Japan sorgt sich um die Zukunft des Kaiserhauses

Von Lars Nicolaysen, dpa/uri

24.11.2021 - 10:09

In this Nov. 25, 2019, photo provided by the Imperial Household Agency of Japan, Japan's Princess Aiko poses for a photo at her residence in Tokyo. Princess Aiko, daughter of Emperor Naruhito and Empress Masako, celebrated 18th birthday on Sunday, Dec. 1, 2019. (Imperial Household Agency of Japan via AP)
Japans Prinzessin Aiko posiert anlässlich ihres 18. Geburtstags im Jahr 2019 in Tokio für ein Foto. Jetzt wird die Prinzessin 20 und damit volljährig.  (Archiv)
Bild: Keystone

In Japan dürfen nur Männer auf den Thron – und deshalb droht die Erbmonarchie auszusterben. Viele wollen, dass Prinzessin Aiko eines Tages Kaiserin wird. Noch lassen Politiker Experten beraten. Doch die Zeit drängt.

Von Lars Nicolaysen, dpa/uri

24.11.2021 - 10:09

Auf ihr ruhen die Hoffnungen vieler Menschen in Japan: Prinzessin Aiko. Das einzige Kind von Kaiser Naruhito und seiner Gemahlin Masako wird am 1. Dezember 20 Jahre alt – und damit volljährig. Normalsterbliche Japanerinnen und Japaner dürfen ab diesem Alter Alkohol trinken, Rauchen und zur Wahl gehen. Die hinter den dicken Mauern des Kaiserpalastes in Tokio lebende Aiko darf dagegen nicht nur nicht wählen, sie darf nicht einmal in der Öffentlichkeit ihre eigene Meinung äussern. Und noch eines ist ihr verwehrt: der Thron. Auf den dürfen nach dem geltenden Hofgesetz nur Männer der männlichen Kaiserlinie. Doch der ältesten Erbmonarchie der Welt geht langsam der männliche Nachwuchs aus. Ist Aiko die Rettung?

Seit ihrer Hochzeit mit Naruhito im Juni 1993 hatte Masako unter einem gewaltigen Erwartungsdruck gestanden, der Nation einen Thronfolger zu gebären. Als schliesslich am 1. Dezember 2001 Aiko zur Welt kam, löste dies im Volk zwar Jubel und Erleichterung aus. Die Nachricht, dass es ein Mädchen ist, kam für viele allerdings überraschend, hatte man doch allgemein einen Jungen erwartet. Aikos Geburt löste denn auch eine Debatte darüber aus, ob das für manche frauenfeindliche Hofgesetz geändert werden sollte, um die Zukunft der Monarchie zu sichern. 2005 schien man fast so weit.



Doch es sollte anders kommen. Als ein Entwurf zur Gesetzesänderung fast im Parlament eingebracht werden konnte, verkündete plötzlich Kiko, die Frau von Kronprinz Akishino, Naruhitos Bruder, dass sie noch ein weiteres Kind erwarte. «Natürlich war es ein Junge. Und schon war das Thema Kaiserin wieder vom Tisch», erklärt Ernst Lokowandt, ein intimer Kenner des japanischen Kaiserhauses. Doch als kürzlich Kikos älteste Tochter Mako (29) ihren bürgerlichen Studienfreund Kei Komuro heiratete und damit aus dem Hof ausschied, gewann die Debatte über die Thronfolge wieder an Fahrt. Während Mako und ihr Mann nach jahrelanger Kontroverse wegen eines Streits um Geld in Komuros Familie Japan für immer den Rücken kehrten, richten sich nun die Augen der Öffentlichkeit zunehmend auf ihre Cousine, Prinzessin Aiko.

An der Schule gemobbt

Hinter dem dichten Chrysanthemenvorhang des Kaiserhauses lebt sie in den Augen vieler ein Leben, wie es sich für eine Prinzessin gebührt. Wie ihr Vater, Kaiser Naruhito, besuchte Aiko die frühere Adeligenschule Gakushuin. Seit vergangenem Jahr studiert sie an der Gakushuin-Universität japanische Sprache und Literatur. Wie ihre Mutter liebt sie Tiere, hat einen Hund namens Yuri und züchtete seit ihrer Grundschulzeit Seidenwürmer – eine Aufgabe, die grundsätzlich Kaiserinnen haben. In ihrer Abschlussarbeit an der Oberschule beschäftigte sich Aiko mit «Katzen und Hunden der Heian-Zeit» (794-1185) in der Literatur. Im Mai dieses Jahres verabschiedete sie ihr geliebtes kaiserliches Reitpferd Toyoyoshi-go in den Ruhestand.

Als Aiko acht Jahre alt war, soll die kleine Prinzessin ebenso wie andere Kinder von Jungs an ihrer Schule gemobbt worden sein. Nachdem sie eine Weile dem Unterricht ferngeblieben war, brachte ihre Mutter Masako sie täglich zur Schule und holte sie wieder ab. Ein Vertreter des Hofes hielt sich zudem im Klassenzimmer auf. Eine Klassenfahrt ihrer Tochter soll die damalige Kronprinzessin Masako laut Medien gar in ihrem Dienstwagen samt ihrem höfischen Tross begleitet haben. «Das Volk verfolgt Aikos Leben mit grossem Interesse», erklärt Lokowandt.

80 Prozent der Bevölkerung befürwortet Frau auf dem Thron

In einer jüngsten Umfrage befürworteten mehr als 80 Prozent der befragten Bürgerinnen und Bürger eine Frau auf dem Thron. Selbst in der regierenden Liberaldemokratischen Partei (LDP) gibt es laut Medien zunehmend Stimmen, die sich dafür aussprechen, dass Aiko eines Tages ihrem Vater Naruhito als Kaiserin auf dem Thron folgen sollte.



Dies wäre an sich auch nichts Neues für Japan, denn zwischen dem 6. und dem 18. Jahrhundert hatte es gleich acht weibliche Monarchen in Japan gegeben. Die letzte war Go-Sakuramachi, die von 1762 bis 1771 regierte. Der Legende nach hat die Familie ihren Ursprung in der Sonnengöttin Amaterasu-omikami. In Japan kommt der Sicherung der kaiserlichen Thronfolge grosse Symbolkraft zu. Der Tenno («Himmlischer Herrscher») gilt seit der Nachkriegszeit zwar nicht mehr als göttlich, aber nach der Verfassung ist er das «Symbol des Staates und der Einheit des Volkes». Regierungsbefugnisse sind Japans Monarchen alle genommen.

Experten sollen Lösung finden

Bis Ende des Jahres soll nun ein Gremium von Experten einen Vorschlag zur Lösung der Thronfolgeproblematik ausarbeiten. Denn die Zeit drängt: Derzeit stehen theoretisch nur noch drei Kandidaten als Nachfolger für Aikos Vater auf dem Thron bereit: Sein Bruder, Kronprinz Akishino (55), dessen 15 Jahre alter Sohn Prinz Hisahito und Naruhitos Onkel Masahito – der 85 Jahre alt ist. Sollte also Hisahito – der erste Prinz in Japan seit 41 Jahren und das einzige noch verbliebene männliche Mitglied der jüngsten Generation der Kaiserfamilie – eines Tages nicht für männlichen Nachwuchs sorgen, «hört das Kaiserhaus auf zu existieren», so Tenno-Experte Lokowandt.

Würde das Haushofgesetz jedoch so geändert, dass grundsätzlich das erstgeborene Kind – unabhängig vom Geschlecht – auf den Thron kommt, wäre das Nachwuchsproblem gelöst. Denn dann würde auch einer erstgeborenen Tochter die Thronfolge vor einem jüngeren Bruder oder einem Cousin ermöglicht. Mit anderen Worten: Aiko würde eines Tages Kaiserin. Doch Japans Nationalisten ist die Vorstellung von Frauen auf dem Thron ein Graus. Dass die Nachkriegsverfassung des Landes die Gleichheit der Geschlechter vorsieht, interessiert sie nicht. Sie würden lieber eine Wiederaufnahme einiger Kaiserhausfamilien sehen, die nach dem Zweiten Weltkrieg ihren Status verloren und zu Privatpersonen geworden waren.

Experten halten das jedoch für eine Schnapsidee. Schliesslich lebten diese Familien längst ein normales Leben als Bürgerliche und würden wohl kaum ihre Freiheiten gegen die Zwänge am Hofe tauschen wollen. Und so wartet Japan weiter auf eine Lösung. Derweil wird Prinzessin Aiko ihren Geburtstag nach alter Tradition begehen. Dazu gehören Pilgergänge zu Shinto-Heiligtümern am Hofe, wo ihre kaiserlichen Vorfahren und Japans Götter verehrt werden. Aber erst vier Tage nach ihrem Geburtstag, weil sie an dem Tag zur Universität muss. Fortan wird Aiko dann als volljähriges Hofmitglied offizielle Aufgaben übernehmen. Wozu vielleicht ja eines Tages auch der Thron gehört.

Von Lars Nicolaysen, dpa/uri