Der Tag, an dem George Michael in China in die Politik einstieg

Hanspeter «Düsi» Künzler

5.4.2021

FILE - In this April 7, 1985 file photo, George Michael and Andrew Ridgeley of the British group WHAM! perform during a concert in Peking, China. Michael, who rocketed to stardom with WHAM! and went on to enjoy a long and celebrated solo career lined with controversies, has died, his publicist said Sunday, Dec. 25, 2016. He was 53. (AP Photo)
Andrew Ridgeley (links) und George Michael während ihres ersten Konzerts in China.
Bild: Keystone

Am 5. April 1985 begann die erste China-Tournee einer westlichen Pop-Band mit einem feierlichen Bankett in Beijing. Dabei dachten George Michael und Andrew Ridgley nicht im entferntesten an die Politik: Sie wollten bloss die grösste Pop-Band auf der Welt sein.

Hanspeter «Düsi» Künzler

5.4.2021

George Michael war 21, sein Kumpel Andrew Ridgley ein Jahr älter, und die beiden hatten ein grossartiges Jahr hinter sich. Schon ihre ersten Singles hatten sich in den britischen Top 10 breitgemacht. Dank «Wake Me Up Before You Go-Go», «Careless Whisper» und «Freedom» war ihnen nun auch der grosse Durchbruch in den USA gelungen.

Aber Wham! wollten mehr.

Das konnte ihrem neuen Manager nur recht sein. Simon Napier-Bell hatte einst Dusty Springfield, die Yardbirds und T. Rex zum Erfolg geführt. Eigentlich hatte er sich in Thailand zur Ruhe setzen wollen. Aber als Michael und Ridgley in seiner Residenz gleich um die Ecke von der Schweizer Botschaft in London erschienen, um ihn um Hilfe zu bitten, verschob er seine Pläne.

Napier-Bell war eine Spielernatur, sein Vermögen hatte er längstens gemacht. Er nahm seinen Job ernst – so lange sich ihm die Möglichkeit bot, um die Welt zu jetten und schlaue Tricks auszuhecken. China hatte ihn schon immer fasziniert. In letzter Zeit war es leichter geworden, dieses Land zu besuchen.

Noch aber hielt sich der kulturelle Austausch mit dem Westen in engen Grenzen. So war bis dahin noch nie eine westliche Popband in China aufgetreten. Diese Herausforderung war genau die Art von Adrenalinschub, die Napier-Bell brauchte. Er wusste: Wenn es ihm gelang, ein solches Konzert zu arrangieren, wären Wham! die allerberühmtesten Popstars auf Erden.

«Warum hat die Regierung die Trennung zugelassen?»

Die ersten Versuche, seine Idee den Chinesen schmackhaft zu machen, fielen auf taube Ohren. Ob er nicht lieber die Beatles bringen könne, sei er gefragt worden, schreibt Napier-Bell in seinen amüsanten Wham!-Memoiren «I’m Coming to Take You To Lunch».

Auf den Hinweis, die Band habe sich leider aufgelöst, reagierte das chinesische Gegenüber überrascht: «Warum hat die Regierung die Trennung zugelassen?»

Langsam kam die Sache doch noch in Fahrt. Es kam dem Duo zugute – so der Manager –, dass man es tunlichst vermieden habe, jemals irgendwelche ernste Botschaften zu verbreiten: «Die Boys hatten nur ein Ziel: Spass zu haben.»

Im letzten Moment wären die Pläne fast noch durchkreuzt worden. Man bekam Wind, dass Queen auf dem besten Weg war, Wham! zuvorzukommen. Das durfte nicht passieren. Napier-Bell stellte zwei Dossiers zusammen und spielte sie geschickt in die Hände der chinesischen Autoritäten.

Das erste dokumentierte die Sauberbuben Wham! und ihren tadellos konventionellen Lebenswandel. Das zweite über Queen begann mit einer ausführlichen Erklärung von der Bedeutung des Bandnamens …

Eingeständnisse an die lokalen Gepflogenheiten

18 Monate dauerte es, bis die ersten zwei Auftritte einer westlichen Popband in China – einer in Beijing und einer in Canton – endlich beschlossene Sache waren. Zuletzt musste es allerdings sehr schnell gehen. Anfangs März kam das Ja-Wort, bereits am 5. April 1985 sollte in Beijing der Empfang mit einem Bankett in den Räumlichkeiten der Chinese Youth Federation gefeiert werden.

China war nicht gewillt, auch nur einen Penny an das Unternehmen beizusteuern. Gleichzeitig bestand  Wham! darauf, die Rechte am Dokumentarfilm, für den man den namhaften Regisseur Lindsay Anderson («If…», «O Lucky Man» ua.) verpflichtet hatte, aus der Hand zu geben.

Es blieb Wham! ein knapper Tag, jemanden zu finden, der ihnen die nötige halbe Million Pfund auslieh. Ausserdem mussten Michael und Ridgley gewisse Eingeständnisse an die lokalen Gepflogenheiten machen. So sollten sie das suggestive Wackeln mit dem Hintern tunlichst vermeiden.

«Andrew und ich fühlen uns extrem geehrt und geschmeichelt, heute hier sein zu dürfen», erklärte George Michael in seiner Rede vor dem Begrüssungsbankett. «Wir hoffen, dass unser Auftritt einen kleinen kulturellen Austausch zwischen den hiesigen jungen Menschen und dem Westen ermöglicht und ihnen zeigt, was in der restlichen Welt geschieht.»

Und: «Es ist dies ein kleiner Schritt für Wham! – aber ein grosser Schritt für die Jugend der Welt.»

Akute Photographen-Phobie

Postscript: Die siebentägige Reise ging nicht ohne Stress ab. George Michael, der den Rummel um seine Person eh schon satthatte und inzwischen auch an einer akuten Photografen-Phobie litt, gefiel es gar nicht, dass er beim ersten Auftritt von 200 klickenden Kameras und 70 TV-Equipen empfangen wurde.

Ausserdem ging ihm Lindsay Anderson auf die Nerven, der mit einem Tross von 40 Leuten angereist war. Der resultierende Film ist nie offiziell erschienen. Stattdessen liessen George Michael und Andrew Ridgley von ihrem bevorzugten Video-Regisseur eine Neuversion zusammenstellen, die unter dem Titel «Wham! in China: Foreign Skies» veröffentlicht wurde.

Auch das war natürlich ein Top-Hit.

Zur Autor: Der Zürcher Journalist Hanspeter «Düsi» Kuenzler lebt seit bald 40 Jahren in London. Er ist Musik-, Kunst- und Fussball-Spezialist und schreibt für verschiedene Schweizer Publikationen wie die NZZ. Regelmässig ist er zudem Gast in der SRF3-Sendung «Sounds».


Regelmässig gibt es werktags um 11:30 Uhr und manchmal auch erst um 12 Uhr bei «blue News» die Kolumne am Mittag – sie dreht sich um bekannte Persönlichkeiten, mitunter auch um unbekannte – und manchmal wird sich auch ein Sternchen finden.


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