Schubert macht immer noch die Musik

Markus Wanderl, London

5.2.2019 - 09:11

Das English Session Orchestra während der Aufführung von Schuberts «Unvollendeter», die ein Huawei Mate 20 Pro vollenden half.
Bild: PD

Der nächste Versuch, Franz Schuberts «Unvollendete» zu vollenden: Doch Huawei probiert es erstmals mit Künstlicher Intelligenz und einem hauseigenen Smartphone – «Bluewin» hat zugehört.

Die h-Moll-Sinfonie aus 1822 ist von den zahlreichen «unvollendeten» Kompositionen Franz Schuberts zweifelsohne die berühmteste. Ihr fehlt das Scherzo und ein Finalsatz. Doch dass es sich um einen für viele Experten und vor allem auch Liebhaber auf paradoxe Weise in sich vollendeten (zweisätzigen) Torso handelt, hat Interpreten seit je nicht davon abgehalten, etwa einen dritten Satz auf Basis des von Schubert hinterlassenen Entwurfs zu ergänzen. Oder, wie in Wien im letzten Jahr das Ensemble Concentus Musicus unter Stefan Gottfried, nicht nur den 3. Satz zu Ende zu instrumentieren, sondern dazu noch die Zwischenaktmusik aus Schuberts «Rosamunde» als Finale der h-Moll-Symphonie einzusetzen – weil es von Schubert so gedacht gewesen sei.

Quelle: Youtube

Ungelöstes Rätsel

Wieder so eine Behauptung. Denn anders als im Falle Mozarts, der während des Komponierens seines nicht minder berühmten und ebenfalls Torso gebliebenen Requiems verstarb, hat Schubert die Arbeit an der «Unvollendeten» aus unbekannten Gründen aufgegeben.

Der Behauptung, dass selbst Schubert einst die «Unvollendete» im späteren Verlauf im Fragmentarischen vollendet gesehen und sie deshalb bewusst nicht vervollständigt habe, setzen andere ein Papperlapapp entgegen: Kaum glaublich, dass Schubert die formale Grundstruktur einer viersätzigen Sinfonie seiner Epoche mir nichts, dir nichts ignoriert hätte – und Schubert habe doch nun einmal mit dem 3. Satz begonnen gehabt.

Dass die Diskussion unter den Experten nun abermals in Fahrt gerät, ist kaum anzunehmen. Der Montagabend in der Londoner Candogan Hall war kein Aha-Hörerlebnis. In einer exklusiven Aufführung gab es einen weiteren Versuch, die «Unvollendete» 197 Jahre nach ihrem Entstehen zu vervollständigen. Der chinesische Technologiekonzern Huawei, derzeit ja überhaupt in aller Munde, hat dafür erstmals auf Künstliche Intelligenz zurückgegriffen – oder präziser formuliert: «die Prozessorleistung der Dual-NPU im Huawei Mate 20 Pro» angezapft, ja, jenes hauseigenen Smartphones. Die Analyse von Klangfarbe, Tonhöhen und Rhythmen in den ersten zwei Sätzen der Sinfonie diente der KI dann als Grundlage für die Erstellung der beiden zu ergänzenden.

Waghalsige Behauptung

Doch mal halblang: Ohne Fleisch und Blut ging es dann doch nicht. Vorgetragen wurde das Klangexperiment zwar nicht – wie eigentlich angekündigt – vom altehrwürdigen Philharmonia Orchestra, dem schon Otto Klemperer, Ricardo Muti oder auch Guiseppe Sinopoli vorgestanden haben, sondern vom English Session Orchestra. Aber vor allem: Hand anlegen hat im Vorfeld vor allem der (Film-)Komponist Lucas Cantor müssen, ein Emmy-Award-Preisträger. Er habe, so beschrieb er es ausdrücklich, «die bereits guten Ansätze der KI» benutzt, Lücken gefüllt und schliesslich auch «sichergestellt, dass das Endprodukt von einem Sinfonieorchester gespielt werden kann». Schubert, so schwärmte Cantor auf der Bühne kurz vor dem Konzert, wäre vom Projekt begeistert gewesen.

Man muss nun nicht gleich das Gegenteil behaupten, dass Schubert sich also während der neu hinzugefügten gut 20 Minuten im Grabe umgedreht habe. Aber mit Filmmusik, die beim jüngsten Experiment herausgekommen ist, hatte Schubert nun nichts am Hut. Und hatte der dritte Satz noch etwas Melodiöses, verlor man im Finale fast das Interesse, weil er so scheppernd geriet, und abermals dürfte den anwesenden Kennern die Frage in den Sinn gekommen sein: Was soll denn auch nach den Schubertschen ersten beiden so tiefsinnig aufeinander verweisenden Sätzen noch kommen? Oder anders: In Vollendung macht immer noch Schubert die Musik – Stand 2019.

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