Menschen, die Gewalttäter lieben

tsch

19.9.2021

In ihrem neuen Fall lernten die Kölner Kommissare Ballauf und Schenk das wenig erforschte Krankheitsbild der Hybristophilie kennen, auch bekannt als «Rotkäppchen-Syndrom». Welche realen Fälle gibt es? Und warum werden Mörder mit Liebe überhäuft?

tsch

19.9.2021

Frauen, die Gewalttäter lieben und ein Mörder, der eben solche Frauen zur Strecke bringt: Der neue Kölner «Tatort» nahm sich eines ungewöhnlichen Themas an. Das Krankheitsbild der Hybristophilie wurde Zuschauerinnen und Zuschauern ein wenig didaktisch, aber durchaus spannend und wendungsreich dargelegt, wobei vor allem die toxische Beziehung zwischen der alleinerziehenden Mutter Ines (Picco von Groote) und Gewalttäter «Basso» Sommer (Torben Liebrecht) stark inszeniert war und vom tollen Spiel der beiden Darstellenden lebte.

Doch wie verbreitet ist Hybristophilie wirklich – und welche Beispiele von Liebesbeziehungen zu Mördern und Gewalttätern gibt es?

Worum ging es?

Krankenschwester Susanne Elvan (Nesche Demir) wurde auf dem Dach ihrer Klinik durch viele Messerstiche getötet. Die Ermittler Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär) fanden die Augen des Opfers mit einem Ledergürtel bedeckt. Das Besondere: Susanne hatte ihren Mann, einen verurteilten Gewalttäter, über eine Brieffreundschaft kennengelernt, als dieser noch im Knast sass. Ist Susanne ihrer Faszination für «das Böse» erlegen?



Auch die parallel erzählte Beziehung zwischen der alleinerziehenden Mutter Ines und dem frisch aus der Haft entlassenen Kraftmenschen «Basso» liess einen beim Zuschauen erschaudern. Waren die liebenden Frauen dieses «Tatorts» denn von allen guten Geistern verlassen?

Worum ging es wirklich?

Gefängnispsychologin Ambach (Tanja Schleiff), pikanterweise selbst mit einem Ex-Häftling zusammen, hatte schon viele Brief-Freundschaften zwischen Häftlingen und interessierten Frauen vermittelt: «Nicht jede Frau, die einen Ex-Häftling liebt, ist gleich hybristophil – dazu gibt es ganz wenig Forschung», sagt sie. Tatsächlich ist die Datenlage zur Hybristophilie ähnlich schwach wie jene zu stark obskuren sexuellen Praktiken. Wohl auch deshalb, weil sich nur wenige Probanden offen über derlei Vorlieben äussern.

Klar ist, dass es das Phänomen gibt – was Wäschekörbe-Ladungen von Liebesbriefen an fast sämtliche prominenten Mörder und Massenmörder, die weltweit in Gefängnissen einsitzen, beweisen. Im «Tatort» wurde das schwer zu erklärende Phänomen Hybristophilie nur erzählt – und nicht final aufzuklären versucht.

Welche berühmten Fälle von Hybristophilie gibt es?

Die «Tatort»-Autoren Arne Nolting und Jan Martin Scharf (auch Regie) sind über diverse Presseberichte auf das Phänomen gestossen: «In den allermeisten Fällen sind es Frauen, die sich in inhaftierte Männer verlieben, selten andersherum. Eine Studie über die Anzahl der Betroffenen gibt es unseres Wissens nicht, aber das Phänomen ist vielfach belegt. Fast jeder medial bekannte Mörder bekommt Liebesbriefe: Charles Manson, Anders Breivik oder auch die bekannte Geschichte des Serienmörders Jack Unterweger, der eine Beziehung zu seiner Anwältin führte und wohl zeitgleich weiterhin Prostituierte tötete, zeugen davon.»

Auch der Österreicher Josef Fritzl, der seine eigene Tochter jahrelang als Sexsklavin im Keller hielt, bekam den Recherchen der Macher zufolge 200 Liebesbriefe in die Haft.

Als Nolting und Scharf ihre Drehbucharbeit schon beendet hatten, ging die Geschichte von Peter Madsen, dem Mörder der Journalistin Kim Wall, durch die Presse. Er hatte hinter Gittern seine Ehefrau kennengelernt und geheiratet.

Diese Hybristophilie-Geschichte machte in der Schweiz Schlagzeilen

Im Februar 2016 ging der Fall der 32-jährigen Schweizerin Angela Magdici durch die Medien. Die Gefängniswärterin hatte den aus Syrien stammenden Vergewaltiger Hassan Kiko aus seiner Zelle im Gefängnis Limmattal im Kanton Zürich befreit, um sich mit ihm nach Italien abzusetzen. Nach fünf Wochen wurden die beiden in der Lombardei geschnappt. Ihre Beziehung war damit jedoch nicht zu Ende. 2017 heirateten Magdici und Kiko.

Heute sitzt Hassan Kiko zwar noch in Haft, aber seine Frau, die den Nachnamen Kiko angenommen hat, darf ihn einmal pro Woche für zwei Stunden besuchen. Frühestens 2022 kommt Hassan Kiko, der ursprünglich wegen Vergewaltigung einer 15-Jährigen verurteilt war, aus dem Gefängnis frei. Ein Gericht verurteilte die liebende Fluchthelferin zuvor zu 15 Monaten Haft auf Bewährung.

Wie erklärt man sich die Liebe zu Mördern?

«In vielen Fällen sind die hybristophilen Frauen selbst in ihrer Vergangenheit Opfer von Gewalt und Missbrauch geworden», sagen die «Tatort»-Autoren Nolting und Scharf. «Ein Erklärungsversuch lautet, dass sie sich jetzt einen Partner suchen, den sie kontrollieren können, weil er hinter Gittern sitzt. Somit kann die Betroffene eine Beziehung ohne Nähe und der damit verbundenen Gefahr führen.» Eine ergänzende These besagt, dass hybristophile Personen Stärke anziehend finden und die Gewalt von Straftätern mit Stärke gleichsetzen.

Ein weiterer Erklärungsversuch ist, dass die Betroffenen an einem «Helfer-Syndrom» leiden und glauben, den Gewalttäter verändern oder gar «retten» zu können. Ein Glaube, der von den Inhaftierten selbst oft bestärkt wird. «Da von Hybristophilie Betroffene sich häufig Berufe suchen, in denen sie Umgang mit Inhaftierten haben, wird bei der Anstellung als Justizvollzugsbeamtin oder bei Sozialarbeiterin im Gefängnis verstärkt darauf geachtet, dass keine hybristophile Neigung vorliegt, da diese in der Vergangenheit immer wieder zu spektakulären Ausbruchshilfen geführt haben.»

50 Jahre «Tatort»: Interview mit Regisseur Florian Froschmayer

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28.11.2020

Wie geht es beim Kölner «Tatort» weiter?

Nach «Der Reiz des Bösen» geht es im ersten Halbjahr 2022 in Köln weiter. In «Vier Jahre» rollen Ballauf und Schenk den längst abgeschlossenen Mordfall an einem Schauspieler neu auf. Bis zur Sommerpause 2022 ist voraussichtlich noch ein weiterer Krimi mit Ballauf und Schenk zu sehen: «Hubertys Rache», über den es noch keine weiteren Informationen gibt. Im Oktober 2022 feiern die ergrauten Ermittler übrigens Jubiläum: Ihr erster Fall «Tatort: Willkommen in Köln» hatte am 5. Oktober 1997 TV-Premiere, also dann vor 25 Jahren.