Interview Dani Levy: «Das Leben ist eine Show»

Nathalie Röllin (Text), Nicolai Morawitz (Video)

14.3.2019

«Ich bin ein Spieler» — Regisseur Dani Levy im Interview

«Ich bin ein Spieler» — Regisseur Dani Levy im Interview

Drehbuchautor, Regisseur und nun auch wieder Filmschauspieler: Dani Levy liebt es, in verschiedene Welten einzutauchen und das Risiko zu suchen. Im «Bluewin»-Interview verrät er, warum man ihn bald auch auf einer Theaterbühne sehen könnte.

11.03.2019

Im Schweizer Film «Sohn meines Vaters» spielt der Basler Dani Levy einen selbstgefälligen Übervater. Im Interview mit «Bluewin» spricht er über seine Rolle, über Mut und wie es ist, «füdliblutt» vor der Kamera zu stehen.

Er spielt in «Sohn meines Vaters», dem neuen Film des Brienzer Regisseurs Jeshua Dreyfus, zwar nicht die Hauptrolle, und trotzdem dreht sich doch irgendwie alles um den von Dani Levy verkörperten Egoisten Karl. Der gebürtige Basler mimt den charismatischen Ehebrecher überzeugend. Ob ihm diese Rolle leichtgefallen ist, wie zufrieden er selbst mit seiner Darstellung ist und ob seine Kinder nach ihm kommen, erzählt der 61-Jährige im Interview mit «Bluewin».

Herr Levy, Sie übernehmen im Film «Sohn meines Vaters» die Rolle des extrovertierten Vaters Karl, der irgendwie immer auf alles eine Antwort parat hat – ob man nun will oder nicht. Ist Ihnen das leichtgefallen?

Ja, grundsätzlich würde es mir selbst leichtfallen, wenn wir improvisieren würden, aber es gab ja ein Drehbuch, Gott sei Dank! Ich musste nicht schlagfertig sein, ich musste nur schlagfertig spielen. Der Text war geschrieben, ich habe ihn mühsam gelernt, und der Rest ist meine Persönlichkeit, die ja sowieso durch die Figur durchschimmert. Letztendlich ist eine Figur die Idee einer Figur, eine bestimmte Merkmalhaftigkeit der Figur – und der Rest ist die Persönlichkeit des Schauspielers, der im Dienst dieser Figur steht. Und alles, was der Schauspieler mitbringt an Blicken, an Ausstrahlung, an Aura, an Witz oder Strenge, an Ekelhaftigkeit, Verschlagenheit – oder was auch immer man braucht –, ist das, was der Schauspieler freiwillig zur Verfügung stellt. Oder unfreiwillig. Das gibt es auch. Manchmal merkt man gar nicht, wie man selbst in eine Figur einfliesst.

Ich bin ehrlich: Mir ist dieser selbstgefällige Lebenserklärer richtig auf die Nerven gegangen … – aber das heisst ja eigentlich, dass Sie als Schauspieler alles richtig gemacht haben, oder?

Als Schauspieler hast du ja eigentlich in der Regel die Aufgabe, deine Figur zu mögen. Das heisst: So wie jeder Mensch auch im Leben versucht, sich zu optimieren beziehungsweise sich auch bestmöglich zu verkaufen – ausser in den seltenen Momenten, wo man in eine innere Wahrheit gerät und tatsächlich jemanden wirklich sagt, wie's einem echt geht, ist in der Regel das Leben des Menschen eine: Show. Und für diese Show oder für dieses Bewusstsein, dieses Verhalten, musst du als Schauspieler die Figur eigentlich optimieren wollen. Du musst selbst mit der Figur, die du spielst, positiv verbunden sein. Ich glaube, wenn ich jetzt eine Kritik an Karl gespielt hätte, so wie ich ihn sehe, so wie Sie ihn sehen, so wie man ihn sozusagen aus dem Buch heraus lesen würde, wäre die Figur nicht die Figur geworden in seiner unangenehmen provozierenden Selbstgefälligkeit, die sie so hat. Das Rezept bei mir war, dass ich dachte: «Der ist toll. Der ist gut. Der versucht das Beste.» Du musst im System der Figur denken, nicht in deinem System. Das ist die grosse Grenzüberschreitung, die man macht, die natürlich dann umso schwieriger wird, wenn du, keine Ahnung, einen Mörder spielst oder jemanden, der Kinder missbraucht. Dann wird es ganz schwierig, weil das ja dann in einen Bereich geht, in dem du keine wirkliche Erfahrung mehr hast. Aber das ist eigentlich die Aufgabe des Schauspielers, das Optimum in der Figur zu suchen, weil die Figur deine Unterstützung braucht und nicht deine Demontage. Die Demontage läuft über die Regie und über das Buch, über den Kontext, in dem du bist, wie du bist, aber es ist nicht meine Aufgabe als Schauspieler, eine Figur zu werten.

Sind Sie selbst zufrieden mit Ihrer Darstellung?

Ja. Ich habe nicht gelitten, als ich den Film zum ersten Mal gesehen habe. Das ist ja oft auch ein Baucherlebnis. Also wenn man sich schämt, oder das Gefühl hat, man sieht sich arbeiten, oder man ist nicht authentisch, oder es wirkt dahergespielt oder dahergesprochen – dann würde ich leiden. Und ich habe nicht gelitten, ich fand die Figur schlüssig. Ich fand sie glaubwürdig, und ich fand, sie hat auch viele Facetten. Ich kenne solche Leute, die dieses guruhafte, in der Psychologie oder in der Esoterik beheimatete «Ich seh' das grosse Ganze» haben, aber letztendlich doch nur sich selbst sehen. Also diese Komplexität dieser sehr intelligenten «Heiler», das hat mich total gereizt, und ich finde, das ist auch ganz gut gelungen. Ich glaube ihm auch, dass er Mediziner ist im weitesten Sinn, also, dass er behandeln kann.

Sie sprechen es gerade an: Karl ist ja ein Psychiater – haben Sie sich im Vorfeld des Drehs selbst mit einem solchen getroffen, um sich für die Rolle vorzubereiten?

Nein, ich bin ja umgeben von Leuten, die Psychiater oder Psychologen sind. Mein Schwager, meine Schwester – ich habe das Gefühl, in meinem Bekanntenkreis hat fast jeder zweite irgendetwas mit Therapie zu tun. Ich brauchte also keine grosse Recherche.

Da konnten Sie quasi auf deren Erfahrungen zurückgreifen?

Ich wusste einfach, wie die ungefähr sind. Und ich konnte mir das auch gut vorstellen, von dem, was mir Jeshua (Dreyfus, der Regisseur, Anmerk. d. Red.) erzählt hat von seinem Vater. Der Film ist ja zwar nicht autobiografisch, aber bestimmt beheimatet in der Familie von Jeshua – und das hat dann auch viel mit dem Judentum zu tun, mit jüdischer Gesellschaft. Ich wusste einfach genau, worüber Karl spricht.

Sie vergiessen ein paar Tränen im Film. Wie ist es, auf Knopfdruck zu weinen?

Für mich ist es schwierig. Es gibt Schauspieler, vor allem Schauspielerinnen, die das wirklich echt auf Knopfdruck können. Dafür habe ich – ehrlich gesagt – zu wenig Routine. Mir fällt das schon tendenziell schwer. Ich könnte andere Dinge auf Knopfdruck eher herstellen als Weinen – entbrannte Wut, Verzweiflung oder Euphorie. Es gäbe bestimmt Gefühle, an die ich schneller herankomme als an diese expressive Trauer. Aber da gibt es auch Hilfsmittel, man kann mit Musik arbeiten, mit Gedanken. Letztendlich finde ich auch die Tränenhaftigkeit der Trauer gar nicht so entscheidend. Entscheidend ist, dass man wirklich spürt, dass jemand mit sich ringt. Ob das jetzt diese schönen Krokodilstränen sein müssen, die man dann manchmal so in Hollywood sieht, die so wunderschön herunterfliessen? In dem Moment habe ich einfach gespürt, wie verzweifelt der Mann eigentlich ist, weil er schon auch spürt, dass er nicht da ist für seinen Sohn, und dass er auch spürt, dass er eigentlich zutiefst unglücklich ist in seiner vorgegebenen Scheinwelt. Er ist auch wirklich einsam. Und das ist schrecklich. Doch auch solche Momente zieht man als Schauspieler natürlich aus dem eigenen Erfahrungskreis. Ich kenne die Gefühle vom Alleinsein, mit einer Frau zusammen zu sein und sich trotzdem einsam zu fühlen. Oder das Gefühl zu haben, dass man mit den Kindern zu wenig Zeit verbringt im Moment, oder dass man Ziele nicht erreicht. Das ist schon schrecklich. Aber diese Erfahrung hilft auf jeden Fall.

Im Film sieht man Sie auch «füdliblutt» am FKK-Strand. Sind solche Szenen schwierig zu spielen?

Überhaupt nicht. Das war mir scheissegal. Ich habe schon früher, in den 80ern- und 90ern- Jahren, Filme gemacht, in denen ich nackt war. Ich glaube, ich hätte Probleme aufgrund meiner eigenen Familie, eine richtige Sex-Szene zu spielen, aber einfach nackt zu sein, das ist mir echt egal.

«Sohn meines Vaters» spielt in Bern – Sie selbst haben aber einen Basler Dialekt. Wollten Sie für den Film nicht Berndeutsch lernen?

Nein, das war auch überhaupt nicht gefragt. Der Regisseur Jeshua (Dreyfus, Anmerk. d. Red.) ist selbst auch in Basel aufgewachsen, sein Vater spricht auch Baseldeutsch. In der Schweiz – genauso wie in anderen Ländern wie Deutschland oder den USA – ist das ja völlig realistisch, überhaupt kein Problem. Die Leute reisen, sind mobil. Es kann ja gut ein Basler Vater und eine Zürcher Mutter mit ihrem Sohn in Bern wohnen, und dieser spricht dann halt Berndeutsch, weil er dort aufgewachsen ist. Also nein. Hätte ich auch nicht gekonnt, glaube ich. Also richtig überzeugend Berndeutsch zu sprechen und dann auch noch von Bernern als authentisch angesehen zu werden, ist verdammt schwer.


«Sohn meines Vaters»: Die Bilder zum neuen Schweizer Film

Letzten Juli haben Sie im Interview mit Bruno Bötschi gesagt, dass Sie ein mutiger Mensch sind. Was war das Mutigste, was Sie je gemacht haben?

(Überlegt sehr lange) Das Mutigste? Da kommt mir gerade kein Erlebnis in den Sinn, aber ich finde es grundsätzlich mutig, Menschen die Wahrheit zu sagen. Das ist immer eine Überwindung, weil wir auch nicht richtig gewöhnt sind, uns die Wahrheit zu sagen. In einer Beziehung geht das noch eher, aber einem Freund etwas zu sagen, was einem schon lange auffällt oder jemanden bei der Arbeit, wenn auch liebevoll, aber trotzdem etwas zu sagen, was ungeahnt ehrlich und auch kritisch ist, braucht immer Mut.

Im Gespräch damals haben Sie auch erzählt, dass Sie gerne einmal mit Woody Allen frühstücken würden.

Ja, stimmt. Das war ja auch wieder so eine schreckliche Wandtafelfrage (lacht).

Ist er denn ein Vorbild, inspirierend?

Na ja, ich finde schon. Also als Filmemacher. Was er jetzt für Dreck am Stecken hat mit seinen Adoptivkindern und mit den ganzen Missbrauchsvorwürfen, das ist schon tragisch und überschattet auch das Woody-Allen-Bild. Aber als Filmemacher, der so kontinuierlich mit so einem Spass und so einer Lebendigkeit alle möglichen Genres von Filmen ausprobierte, das ist eine Art von Freiheit, die ich bewundere. Es gibt ein paar Woody-Allen-Filme, die einfach auch legendär sind, wie ich finde, und die mir auch bleiben – und für die ich auch mit ihm verbunden bin.

Irgendwie erinnert Ihre Rolle als Karl ein wenig an Woody Allen – ist das gewollt?

Nein, das war nicht gewollt. Aber sobald man halt so eine Figur spielt, die, abgesehen vom jüdischen Milieu, dieses neurotische, diese Art von Tragikkomik widerspiegelt, das erinnert einen einfach an Woody Allen. Da hat er sich einfach sehr früh in diesem Feld breitgemacht. Deswegen assoziiert selbst der normale Zuschauer, der gar nicht so viele Filme von ihm kennt, das mit Woody Allen. Das finde ich auch einfach witzig. Aber ich habe da überhaupt nicht daran gedacht erstmals.

Sie haben ja auch selbst Kinder … – gibt es Parallelen zwischen Ihrem Alltag und dem Film?

Ich hoffe nicht in dem Masse, wie das in dem Film dargestellt wird. Ich hoffe, dass ich meine Kinder durchaus wahrnehme, wie sie sind. Der Film ist für mich allenfalls ein mahnendes Beispiel, meinen Kindern wirklich zur Verfügung zu stehen. Und zwar offen und in ihrer Welt, ich möchte ihnen nicht meine Welt überstülpen. Zudem hat man als Eltern eben auch die Verpflichtung, die eigenen Probleme nicht unbedingt von den Kindern fernzuhalten, aber sie zumindest nicht damit so zu belasten, wie das die beiden Eltern im Film machen. Aber das ist ein hehrer Vorsatz, der auch nicht immer haltbar ist.

Kommen Ihre Kinder nach Ihnen – sind sie sozusagen Tochter beziehungsweise Sohn ihres Vaters?

Nein, das glaube ich nicht. Ich glaube schon, dass sie stark mit uns verbunden sind, aber sie sind nicht in einer ähnlich missbrauchten Abhängigkeit wie der arme Simon im Film – hoffe ich.

Zu guter Letzt: Was darf auf keinen Fall fehlen, wenn Sie für einen Dreh für längere Zeit an einen anderen Ort fahren müssen?

Ich muss ein gutes Showergel mitnehmen, und meine Joggingschuhe sollten nicht fehlen. Ja, das wären so die zwei wichtigsten Sachen.

«Sohn meines Vaters» läuft ab Donnerstag, 14. März, in den Schweizer Kinos.

Die Kino-Highlights im März
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