Ex-FBI-Chef Comey: «Ich kam mir vor, als sässe ich mit einem Mafiaboss am Tisch»

Marlène Von Arx

21.10.2020 - 15:14

Hillary Clinton hat er wohl die Wahl gekostet, Trump feuerte ihn wegen mangelnder Loyalität: Ex-FBI-Direktor James Comey. Im Interview spricht er über den grössten Albtraum seiner Karriere. Und dessen Verfilmung.

James Comey, mit Ihrem Timing, Hillary Clintons E-Mails kurz vor der Wahl erneut zu untersuchen, haben Sie die Präsidentschaftswahl von 2016 beeinflusst. Was würden Sie aus heutiger Sicht anders machen?

Ich würde ein paar kleine Dinge anders machen, vor allem Dinge anders erklären – da habe ich sicher Fehler gemacht. Wenn ich einen Zauberstab hätte, würde ich die Zeit ändern, sodass das FBI überhaupt nicht involviert gewesen wäre. Das Ganze war ein Albtraum. Aber im Grossen und Ganzen, mit dem Wissensstand, den ich damals hatte, würde ich nicht anders handeln.

Ich wollte die Wahl nicht beeinflussen, aber auch das Volk und den Kongress nicht in die Irre führen. Man kann es mit einem Fussballspiel vergleichen: Wir waren in der Verlängerung und mussten einen Entscheid fällen. Dafür übernehme ich auch die Verantwortung.

Wieso haben Sie zu jenem Zeitpunkt nicht den gleichen Effort in Trumps angebliche Russland-Verbindungen investiert wie in die Clinton-E-Mails?

Wir wussten zwar, dass die Russen sich einmischten, aber wir wussten nicht, wer involviert war und was genau ablief. Wir standen erst am Anfang der Untersuchung – nicht von Trump, sondern von vier Amerikanern, die allenfalls eine Verbindung mit Russland hatten. Alles war klassifiziert. Vielleicht wäre nichts dabei herausgekommen und hätte Leute nur fälschlicherweise angeschwärzt. Der Fall Clinton, der im Juli als abgeschlossen galt, war anders: Hier kamen nochmals neue Indizien zum Vorschein. Ich fand, der Kongress musste darüber informiert werden.

Comeys Buch wurde als Mini-Serie «The Comey Rule» verfilmt. 

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Eine Untersuchung befand, dass Sie nicht richtig gehandelt hatten …

Sie sagten, ich sei vor einen schwierigen Entscheid gestanden und hätte falsch entschieden. Ich bin mit dieser Schlussfolgerung des Justizdepartements zwar nicht einverstanden, aber ich bin froh, wurde mein Verhalten untersucht und analysiert, sodass nun ein Präzedenzfall besteht und man daraus lernen kann. Im Gegensatz zu unserem Präsidenten akzeptiere ich als Leader Verantwortung und Transparenz.

Ihr Entscheid war damals ein Game-Changer kurz vor der Wahl. Wie sehr lässt sich das Stimmvolk in letzter Minute beeinflussen?

Ich kenne mich in der Politik nicht genug aus, um da eine wirklich durchdachte Antwort zu geben, aber ich denke, die Wähler lassen sich so spät nicht mehr gross umstimmen. Biden ist schon seit März weit voraus. Meine grössere Sorge ist eine andere.

Nämlich?

Dass dieser Präsident genug Leute überzeugen könnte, eine Biden-Wahl als nicht legitim zu erachten. Eine friedliche Machtübergabe könnte in Gefahr sein. Das würde unserer Demokratie weiter schaden. Ich glaube zwar schon, dass er bei einer Niederlage abtritt, aber wenn wir etwas über Donald Trump wissen, dann das, dass er gerne das Feuer bis zum letzten Moment am Lodern lässt, um seine Einschaltquoten zu steigern.

Donald Trump hat Sie in seinem ersten Amtsjahr aus mangelnder Loyalität gefeuert. Ein Schlüsselerlebnis – und eine Schlüsselszene im Zweiteiler ‹The Comey Rule› – war ein privates Abendessen im Weissen Haus. Wie haben Sie Trump 1:1 erlebt?

Ich kam mir vor, als sässe ich mit einem Mob-Boss der Cosa Nostra am Tisch. Er lehnte sich zu mir herüber und fragte mich, was ich vorhätte und er hoffe, dass ich FBI-Direktor bleibe. So quasi, wie wenn ein Mafioso sagt: ‹Nettes Haus haben Sie hier. Wäre schade, wenn es in Flammen aufgehen würde.› In der Öffentlichkeit ist er ein lauter Lügner. Diese bedrohliche leisere Seite kennt man weniger.

Jeff Daniels als James Comey und Brendan Gleeson als Donald Trump in «The Comey Rule».
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Wie fühlt es sich an, diesen Moment von Schauspielern nacherzählt zu sehen?

Wie ein Horror-Flashback. Ich war nur einmal auf dem Set. Exakt dann, als diese Szene gedreht wurde. Jeff Daniels und Brendan Gleeson als Trump überzeugten in den Rollen dermassen, dass es mir kalt den Rücken herunterlief.

Sie sind Republikaner. Ihre Frau wollte, dass Hillary Clinton gewinnt. Gab es wegen der zweiten Untersuchung auch zu Hause Stress?

Als ich mich mit meiner Frau und meinen Kindern hinsetzen und ihnen die Details erklären konnte, haben sie verstanden, in welcher Zwickmühle ich war. Meine Frau Patrice wollte nicht nur, dass Hillary Clinton gewinnt, sondern sie befürchtete auch, das Ganze würde mich fertig machen. Sie war also zwischen ihren politischen Wünschen und ihrem Bedürfnis, mich zu schützen, hin- und hergerissen und tat das auch kund. Ich hingegen werde ziemlich still unter Stress.

Das FBI kam durch diesen Fall heftig unter Beschuss. Wie sehen Sie die Zukunft der Bundespolizei?

Ich bin sehr optimistisch, was diese Institution und das amerikanische Volk betrifft. Amerika war in der Geschichte schon oft auf dem Holzweg und das FBI hat schon viel schwierigere Zeiten gesehen. Aber es wäre wichtig, dass jetzt jemand anderer Präsident wird.

epa07283432 US President Donald J. Trump speaks about the Russia investigation and the partial government shutdown as he departs the White House to speak to a Farm Convention in New Orleans, in Washington, DC, USA, 14 January 2019. Trump stated that he never worked for Russia and that he did a great service to the country by firing former FBI Director James Comey. The partial shutdown of the US federal government is in its fourth week; Congress and Trump failed to strike a deal before a 22 December 2018 funding deadline due to differences over President Trump's proposed border wall. EPA/JIM LO SCALZO
Zwei Jahre später: Als Trump im Zuge der Russlandaffäre am 14. Januar 2019 im Weissen Haus auf Comey und das FBI angesprochen wird, ist seine Reaktion unzweideutig.
Bild: Keystone

Und wenn nicht?

Dann geht es etwas später wieder aufwärts, aber aufwärts geht es mit Amerika immer. Die Leute vergessen, dass nach dem Ersten Weltkrieg, als die Frauen das Stimmrecht bekamen und die Schwarzen eine wirtschaftliche Macht wurden, der Ku-Klux-Klan einen Aufschwung erlebte und ein Drittel der Parlamentarier KKK-Mitglieder wurden. Veränderungen in der Gesellschaft sorgen für Ängste und Identitätssuche bei der Bevölkerung, was sich solche Gruppen zunutze machen. Aber das funktioniert auf Dauer nie.

Falls Biden gewinnt: Sollte der neue Präsident gegen Trump ermitteln lassen?

Auch das ist ein zweischneidiges Schwert: Gerald Ford hat Nixon, der nach Watergate zurücktrat, begnadigt. Ford wollte nach vorne schauen, nicht zurück. Das Volk hat ihm das nie verziehen. Biden könnte also auch sagen, wir haben genug Probleme, lasst uns nach vorne schauen – so wie Obama auch, der die Folter-Taktiken des CIA aus der vorhergehenden Administration nicht weiter untersuchte.

Wie ist Ihr Leben jetzt?

Etwas seltsam. Ich werde erkannt, was mir unangenehm ist, aber durch meine Giraffen-Grösse falle ich eben sofort auf. Ich wollte nie berühmt werden und deshalb habe ich mich auch lange geweigert, bei einer Verfilmung fürs Fernsehen mitzumachen.

Was hat Sie letztlich umgestimmt?

Ich schrieb vor zwei Jahren ein Buch über meine Erfahrungen, damit vor allem junge Menschen etwas über Führung und unsere Institutionen lernen können. Ein Produzent meinte, wenn ich tatsächlich nützlich sein wolle, soll ich das TV-Medium wählen. Also gab ich nach. Ich hasse es immer noch, wenn ich mich am Fernsehen sehe. Aber auch das geht vorbei, und einiges Tages werde ich in der Masse wieder als anonymer Riese untergehen.

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