.com». Gemeinsam mit Twitch lancierten die Veranstalter im Juni das Amateur-Turnier «Pogchamps» für verschiedene Streamer. Im Preispool befanden sich 50'000 Dollar und das Gezeigte war beste Unterhaltung.

Fehlerorgien für beste Unterhaltung

Spitzen-Schach gab es zwar nicht zu sehen. Im Gegenteil. Meist reihte sich Patzer an Patzer. Eine ungedeckte Dame wurde eiskalt ignoriert, ehe man sich selber in die Bredouille brachte. Erfahrene Schach-Spieler mussten die Augen schliessen, die meisten anderen Zuschauer aber hatten ihren Spass.

Das lag sicherlich auch am Grossmeister und mehrfachen USA-Meister Hikaru Nakamura, der das Geschehen auf Twitch live kommentierte und sich mit Emotionen nicht zurückhielt.

Hikaru Nakamura spielte auch schon öfter gegen Weltmeister Magnus Carlsen.
Bild: Getty Images

Schub dank Corona

Selber streamt Nakamura seit Jahren Schach. Den aktuellen Boom führt er aber in erster Linie auf die Coronakrise zurück. Im März noch war sein Kanal schon gut etabliert. Durchschnittlich 2000 Zuschauer wollten beim Schach-Profi etwas abschauen. Mit dem Start der Pandemie gingen die Zuschauerzahlen dann aber richtig durch die Decke, sodass Nakamura inzwischen rund 15'000 Zuschauer im Schnitt und mehr als 450'000 Follower auf Twitch hat.



Durch den Lawinen-Effekt wurden auch mehr und mehr Streamer auf Nakamura aufmerksam und wollten selber einmal Schach ausprobieren. Einige blieben hängen und nehmen mittlerweile auch Unterricht, um in ihrem neuen Lieblingsspiel besser zu werden.

Der Kulturwandel hat begonnen

Mit der steigenden Popularität und dem Kulturwandel hin zu mehr Unterhaltung werden nun aber auch die Kritiker auf den Plan gerufen. Sie sind der Ansicht, das Spiel werde durch den Dreck gezogen und missbraucht, um die persönliche Popularität zu steigern. Nakamura entgegnet diesen Angriffen in einem Gespräch mit dem «Spiegel» aber ziemlich nüchtern: «Meine allgemeine Meinung zum Schach ist, dass die romantische Seite, die tiefe Strategie, bereits tot ist. Der Grund ist, dass Computer das Spiel völlig verändert haben.»



Schach ist schneller geworden. Vorbei sind die Zeiten, als man für einzelne Züge mehr als eine halbe Stunde Bedenkzeit aufbrachte. Der moderne Reiz des Schachs besteht auch aus dem Tempo, bei dem zwar mehr Fehler passieren, das Spiel aber trotzdem oder gerade deswegen noch unterhaltsamer machen.

Wie lange der Schach-Boom anhält, ist ungewiss. Leute wie Nakamura haben auf jeden Fall grossen Einfluss darauf wie sich der Trend weiterentwickelt. Will man Schach in der Masse etablieren, braucht es diese Freigeister, die wissen wie man zeitgemäss mit einem solch traditionellen Spiel umgeht. 

Zurück zur Startseite