«Tina Turner ist immer noch dabei, ihr Trauma zu verarbeiten»

Von Marlène von Arx, Los Angeles

24.7.2021

Triumph und Tragödie – Tina Turner hat viele Höhen und Tiefen erlebt. Für den Dokumentarfilm «Tina» haben die Macher die 81-Jährige in Zürich besucht und blicken mit ihr – und vielen Archiv-Bildern und -Tönen – auf ihr bewegtes Leben zurück.

Von Marlène von Arx, Los Angeles

24.7.2021

Wer hat Tina Turner schon mal live gesehen? Nicht auf der Bühne wie damals in den Achtzigerjahren im Basler St. Jakob Stadion, sondern live in Person. Beim Shoppen an der Bahnhofstrasse. Oder beim Käfele irgendwo am Zürichsee. Sie wohnt ja schon 23 Jahre in der Villa Algonquin in Küsnacht. Aber die Rock-Ikone bleibt gerne unsichtbar. Sie, die sie jahrelang das Spotlight auf sich zog.

Für den neuen Dokumentarfilm «Tina» setzt sie sich nun noch einmal vor die Kamera und unters Scheinwerferlicht. Vermutlich zum letzten Mal, wie die beiden amerikanischen Regisseure Daniel Lindsay und T.J. Martin glauben: «Es war uns vor dem ersten Interview nicht bewusst, wie sehr sie die Tina-Turner-Persona ablegen will und wie sehr sie noch dabei ist, ihre Vergangenheit zu verarbeiten», so Martin.

«Es hiess auch zuerst, wir sollen sie vor allem sachte wegen Ike angehen. Aber sie schnitt das Thema selber an – aus dem Blickwinkel der Akzeptanz ihrer Erfahrungen. Ich glaube, dieses Reflektieren hätten wir nicht bekommen, wenn wir sie jedes Detail ihres Traumas nacherzählen hätten lassen.»

Der Dokumentarfilm nutzt stattdessen viel Archivmaterial. Besonders hilfreich seien die Audio-Interviews gewesen, die der MTV-Journalist Kurt Loder für sein Buch «I, Tina: My Life Story» (1986) aufnahm und aufbewahrt hatte. Sie kamen unter anderem zum Zug, damit die Achtjährige den Schmerz des Missbrauchs während ihrer Zeit mit ihrem Bühnen- und Ehepartner Ike Turner nicht nochmals aufleben lassen musste.

Emotionale Momente gab es trotzdem zur Genüge.

Für T.J. Martin war es beispielsweise, wie sie über ihre Mutter sprach: «Als Dan sie nach dieser Beziehung fragte, unterbrach sie sich und sagte einfach: ‹Meine Mutter wollte mich nicht.› Das hat mich sehr erschüttert. Denn sie hatte ja viele Jahre Zeit, darüber nachzudenken, und trotzdem kam sie zu keinem anderen Schluss.»

Daniel Lindsay fand besonders traurig, wie sie auf den Loder-Kassetten auf dem Höhepunkt ihrer Solo-Karriere sagte, sie hätte ihr ganzes Leben nie eine gute Liebesbeziehung gehabt: «Aber wenn man sie jetzt mit ihrem Mann Erwin sieht, hat man das Gefühl, dass sie jemanden gefunden hat, der ihre Bodenständigkeit teilt. Die Beziehung ist echt: Sie zanken und necken sich wie alle Paare.»

Tina Turner könne an einer Hand abzählen, wer sie wirklich kennt. Der Deutsche sei der einzige Mensch, der sie wirklich kennt. Als sie 2016 unter Nierenversagen litt und über einen Anruf bei der Sterbehilfe Exit nachdachte, gab er ihr sogar eine Niere. Lindsay und Martin verstehen «Tina» letztlich auch als einen Film über die Suche nach Liebe.

Von Sihlberg nach Küsnacht

Tina Turner lud die Filmemacher nach den Interviews in die Villa in Küsnacht ein. Es gibt in «Tina» auch ein paar Aufnahmen durch ihren Salon auf die Terrasse. «Sie hat einen klassischen, edlen Stil, aber wir haben auch Möbel entfernt, um das Bild nicht zu überladen und von den Interviews abzulenken», so Lindsay.

Diese wurden im ehemaligen Brauereischloss Sihlberg in Zürich geführt und aufgenommen. «Es ist aus dem 19. Jahrhundert und hat Ähnlichkeiten mit ihrem Haus am See. Wir haben diesen Ort für die Interviews mit ihr und Erwin gewählt, weil wir sie zu Hause nicht stören wollten. Wir wollten nicht mit einer Crew auffahren und alles durcheinanderbringen.»

Turners Leben am Zürichsee, so die beiden Filmemacher, konzentriere sich auf Zuhause: «Sie geniesst es, das Haus zu dekorieren und zu gärtnern. Freunde kommen zum Abendessen. Pensioniert zu sein, macht ihr wirklich Freude», sagt T.J. Martin.

Er glaubt nicht, dass sie das Publikum gross vermisst: «Als sie während der Dreharbeiten nach New York zur Premiere des Musicals ‹Tina› reiste, war sie sichtlich angespannt. Darauf angesprochen meinte sie, sie sei dankbar, geehrt zu werden, aber sie sei es müde, sich als Tina Turner zu präsentieren. Sie lebt wirklich in einem neuen Kapitel ihres Lebens.»

Spiritualität als Rettung

Es ist auch das Kapitel ohne ihren ältesten Sohn Craig, der sich vor drei Jahren das Leben nahm. Die einzige Bedingung, die Tina Turner im Vorfeld an den Dokumentarfilm stellte: Der Film sollte ihm gewidmet sein. Lindsay und Martin erfüllten den Wunsch gerne: «Wir haben mit Tina Turner auch über Craig gesprochen, fanden aber, dass die Filmdauer zu knapp war, das Thema zu vertiefen», erklärt Daniel Lindsay.

«Sie hat Frieden damit geschlossen. Er war wie sie auch Buddhist und daher glaubt sie, dass er diesen Weg wählte, weil er ihn für den richtigen hielt.» In seinem neuen Leben würde er es einfacher haben. «Die Spiritualität», so T. J. Martin, «ist ein grosser Teil von ihrem Leben, und wie sie die Welt filtriert.»

Demütig, bescheiden, ohne Starallüren. So hat auch der Zürcher Fotograf Marc Gruninger Tina Turner erlebt, als er die Bilder zum Interview schoss: «Sie war pünktlich, sehr professionell und strahlte eine unglaubliche Ruhe aus.» Und am Schluss nahm sie sich auch noch Zeit, Fotos mit der Crew zu machen. «Das war sogar ihre Idee.»

«Tina» ist auf blue TV abrufbar. Und läuft diesen Sommer in den Openair Kinos.