Nackte Tänzer brocken SRF-«Tagesschau» Kritik ein

Von Bruno Bötschi

21.10.2021

Ein «Tagesschau»-Beitrag über eine Tanzaufführung mit nackten Männern erhitzt die Gemüter. Bei der Ombudsstelle sind mehrere Beschwerden eingegangen. Die Beanstandenden stören sich an der Nacktheit, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.

Von Bruno Bötschi

21.10.2021

«Vielleicht wird der folgende Beitrag den einen oder anderen etwas irritieren», warnt Andrea Vetsch, als sie in der «Tagesschau» vom 29. August 2021 den Beitrag über das Tanzstück «Fuck me» (siehe oben) ankündet.

Die ehemalige argentinische Tänzerin Marina Otero hat ihren Körper durch das Tanzen zugrunde gerichtet. Sie kann nicht mehr tanzen. In ihrem Stück «Fuck me» lässt sie Männer für sich tanzen und erzählt von ihrem Leben und der Ausbeutung ihres Körpers. Gleichzeitig übt sie mit dem Stück Kritik an der Leistungsgesellschaft.

Dass zur Hauptsendezeit von SRF unzensiert nackte Männer beim Tanzen zu sehen sind, sorgte – trotz der Vorwarnung durch die Moderatorin – für diverse Beschwerden von Zuschauer*innen bei der Ombudsstelle.

«Obszön, dekadent, abartig»

Allen Schreibenden missfiel die Nacktheit der tanzenden Männer. Während die einen den Beitrag als zu wenig relevant für die «Tagesschau» betrachten, bezeichnen andere die gezeigten Bilder als «obszön, dekadent, abartig».

In einer Beanstandung ist zu lesen: «Ich bin schockiert über den sehr ausführlichen, langen, obszönen Bericht zum Ende der ‹Tagesschau› über einen Theaterbeitrag. Dies ist eine Sendung, die auch von Minderjährigen geschaut wird.»

Ein anderer Beanstander notiert: «Es ist tragisch und stossend, dass sich ein öffentlich rechtlicher Sender, den wir mit Steuergeldern finanzieren, auf ein solch tiefes Niveau begibt und einen solchen ‹Mist› ausstrahlt ...» Und weiter: SRF 1 gehöre verklagt wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses.

Keine Details gezeigt

Bei SRF sieht man das anders. «Beiträge über kulturelle Veranstaltungen gehören zum Stoff der ‹Tagesschau›. Kultur in den vielfältigsten Formen ist Teil des Lebens», schreiben die «Tagesschau»-Verantwortlichen in ihrer schriftlichen Stellungnahme. Zudem wird daran erinnert, dass Kunst irritieren und provozieren könne. «Solche Produktionen werden vom Publikum und in den Medien breit diskutiert.» Deshalb wolle auch die «Tagesschau» ihren Beitrag dazu leisten.

Marina Otero gehöre, heisst es in der Stellungnahme weiter, zu den bedeutendsten zeitgenössischen Choreografinnen Lateinamerikas und bediene sich einer radikalen Theatersprache. Sie verwende die Nacktheit jedoch nicht als obszönes, voyeuristisches Mittel und auch nicht als Selbstzweck zur Befriedigung irgendwelcher Bedürfnisse.

Die ehemalige Tänzerin Marina Otero lässt in ihrem Stück «Fuck me» Männer für sich tanzen und erzählt von ihrem Leben und der Ausbeutung ihres Körpers.
Bild: marinaotero.com.ar

Ausserdem sei die Reaktion beim Schnitt des Beitrags extrem vorsichtig vorgegangen, so das SRF. «Auf das Zeigen von Details, auf Nahaufnahmen, wurde ganz bewusst verzichtet.» Deshalb sehen die Verantwortlichen der «Tagesschau» auch den Jugendschutz nicht verletzt.

Ombudsleute sind sich uneinig

Wie kontrovers das Thema der nackten Tänzer diskutiert wird, zeigt auch, dass sich die Ombudsstelle nicht in allen Beschwerdepunkten einig ist. In deren Schreiben heisst es:

«SRG ist ein öffentlicher Sender, der sich im Vergleich zu privaten Sendeveranstaltern bezüglich der Programmgestaltung und -auswahl erst recht sorgfältig zu verhalten hat. Die Aufführung wird von den privaten Veranstaltern ausdrücklich mit der Altersempfehlung ‹ab 18 Jahren› versehen.»

Die Hälfte der Ombudsstelle, die von Esther Girsberger und Kurt Schöbi geleitet wird, sieht deshalb einen Verstoss gegen das Radio- und Fernsehgesetz vorliegen. Einig sind sich die Ombudsleute jedoch darin, dass der Beitrag nicht verstörend, pornografisch oder obszön ist.

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