«BlickTV-»-Chef Jonas Projer

«Befinden uns in ungewohnten Gewässern – auch emotional eine Herausforderung»

Von Carlotta Henggeler

4.4.2020

Jonas Projer sagt über die grossen Herausforderungen in Corona-Zeiten als Blick-TV-Chefredaktor: «Nur schon die Pflicht zu erfüllen – gute, aktuelle Sendungen zu machen – kostet mehr Kraft als in normalen Zeiten die Kür.»

Kaum mit seinem Blick-TV-Team gestartet, steht Jonas Projer schon vor einer Mammut-Aufgabe: in Corona-Zeiten einen digitalen Fernsehsender zu stemmen. Nicht irgendeinen, sondern den ersten der Schweiz – samt neuer Crew und neuester Technik. Was ist die grösste Herausforderung – und darf man unterhalten?

Herr Projer, wie arbeiten bei Ihnen die Newsjournalisten momentan?

Die Journalistinnen und Journalisten von Blick TV arbeiten im Homeoffice, wo auch immer das geht. Doch eine TV-Newsredaktion muss handlungsfähig bleiben. Moderation, Regie, das geht nur vor Ort. Und auch Videoschnitt ist im Homeoffice sehr viel langsamer – wenn ein Beitrag innert Sekunden gesendet werden soll, reichen im Homeoffice oft die Bandbreiten nicht. Unser Aktualitätsteam ist deshalb auf Platz, hält jedoch die wichtigen Distanzregeln ein und arbeitet in Schichten, die sich nicht überschneiden.

Gibt es ein Homeoffice-System, um zu viel Nähe in Grossraumbüros zu vermeiden?

Blick TV und der ganze Blick-Newsroom arbeitet auch in normalen Zeiten weitgehend digital. Das rettet uns nun – denn unsere Journalistinnen und Journalisten kennen und nutzen die üblichen Tools seit Jahren. Vieles läuft bei uns über den Kurznachrichtendienst Slack.

Alle Mikrofone tragen einen Schutz. Werden diese nach jedem Interview ausgewechselt?

Alles Equipment wird konsequent vor und nach jedem Einsatz gründlich desinfiziert.



Wenn die Journalistinnen und Journalisten zur Arbeit erscheinen, wurden Pulte abgesperrt, um den Sicherheitsabstand zu gewährleisten?

Der Newsroom ist fast leer, da die meisten Kolleginnen und Kollegen im Homeoffice arbeiten. Diesen Raum nutzen jene wenigen, die noch da sind. Früh-, Mittel- und Spätschichten arbeiten in verschiedenen Zonen, um sich nicht zu begegnen.

Was ist aus Ihrer Sicht die grösste Umstellung für Newsjournalisten in Corona-Zeiten?

Da gibt es nicht eine einzelne Umstellung. Wie jeder andere Teil der Wirtschaft befinden wir uns gerade in völlig unbekannten Gewässern. Nur schon die Pflicht zu erfüllen – gute, aktuelle Sendungen zu machen –, kostet mehr Kraft als in normalen Zeiten die Kür.

Und die grösste Herausforderung?

Ich sehe zwei grosse Herausforderungen. Die eine ist emotional: Wie lässt sich das Miteinander, das Gemeinschaftsgefühl eines Teams in der Coronazeit aufrechterhalten? Wir haben angefangen, sogar Kaffeeräume virtuell einzurichten, in die man spontan reinschauen kann. Profitipp: Kurze Termine einbuchen, dann verpasst man sich weniger.

Und die zweite?

Die ist journalistisch: Es gibt gar keine anderen Themen mehr als Corona. Zu Beginn war es natürlich richtig, dass die Pandemie alles dominiert hat. Aber unterdessen würden doch viele gern wieder einmal andere Themen sehen, hören und lesen. Nur: Diese Themen gibt es praktisch nicht. Die redaktionelle Themensetzung jenseits von Corona wird in den nächsten Wochen zur wichtigsten Aufgabe unserer Redaktion.

Ändert sich etwas in der Berichterstattung?

Natürlich bleibt die umfassende und zuverlässige Information der Bevölkerung in Sachen Corona eine Priorität. Als reichweitenstarkes Medium haben wir hier eine gesellschaftspolitische Verpflichtung. Daneben gilt es nun aber auch, immer wieder etwas fürs «Gemüt» der Menschen zu machen. Das soziale Leben steht ja praktisch still. Hier wollen wir einen kleinen Beitrag leisten. Zum Beispiel mit der Serie «Stars@Home», die wir kurzerhand mit Ticketcorner ins Leben gerufen haben. Da momentan keine Konzerte stattfinden können, streamen wir Live-Auftritte von Schweizer Künstlern direkt in die Stuben der Schweiz. Und sorgen in diesen Zeiten so hoffentlich für etwas Freude.



Darf man momentan unterhaltsam sein? 

In der Berichterstattung zur aktuellen Lage, zu Vorsichtsmassnahmen und zur Entwicklung der Zahlen informieren wir sachlich und auch mit dem angemessenen Respekt: Es geht um eine Krankheit, es gibt täglich neue Todesfälle zu beklagen. Hier ist Ernsthaftigkeit und Zurückhaltung mehr als angezeigt. Daneben gibt es aber andere Bereiche, und hier braucht die Schweiz – wohl mehr denn je – auch Spass und Lebensfreude.

Die Coronakrise beschert den Medien Traumquoten, Klick-Hochs – es ist Fluch und Segen gleichzeitig ...

Nein. Wenn Menschenleben auf dem Spiel stehen und die gesamte Schweizer Wirtschaft darnieder liegt, ist das für niemanden eine Chance. Und spezifisch mit Blick auf die Medien: Allen Sendern, Titeln und Portalen brechen gerade die Werbeeinnahmen weg. Eine Chance sieht anders aus.

Wie viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter befinden sich in Quarantäne?

Ringier hat sehr früh konsequent Vorsichtsmassnahmen getroffen – und wir haben bis jetzt viel Glück. Immer mal wieder bleibt eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter zu Hause, um kein Risiko einzugehen. Aber wir haben aktuell niemanden in Quarantäne.

Gibt es ein Notfall-Szenario, sollte wegen Corona ein normaler Betrieb nicht mehr möglich sein?

Wir sind schon lange nicht mehr im normalen Betrieb! Entscheidend ist, dass der Sender weiterläuft und reaktionsfähig ist bei Breaking News. Das würden wir notfalls auch mit noch schlankerer Besetzung schaffen. Der Plan dafür steht, ja.

Das sind die besten Pressefotos 2019.

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