Kolumne am Mittag

Auch Melania erzählt jetzt Märchen

Von Carlotta Henggeler

5.1.2021

Im Weissen Haus ist es fünf vor zwölf: Donald Trump hat sich im Oval Office verschanzt und kämpft gegen sein präsidiales Exit an. Derweil hat Eiskönigin Melania Trump eine andere Mission: die staatliche Anerkennung als zertifizierte Märchenerzählerin. 

Donald Trumps machiavellistisches Gehirn läuft auf Hochtouren – im Weissen Haus ist der Kalte Krieg zurück. Der Noch-Präsident will seine Niederlage nicht eingestehen und bastelt an einem Notfall-Plan, um die Katastrophe abzuwenden. Von dort aus organisiert er den Widerstand gegen das Böse – also in seinem Fall Joe Biden und diese Kamilla, Kamelia... ach, wie heisst diese Frau schon wieder? Verzweifelt sucht er nach seinem Spickzettel. Dort notiert er alle schwierigen Namen wie Emmanuel Macron oder Angela Merkel phonetisch. Oder er denkt sich Eselsbrücken aus.

Bei dieser Kamilla-Dingens kann er sich noch vage erinnern, dass die Eselsbrücke etwas mit Kamelen zu tun hatte. Kamela vielleicht?

Doch der Spickzettel lässt sich partout nicht finden. Sein XXL-Pult ist mit Papieren und Gesetzesbüchern überladen. Wenn Trump eines nicht kann, dann verlieren. Egal, ob es um eine Wahl oder ums Golfspielen geht. Deshalb sucht er – zusammen mit Leidensgenosse Rudy Guliani – fieberhaft nach einer Lösung. Es kann nicht sein, dass er abgelost hat und sich bald von seinem Territorium zurückziehen muss.



Und wenn er sich ans Pult ketten würde? Rasch gibt er am PC sein Passwort ein (Donald 3-2-1, man ist ja nicht blöd) und googelt danach. Nein, so ein Szenario gab es noch nie. Mhh, wenigstens wäre es ein lauter und viel beachteter Abgang. Das wäre ganz nach seinem Gusto, sinniert Trump. Ein Feldherr gibt bekanntlich nicht einfach so auf. 

Derweil im Oval Office Trumps Gehirn raucht, bereiten sich die Belegschaft des Weissen Hauses und Melania (heimlich) schon auf den Abgang vor. Im Keller wird schon viel Champagner kaltgestellt, um endlich den DAD –  also den Day After Donald – zu feiern. 

Im Westflügel üben Melania und Söhnchen Barron, 14, fleissig Hausaufgaben. Die Eiskönigin – wie sie vom Staff heimlich genannt wird – hat ein Ziel: Sie will diplomierte Märchenerzählerin werden. Und dafür muss ihr Englisch mindestens B1-Level sein. Den Übernamen Eiskönigin gab es übrigens, weil ein Angestellter Eisblumen an den Fenstern bemerkt hatte, nachdem Melania durch den Saal geschritten war. 

Und warum will die Eiskönigin Amerikas neue Trudi Gerster werden? Als Influencerin ist sie schon etwas zu angejahrt, auch wenn sie als Ex-Model noch immer eine gute Figur abgibt und sich nach wie vor für Fashion interessiert. 

Kinder tun Eiskönigin Melania gut. Bei den präsidialen Anlässen mit Kiddies geht ihr Herz auf, dort fühlt sie sich wohl. Denn Kinder haben (noch) keine Vorurteile. Sie interessiert es nicht, ob Melania echten Pelz trägt oder welche politische Ausrichtung sie hat. (Hat sie überhaupt eine?)

Kinder sind pur, unbelastet, putzig. Das gefällt Melania. Auch die ungeteilte Aufmerksamkeit, endlich gehören die ganze Bühne und das Rampenlicht ihr, danach strebt sie – und will deshalb das Diplom schaffen. In wenigen Tagen geht es zurück nach Mar-a-Lago, davon ist sie überzeugt.

Zurück in die luxuriöse Seniorenresidenz, die ihr Gatte in Florida erbaut hat. Dort kann sie den rüstigen (Früh)-Rentnern und deren Enkeln schöne Märchen präsentieren. Am liebsten erzählt sie von Schneewittchen. Sie sieht Parallelen zwischen ihr und Snow White, wie sie auf Englisch heisst.

Der neue Job als diplomierte Märchenerzählerin ist eine Win-Win-Situation für die Trumps. Melania ist beschäftigt und verdient ihre eigenen Moneten. Gatte Donald kann in Ruhe unter der Sonne Floridas Golf spielen und seine Wunden lecken. Und dort weiterhin seine Golf-Gegner in den Wahnsinn treiben. Oder er schaut sich im Mar-a-Lago-Giftshop um, was es für neue Trump-Devotionalien zu kaufen gibt. 

Regelmässig gibt es werktags um 11:30 Uhr und manchmal auch erst um
12 Uhr bei «blue News» die Kolumne am Mittag – es dreht sich um bekannte Persönlichkeiten, mitunter auch um unbekannte – und manchmal wird sich auch ein Sternchen finden.

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