Lauriane Gilliéron: «Wenn man Sex hat, ist man meistens nackt»

Lukas Rüttimann

19.2.2020 - 07:27

Heute startet die zweite Staffel von «Quartier des banques». Mittendrin: Schauspielerin Lauriane Gilliéron, die die Banken-Serie als Katalysator für ihre Karriere in Europa nutzen will.

Frau Gilliéron, ‹Quartier des banques› hat fast überall gute Kritiken erhalten. Spürte man das am Set beim Dreh der zweiten Staffel?

Das ist natürlich eine schöne Sache, und die Freude darüber hat man tatsächlich spüren können. Auf der anderen Seite verursachen solche Reaktionen aber auch eine Menge Druck: Man will das Momentum schliesslich aufrechterhalten und niemanden mit der neuen Staffel enttäuschen.

Besteht diese Gefahr?

Ich hoffe nicht. (lacht) Die neue Staffel wird noch mehr Spannung und einen höheren Rhythmus haben als Staffel eins. Wer ‹Quartier des banques› bisher mochte, wird die Show nun noch mehr mögen. Alles hat einen Gang zugelegt, wenn man so will.

Gilt das auch für Ihre Rolle?

Absolut. Meine Figur hat sich wahrscheinlich am meisten weiterentwickelt von allen. Sie hat nicht unbedingt mehr Szenen, aber Virginia Grangier ist nun als Person viel stärker. In Staffel eins war sie primär Ehefrau und oft fremdbestimmt, nicht selten auch Opfer der Umstände. Diesmal nimmt sie die Dinge selbst in die Hand. Sie findet den Mut, ihre Kunstgalerie zu eröffnen und sich in einer von Männern dominierten Welt zu beweisen. Sie wird oft unterschätzt und muss sich in einem taffen Umfeld behaupten.

Können Sie sich in ihr wiedererkennen?

Als Schauspielerin muss man immer einen Weg finden, sich mit der Figur, die man spielt, identifizieren zu können. Aber bei Virginia Grangier gibt es tatsächlich viele Parallelen zu meinem eigenen Leben. Ich musste und muss mich auch in einer männerdominierten Welt durchsetzen, denn die Filmindustrie ist nach wie vor eine Männerdomäne. Ich muss auch stets beweisen, dass ich Leistung bringe, dass ich die Erwartungen erfülle. Jede gut aussehende Frau kennt ausserdem das Gefühl, dass man sie in eine Ecke stellt und von ihr erwartet, dass sie einfach nur schön aussieht – aber bitte nichts anderes.

Hat die #MeToo-Bewegung diesbezüglich nicht etwas verändert?

Das Bewusstsein, dass Frauen in der Filmindustrie fairer behandelt werden müssen, ist heute sicherlich grösser als vor der #MeToo-Bewegung. Das ist schon richtig. Aber wir stehen noch immer am Anfang; die nötigen Veränderungen geschehen nicht über Nacht. Frauen werden in der Filmindustrie noch immer benachteiligt. Es herrscht noch immer keine Lohngleichheit, es gibt viel mehr Filme von Männern als von Frauen und so weiter. Jede grundlegende Veränderung braucht ihre Zeit.

‹Quartier des banques› war der Grund, weshalb Sie Los Angeles verlassen haben und nun auf Ihre Karriere in Europa setzen. Hat es sich gelohnt?

Die Serie war ein Grund, nicht der Grund. Aber es ist richtig: Ich war aus vielen Gründen nicht mehr glücklich in Los Angeles und habe mich entschieden, zurückzukommen. Ich fühlte, dass ich nicht mehr in diese Stadt passe und konnte mich mit dem Land und der Kultur nicht mehr identifizieren. Gleichzeitig vermisste ich Europa, und ‹Quartier des banques› bot mir die Möglichkeit, meiner Passion in meiner Heimat nachzugehen. Natürlich ist es in der Schweiz schwieriger, eine Schauspielkarriere zu verfolgen als in L. A. Dort hat es zwar mehr Konkurrenz, aber auch mehr Rollen. Letztlich braucht alles seine Zeit; ich bin erst seit einem Jahr zurück, und die Arbeitsweise hier ist anders.

Werden Sie als Ex-Miss abgestempelt oder nimmt man Sie als Schauspielerin heute ernst?

Der Miss-Schweiz-Titel wird immer ein Teil von mir bleiben, das muss ich gar nicht verstecken. Die Krone hat mir viel gebracht, aber ich habe mehr zu bieten als nur ein schönes Lächeln. Ich habe viel Leidenschaft für die Schauspielerei, und zumindest in der Romandie sieht man mich inzwischen als Schauspielerin und Ex-Miss. In dieser Reihenfolge.



Bereuen Sie den Entscheid, Hollywood den Rücken gekehrt zu haben?

Nein, das war der richtige Schritt, auch wenn nichts endgültig ist. Es ist gut möglich, dass ich in Zukunft wieder in Los Angeles arbeiten werde. Aber ich musste einfach reagieren, weil ich nicht vorwärtskam. Auch heute bin ich noch nicht dort, wo ich gerne wäre. Aber es passiert etwas. Ich bin nicht zufrieden, aber glücklich. (lacht)

Welche Projekte verfolgen Sie aktuell?

Ich habe einen Film mit einem Schweizer Regisseur fertig gedreht, der ‹Chroma› heisst. Der sollte demnächst anlaufen. Daneben drehe ich gerade einen Kurzfilm in Paris, und diese Woche steht ein Werbespot für SBB an.

Leiden Sie darunter, dass Sie immer als schöne Frau gebucht werden?

Na ja, dieses Problem haben wohl die meisten attraktiven Frauen in diesem Business. Äusserlichkeiten sind wichtig, es ist schliesslich das Filmgeschäft. Aber sobald man mir die Gelegenheit gibt, kann ich zeigen, dass ich mehr drauf habe als nur gut auszusehen.

‹Quartier des banques› spielt in der Welt des grossen Geldes. Fühlen Sie sich in solchen Kreisen heimisch?

Ganz und gar nicht. (lacht) Ich stamme aus einem ganz normalen Background, ich bin kein ‹rich kid›. Geld ist mir nicht wichtig. Okay, man braucht es zum Leben, aber that’s it. Mir bedeutet Luxus nichts, ich brauche keine teuren Autos und mache mir nichts aus Marken. Umso spannender war es, mich für die Rolle in diese Welt einzuarbeiten.



Einige Kritiker bemängeln, dass ‹Quartier des banques› die Exzesse der Bankenwelt verharmlost ...

... na ja, Sex, Drogen und Exzesse sind ein Teil dieser Welt. Wenn es gerechtfertigt ist, darf man das auch zeigen. Eine Serie sollte schliesslich so lebensnah wie möglich sein. Auf der anderen Seite bin ich froh, dass ‹Quartier des banques› nicht zu sehr auf diesen Aspekt setzt, weil es eine charaktergetriebene Serie ist, die mehr zu bieten hat als Sex-Szenen. Aber klar: Es hätte durchaus Platz für mehr Exzess.

Eine Nacktszene hatten Sie immerhin schon.

Ich staune noch immer, welche Reaktionen das ausgelöst hat. Für mich war es das Normalste der Welt. Wenn man Sex hat, ist man meistens nackt – deshalb hat sich das für mich völlig natürlich angefühlt. Wenn es nur darum gegangen wäre, meine Figur um der Nacktheit Willen nackt zu zeigen, dann hätte ich Mühe damit gehabt. Aber so? Kein Thema. Natürlich muss ich mit meiner Familie nicht unbedingt Nacktszenen von mir am TV schauen. Aber hey – das ist das Leben. Das darf man zeigen.

Lesen Sie am Samstag bei «Bluewin»: Was ist aus Dominique Rinderknecht, Linda Fäh, Amanda Ammann und Co. geworden?

«Quartier des banques» läuft am Mittwoch, 19. Februar, um 22:55 Uhr auf SRF1. Mit Swisscom Replay TV können Sie die Sendung bis zu sieben Tage nach der Ausstrahlung anschauen.

Miss Schweiz wird Titel aberkannt.

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