Musik Mit Harfe und Haltung: Julie Campiches Hommage an Frauen

SDA

24.2.2026 - 06:45

2025 erhielt Julie Campiche den Schweizer Musikpreis. Jetzt geht sie mit ihrem ersten Soloalbum "Unspoken" auf Tour. (Archivbild)
2025 erhielt Julie Campiche den Schweizer Musikpreis. Jetzt geht sie mit ihrem ersten Soloalbum "Unspoken" auf Tour. (Archivbild)
Keystone

An einem intimen Konzertabend in Bern stellt die Genfer Harfenistin Julie Campiche Frauen ins Zentrum, deren Geschichten oft ungehört bleiben. Ihr Solodebüt «Unspoken» verbindet Harfe, Elektronik und Spoken Word zu einer Hommage an die Unsichtbaren.

Keystone-SDA

Es ist ein Sonntagabend in Bern, Julie Campiche sitzt in der Turnhalle des Kulturzentrums Progr an ihrer Harfe und macht den Soundcheck. Beim Konzertveranstalter Bee-flat tauft sie an diesem Abend ihr erstes Soloalbum «Unspoken», das Mitte Februar erschienen ist.

In der Westschweiz hat die Genfer Musikerin längst ein Standing. Im vergangenen September gab es für die Harfenistin sogar den Schweizer Musikpreis. Nachdem sie bis anhin in verschiedenen Formationen, unter anderem auch mit ihrem Julie Campiche Quartet, unterwegs war, befindet sich die 43-Jährige nun auf ihrer ersten Solotour, die sie durch die Schweiz und ins Ausland führt.

Durch Mutterschaft zum ersten Soloalbum

Die Geburt ihrer ersten Tochter habe sie dazu gebracht, sich an ein Soloalbum zu wagen, erzählt Julie Campiche vor dem Konzert im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Mittlerweile ist auch ihr zweites Kind geboren. Die 19 Monate alte Tochter sitzt auf dem Schoss ihrer Mutter. Diese erinnert sich: «Das Muttersein hat mir gezeigt, wie ungleich Frauen und Männer in unserer Gesellschaft noch sind.» Allein der damit einhergehende «Mental Load» sei enorm.

Während der Covid-19-Pandemie spielte sie gezwungenermassen solo Musik. «Das gab mir ein Gefühl zurück, das ich lange nicht mehr hatte.» Campiche nahm sich vor, ihr erstes Soloalbum zu erstellen. «Mit der Herausforderung wollte ich mir neues Selbstwertgefühl geben, und das habe ich bekommen.»

Entstanden ist das atmosphärische Album «Unspoken», das sich durch leise wie auch mal düster-epische Momente auszeichnet. Es ist eine Hommage an Frauen, die Grosses leisten oder leisteten, aber mehrheitlich in Vergessenheit geraten sind. Neben Intro und Outro sind sechs Titel je einer solchen Persönlichkeit gewidmet. «Es sind ganz subjektiv ausgewählte Frauen, deren Geschichten mich berührten», so Campiche.

Jazz, Salsa und Geräuschcollagen

Dafür arbeitet sie mit elektronischen Effekten, ihrer Stimme, Spoken-Word-Elementen, Geräuschaufnahmen und natürlich mit der Harfe – dem hierzulande klar von Frauen dominierten Instrument. «Nicht so in Südamerika», gibt Campiche zu bedenken. «Dort spielen vor allem Männer die Harfe.»

Apropos Südamerika: Hört man sich durch die Platte, so sind an so manchen Stellen Rhythmen und Melodien aus der lateinamerikanischen Musik auszumachen. Die Jazzmusikerin, die ursprünglich eine Klassikausbildung absolviert hat, liess sich auch von ihrer Leidenschaft für Salsa leiten.

Das hört man gut im Stück «Grisélidis Réal». Da kommt einerseits ein bisschen Sommerstimmung auf, die Campiche mit der Harfe erzeugt, andererseits erzählt sie mithilfe elektronischer Effekte von der Schweizer Sexarbeiterin Grisélidis Réal (1929-2005), die sich für die Rechte der Frauen im Sexgewerbe einsetzte. Das Stück hat etwas von einer Geräuschcollage: Zu hören sind ein Stöhnen, Kinderlachen oder ein Stift, der über Papier fährt – denn Réal war neben Sexarbeiterin vor allem auch Mutter, Malerin und Buchautorin.

Mehrstimmige Spoken-Word-Musik

Es ist keine Menschenmasse, eher ein paar Dutzend Leute, die sich in Bern zur Albumtaufe der Musikerin aufgemacht haben. Es herrscht Club-Atmosphäre, und das passt, als Julie Campiche mit dem Intro «Anonymous» beginnt, und Textfragmente auf die Bühne projiziert werden. Campiches Musik wird live von stimmigen visuellen Effekten untermalt.

In mehreren Sprachen ertönt der Satz «For most of history, Anonymous was a woman». Damit wird Virginia Woolf paraphrasiert, der Satz weist darauf hin, wie es Frauen lange untersagt war, in die Öffentlichkeit zu treten, und sich dadurch hinter der Anonymität verstecken mussten. Die Frauenstimmen, zu denen Campiche über einen Social-Media-Aufruf kam, überlagern sich im Stück, sodass «Anonymous» zu einer Art mehrstimmiger Spoken-Word-Musik wird. Darin baut Campiche mit der Harfe eine rätselhafte Stimmung auf.

Intim und eindringlich

Zwischen den Songs wendet sich Julie Campiche an ihr Publikum, erklärt, was sie an der jeweiligen Frau berührt, die sie anschliessend mit Harfe und elektronischen Effekten porträtiert. Beispielsweise im Stück «Rosa», das reduziert mit Harfe und Stimme daherkommt und durch seine repetitiven Muster beinah zur Trance einlädt. Gegen Ende entsteht mit elektronischer Unterstützung ein schwerer, düsterer Klangteppich.

«Rosa» sei eine Hommage an Frauen, die im Schatten Arbeit leisten, die unsere westliche Gesellschaft braucht, gleichzeitig aber keine Wertschätzung erhält. Im Gespräch vor dem Konzert nennt Campiche Care-Arbeit von Frauen ohne Aufenthaltsstatus als Beispiel.

«Las Patronas», erzählt Campiche auf der Bühne zwischen zwei Stücken, sind eine Gruppe mexikanischer Frauen, die Essen und Wasser für mittelamerikanische Migranten vorbereiten und an vorbeifahrende Güterzüge verteilen, um deren gefährliche Reise in Richtung USA zu unterstützen. Das gleichnamige Stück performt Campiche dann ganz ohne Harfe, sondern singt auf Spanisch, erzeugt mit einer indischen Shruti das brummende Fundament, zu dem sie im rituellen Takt auf eine Trommel schlägt.

Das intime, eineinhalbstündige Konzert beendet Campiche nach einer Zugabe, sie bedankt sich, nun sei aber wirklich Schluss, meint sie, und sagt lachend: «Mein Kopf ist kaputt!» Anschliessend stellt sie sich persönlich hinter ihren Merch-Stand und unterhält sich mit einem Konzertbesucher.

Die erste Solotour hat begonnen und wird Julie Campiche auf kleine und grosse Bühnen bringen. Mitte März dann in Berlin, wo sie gemeinsam mit dem Deutschen Symphonie-Orchester spielen wird.

https://www.bee-flat.ch/programm/archiv/meet-greet-artist-talk-mit-julie-campiche-julie-campiche-solo-5074/