Stanley Tucci über Sterbehilfe: «Ich hoffe, ich muss diesen Entscheid nie fällen»

Von Marlène von Arx, Los Angeles

7.10.2021

Colin Firth und Stanley Tucci spielen in «Supernova» ein Paar auf ihrem vermeintlich letzten Road-Trip. Einer von ihnen leidet an Früh-Demenz. Die beiden Schauspieler über Selbstbestimmung bis zum Schluss und ihre Liebe zu Italien.

Von Marlène von Arx, Los Angeles

7.10.2021

«Supernova» handelt von einem Paar, das sich mit der Diagnose Früh-Demenz auseinandersetzen muss. Stimmt es, dass die Rolle des Diagnostizierten ursprünglich für Colin Firth gedacht war?

Stanley Tucci: Ich habe das Drehbuch zuerst bekommen und dachte sofort an Colin für die andere Rolle, was der Regisseur Harry Macqueen auch super fand. Aber etwas schien nicht richtig. Ich weiss nicht weshalb, aber ich fand – zum Schock von Harry – wir mussten die Rollen tauschen.

Colin Firth: Ich weiss auch nicht wieso, aber ich war der Erste, der den Tausch laut vorschlug. Ich mache solche Vorschläge nicht leichtsinnig, aber ich fand, es war einen Versuch wert. Wenn Stanley meine Rolle gespielt hätte, wäre das Kochen besser gewesen. Und das Fahren. Und möglicherweise auch die darstellerische Leistung.

Tucci: Höchstens das Kochen wäre besser gewesen, aber die Szenen dafür zehnmal länger.

Mussten Sie sich in Ihrem Umfeld auch schon mit dem Thema Demenz auseinandersetzen?

Firth: Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Jede Familie ist in irgendeiner Form betroffen. Auch meine. Eine Person zu verlieren ist immer schwierig, aber es ist besonders speziell, wenn die Identität betroffen ist, wie man jemanden kennt und wie man gekannt wurde. Das trifft ins Herz, wie wir miteinander in Beziehung stehen.

Tucci: Ich kenne niemanden mit Früh-Demenz, aber es ist beängstigend. Was mir an «Supernova» gefällt: Die Geschichte ist nicht melodramatisch. Filme überdramatisieren oft. Das wirkliche Leben ist anders.

«Supernova» thematisiert auch die Sterbehilfe. Wie denken Sie darüber?

Tucci: Ich weiss es nicht. Ich hoffe, ich muss diesen Entscheid nie fällen.

Firth: Ich habe auch keine definitive Antwort. Die Frage, ob das Leben in irgendeiner Form besser ist als kein Leben, werden wir uns in hundert Jahren noch stellen. Selbst in Ländern, in denen Sterbehilfe erlaubt ist, gibt es unterschiedliche Gesetze, um Missbrauch zu verhindern. Letztlich ist es ein so schwieriges Thema, weil im Zentrum die Liebe steht. Es geht um Menschen, die wir lieben und die uns lieben.



Es wurde kritisiert, dass zwei heterosexuelle Schauspieler dieses homosexuelle Paar spielen. 

Tucci: Colin und ich haben beide zuvor schon homosexuelle Figuren gespielt. Das Problem ist, dass man sich in der Gesellschaft und auch in Hollywood lange nicht offen zur Homosexualität bekennen durfte. Hollywood fängt nun an zu akzeptieren, dass ein homosexueller Mann auch eine nicht homosexuelle Rolle spielen kann. Das muss sich zuerst einspielen, dann haben alle die gleichen Chancen. Und: Letztlich sind es der Regisseur oder die Regisseurin und die Produzent*innen, die aus kreativen, respektive wirtschaftlichen Gründen den Entscheid fällen, wen sie engagieren wollen.

Firth: Ich spiele ja nicht meine Autobiografie hier. Was stimmt: Die gleichen Chancen haben wir noch nicht erreicht. Authentische Repräsentation ist wichtig und man muss die Ohren offen halten, ob man die Leute auch wirklich richtig repräsentiert. Mir ist bewusst, dass wir Schauspieler in privilegierter Position uns gut überlegen müssen, welche Rollen wir annehmen und wie wir mithelfen, die Nadel zu bewegen.

Sie sind seit über 20 Jahren befreundet. Was verbindet Sie ausser dem Beruf? Worüber sprechen Sie miteinander?

Firth: Es kommt darauf an. Wenn einer von uns verärgert ist, reden wir lange übers Verärgert-sein. Wir reden über die Kinder, die Vergangenheit, Weltgeschichte, Filme, Food und Klatsch. Also nicht gerade tiefschürfend oder amüsant für andere.

Tucci: Genau, die Leute würden sich langweilen, wenn sie uns zuhörten.

Sie sind beide Italien-Fans. Colin Firth, Sie waren lange mit einer Italienerin verheiratet und leben teilweise in Italien. Stanley Tucci, Sie haben sich gerade für die CNN-Serie «Searching for Italy» durch das Land Ihrer Vorfahren geschlemmt. Wie viel Kilos haben Sie dabei zugenommen?

Tucci: Glücklicherweise habe ich einen guten Metabolismus und da wir uns viel bewegten, habe ich wundersamer Weise gar nicht zugenommen. Die Familien meiner Eltern sind beide aus Italien und ich habe mal ein Jahr in Florenz gelebt. Die Idee, jede Region durch ihr Essen vorzustellen, hatte ich schon lange. Die kulturellen Einflüsse in Italien – vom deutschsprachigen Südtirol in den Alpen bis in den sizilianischen Süden, der nur noch 70 Meilen von der afrikanischen Küste entfernt ist – sind unglaublich verschieden.

Firth: Wir stellen inzwischen nachhaltige Lebensmittel auf einer Farm in Umbrien her. Sie heisst Quinto Sapore. Ich habe mich nie besonders mit Land und Erde verbunden gefühlt, aber diese Gegend lädt wirklich dazu ein. Ich finde die Leute hier sehr gastfreundlich und hilfsbereit. Manchmal zucken sie die Schultern und rollen die Augen, aber immer auf sympathische Weise – das tönt jetzt romantisiert, aber ich bin schon viel zu lange hier, um zu romantisieren.

Sie sind beide auch in England verwurzelt: Welches ist Ihr Lieblings-Fussball-Club?

Firth: Es gibt nur Arsenal.

Tucci: Ich lebe nun seit sieben Jahren in London und habe mich immer noch nicht für ein Team entscheiden können.

«Supernova» läuft heute in den Kinos an.