Zürcher «Tatort»

Zähflüssig und klebrig wie geschmolzene Schoggi

Von Bruno Bötschi

1.3.2021

Gestern hatten die neuen «Tatort»-Ermittlerinnen aus der Schweiz, Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zuercher) und Tessa Ott (Carol Schuler), ihren zweiten Auftritt. «Schoggiläbe» ist ein zähflüssiger Krimi, aber die Schauspielerinnen trifft keine Schuld.

Bis zum Vorhang ist das Blut im Wohnzimmer gespritzt. Schoggifabrikant Hans-Konrad Chevalier liegt tot auf dem Teppich. Erschossen und dann auch noch erschlagen. Sogar das Morden wirkte am gestrigen Sonntagabend ziemlich überladen.

Aber ich will fair bleiben gegenüber den Macherinnen und Machern des Schweizer «Tatort» und fange deshalb mit dem Positiven an, das auch der internationalen Presse aufgefallen ist: Sybille Brunner («Rosie») als eiskalte Matriarchin. Für den Kritiker der österreichischen «Kronen-Zeitung» eine Reminiszenz an Claire Zachanassian aus dem «Besuch der alten Dame» von Friedrich Dürrenmatt.

Ich bin kein Hardcore-«Tatort»-Fan, trotzdem sitze ich manchmal am Sonntagabend vor dem Fernseher (wegen der Corona-Pandemie in den vergangenen zwölf Monaten sogar noch etwas häufiger als sonst).

Umso grösser war denn auch meine Freude, als ich vor anderthalb Jahren erfuhr, dass die wunderbare Carol Schuler künftig eine der beiden neuen Schweizer «Tatort»-Kommissarinnen sein wird. Das wird gut, dachte ich, und freute mich auf viel Frauenpower.

Schwul und depressiv

Gestern Abend ermittelten die Polizistinnen Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zuercher) und Tessa Ott (Schuler) nun bereits in ihrem zweiten «Tatort»-Fall – wie erwähnt, es ging um einen ermordeten Schoggifabrikanten von der Zürcher Goldküste. 

Das reichte jedoch nicht. Herr Chevalier soll auch noch depressiv gewesen sein, die meiste Zeit seines Lebens in einer Klinik verbracht und lebensmüde Abschiedsbriefe verfasst haben.



Seine Tochter (Elisa Plüss) kennt Kommissarin Ott aus der Kindheit. Nun will die vermeintliche Alleinerbin das Familienimperium auf «Bio und Fairtrade» trimmen, was Chevaliers Mutter (genau, die Matriarchin) blöd findet; wenn ihr nur nicht ständig ihre Herzprobleme ein Strich durch die Rechnung machen würden.

Von ihrem schwulen Sohn hielt sie sowieso nie viel und den Verlobten seiner Tochter (Urs Jucker) nennt sie «einen Loser». Kaum im Krimi aufgetreten, ist dieser deshalb auch schon wieder weg, obwohl sich das Paar gar nicht getrennt hat. Zumindest bekam ich das nicht mit.

Unwohlsein und Schiesshemmungen

Die Geschichte verzettelt sich derweil fröhlich weiter – bis irgendwann ein ungarischer Stricher ins Spiel kommt. Später erfährt man, dass der Mann, welcher zu Anfang der Geschichte eine Ledertasche auf der Stadionbrache Hardturm versteckt hat, sein Bruder ist.

Und dann wäre da noch Chevaliers Haushälterin Esmeralda Rivera, eine Sans-Papier, die mit ihrem Kind in einem Keller untergetaucht ist. Ach, die Mutter von Ermittlerin Ott hat auch noch einen Auftritt.

Und, und, und ... nicht zu vergessen: 1. das ständige Unwohlsein von Kommissarin Grandjean, die Heimweh nach La Chaux-de-Fonds und ihrem Sohn (von dem scheinbar niemand weiss) hat und 2. die Schiesshemmungen von Kollegin Ott (die sich am Ende des Filmes innerhalb von drei Sekunden in Luft auflösen).

Umfrage:
Wie hat Ihnen der «Tatort»-Krimi «Schoggiläbe» gefallen?

Und dann wollten die Drehbuchautoren Stefan Brunner und Lorenz Langenegger und Regisseurin Viviane Andereggen möglicherweise noch erwähnt haben, dass sie Fans der TV-Serie «House of Cards» sind. Oder warum sonst durchbrechen die beiden Ermittlerinnen und die Staatsanwältin plötzlich die vierte Wand und sprechen mehrmals die Zuschauerinnen und Zuschauer direkt an: «Was hätten Sie getan?»

Überladen und zähflüssig

Falls Sie, liebe Lesenden, jetzt nicht verstanden haben, um was es im gestrigen «Tatort» namens «Schoggiläbe» ging, darf ich Ihnen verraten: ich auch nicht wirklich. Momoll, der Krimi ist kein Schleck.

Die Geschichte ist von der ersten Minute an total überladen und deshalb bleibt die Erzählung zähflüssig und wird nie wirklich spannend. Immerhin gibt es einen lustigen Moment, als Ermittlerin Ott ihre Zunge in Chevaliers Schoggibrunnen steckt.

Ich frage mich, warum lassen die Macherinnen und Macher des Schweizer «Tatort» die wunderbaren Schauspielerinnen Anna Pieri Zuercher und Carol Schuler nicht in ihren Rollen wachsen? Warum muss ständig neues Personal auftreten? Und warum wird keine Geschichte fertig erzählt?

Der gestrige Schweizer «Tatort» kam mir so vor, als seien drei Staffeln der Schweizer Schoggisoap «Lüthi & Blanc» in 90 Minuten verpackt worden. Ziemlich klebrig.

Zurück zur Startseite