Entwürdigender Netflix-Film

Ana de Armas hätte Besseres verdient – Marilyn Monroe sowieso

Von Manuel Kellerhals

3.10.2022

Beinahe drei Stunden lang wird Marilyn Monroe (Ana de Armas) in dem neuen Netflix-Film «Blonde» erniedrigt, geschlagen und gefoltert. Verdient hat so einen Film weder die Darstellerin noch die Dargestellte.

Von Manuel Kellerhals

3.10.2022

«Sie war eine der am wenigsten gewürdigten Personen der Welt.»

Diesen Satz sagte Regisseur Joshua Logan 1962 nach dem Tod von Marilyn Monroe. Und tragischerweise hat der Kommentar auch 2022 noch seine Richtigkeit. Denn «Blonde», Netflix' Biografie über die Hollywood-Ikone, wird ihr nicht gerecht.

Im Gegenteil: Der Film reduziert Marilyn Monroe (solide gespielt von Ana de Armas) oft genauso auf ihre Reize, wie es die fetten Filmbosse in den 40er-Jahren taten. Und wenn es nicht ihre Reize sind, dann sind es ihre Leiden.

Marilyn Monroe musste kämpfen

Es stimmt: Marilyn Monroe war eine leidende Frau. Eine Frau, die sich durch ihr Leben kämpfen musste. Gegen Depressionen, gegen Sexismus, gegen häusliche Gewalt, gegen Stereotypisierungen.

Aber sie war auch mehr als ihre Leiden. Sie war eine brillante Schauspielerin. Eine Komikerin, die mit perfektem Timing und Charme die Massen zum Lachen bringen konnte. Eine Dramatikerin, die als eine der ersten Vertreterinnen des «Method Actings» galt und so hohe Ansprüche an ihr Handwerk stellte, dass sie oft Hunderte Takes verlangte.

Sie war als Geschäftsfrau eine Pionierin, die mit ihrer eigenen Produktionsfirma das eiserne Studiosystem im alten Hollywood zum Wanken brachte.

«Daddy», «Daddy», «Daddy»

In «Blonde» ist sie aber grösstenteils ein eingeschüchtertes Mädchen, das sich mit Tränen in den Augen und einem gehauchten «Daddy» auf den Lippen durch eine Folterszene nach der anderen schlagen muss.

Dabei ist Regisseur Andrew Dominik immer darauf erpicht, diese möglichst ästhetisch in Szene zu setzen. Dass «Blonde» nicht gut gemacht ist, kann man ihm nicht vorwerfen.

Geschickt wechselt der Film in Szenen von Schwarzweiss zu Farbe. Verschiedene Bildformate lösen entweder Beklemmung oder Faszination aus. Aber irgendwann drängt sich dann doch die Frage auf: Braucht es wirklich so viele Kniffe? Und wenn es wirklich nötig ist, Monroes Pein so ausgiebig auszuschlachten: Muss sie dabei so ästhetisch sein?

Dominiks Hang zu Übertreibung tut nichts für seine angebliche Mission, die Ikone Marilyn Monroe zu vermenschlichen. Stattdessen wird sie – und damit auch Schauspielerin Ana de Armas – geradezu entwürdigt. Der Gipfel davon ist eine Fellatioszene, in der die Kamera minutenlang in Nahaufnahme auf ihrem Gesicht bleibt.

Ja, das ist schockierend. Und unangenehm. Und abstossend. Und all die anderen Reaktionen seiner Figur, die Dominik mit der Szene dem Publikum näher bringen will.

Aber es ist auch ausbeutend. Denn der Regisseur will mit Marilyn Monroe gefühlt nur skandalisieren. Und das hat die Hollywood-Ikone auch 2022 nicht verdient.