So gut ist «Wir Kinder vom Bahnhof Zoo» als Serie

#Von Maximilian Haase

19.2.2021

Die wahre Geschichte um Christiane F. schockierte und prägte ganze Generationen: Nun wird «Wir Kinder vom Bahnhof Zoo» als Amazon-Serie neu erzählt. Dank eines überragenden Casts und Gespür für Ambivalenz gelingt das Wagnis.

Auch in der Schweiz kam man Ende der 70er-Jahre an Christiane F. kaum vorbei. «Wir Kinder vom Bahnhof Zoo» prägte ganze Generationen von Jugendlichen. Und schockierte deren Eltern und Lehrer: Schnell geriet das auf realen Tonbandprotokollen basierende Buch der «Stern»-Autoren Kai Hermann und Horst Rieck von 1978 zum Bestseller – in Deutschland mancherorts gar zur schulischen Pflichtlektüre. Uli Edels Verfilmung von 1981 schliesslich machte die Hauptfigur auf Jahrzehnte zum Inbegriff für Heroinsucht, Drogenabsturz, Prostitution, Entzug – und damit zum Abbild all jener Ängste, die Mittel- und Oberschicht auf ihre Kinder projizierten.



Nun, 40 Jahre später, erscheint abermals eine Adaption der Geschichte: In acht Episoden interpretiert die Amazon-Serie «Wir Kinder vom Bahnhof Zoo» (ab heute, Freitag, 19. Februar) den Klassiker neu. Dass dieses Wagnis gelingt, liegt in erster Linie an einem grandiosen jungen Cast, der tollen Bildsprache – und am Mut zum Widersprüchlichen.

Wesentliches richtig gemacht

Denn mit Ambivalenzen muss das von Oliver Berben und Sophie von Uslar produzierte Projekt leben: die abschreckende Junkie-Story par exellence als potenzieller internationaler Streaminghit? Schwierig. Dem visuell schon festgezurrten Bowie-Berlin der späten 70er-Jahre eine neue Hipness verleihen? Mindestens anspruchsvoll.

Das Wesentliche macht die Serie unter Regie von Philipp Kadelbach richtig: Popkultur und Mode jener wilden Jahre bleiben (abgesehen von Soundtrackexperimenten und technoesken Partyszenen) kaum angetastet, ebenso wenig die Aura um den damals in West-Berlin lebenden David Bowie, der in der Serie mehrfach (im Flugzeug, auf dem Klo) auftaucht – und der einst von der «Welthauptstadt des Heroins» gesprochen haben soll. «Heroin war in Mode, ein popkulturelles Phänomen», drückt die herausragende Hauptdarstellerin Jana McKinnon das Dilemma aus: «Auf verstörende Art war man als Heroinabhängiger hip.»

Fast schon Hochglanzoptik

Setzte Edels Verfilmung noch auf düstere Elendsästhetik und Schock-Szenen samt Spritzen und Entzugskotzerei, versucht sich die unter Leitung von Headautorin Annette Hess («Weissensee») geschriebene Serie kaum am moralischen Zeigefinger. Zwar lautet die Botschaft auch hier: Drogen schaden, machen Körper kaputt und zerstören Freundschaften.



Doch bleibt Raum für Nuancen: Ist man mit der Clique im Lieblingsclub (vor allem im legendären «Sound») unterwegs, um dem Alltag zu entgehen, macht das Ganze eben auch wahnsinnig Spass – das jedenfalls drücken die fast schon in Hochglanz-Optik inszenierten Traumtänzereien aus, denen sich Christiane, die eigentlich ein Leben als Pferdemädchen will, und ihre Freunde Stella (Lena Urzendowsky), Axel (Jeremias Meyer), Benno (Michelangelo Fortuzzi), Babsi (Lea Drinda) und Michi (Bruno Alexander) anfangs hingeben.

Kein Sozialfall-Blick

Getragen von einem fantastischen und hochtalentierten Nachwuchs-Cast, dreht sich «Wir Kinder vom Bahnhof Zoo» jedenfalls nicht nur um das grosse Drogendrama, das langsam mit allen Widrigkeiten von Prostitution bis Entzug in die Cliquenwelt einsickert – sondern vor allem um Freundschaften, Alltagsprobleme, Familienzwist und Coming-of-Age.

Dass die Bildsprache dabei weniger den schmutzigen Sozialfall-Blick bedient, sondern auf jugendkulturelles Trip-Erleben (samt psychedelischer Partyeskapaden und traumartiger Sequenzen in den Bergen) setzt, mag man ob seiner Zeitgeistigkeit und Verführungsgeste kritisieren. Komplexer verstehen lässt sich die Teenager-Lebenswelt dadurch allerdings auch. Denn es gibt Gründe, warum Jugendliche konsumieren.

Die Erwachsenen halten Einzug

Und die liegen meist bei den Erwachsenen, die im Gegensatz zum 81er-Film und basierend auf weiteren Tonbandprotokollen Einzug in die Serie halten. Da sind Christianes streitende Eltern (Angelina Häntsch und Sebastian Urzendowsky), die gerade dabei sind, sich zu trennen. Da ist der ominöse Tierladenbesitzer Günther (Bernd Hölscher), der dafür, dass er den Raum zum Drogenkonsum bereitstellt, Gefälligkeiten erwartet. Da sind auch Stellas alkoholkranke Mutter, Babsis eigenartige Grossmutter, Axels Boss und Bennos Freier («Mein Chef ist ein Nazi. Alle Chefs sind Nazis»).

Zugerichtet werden die Jugendlichen schliesslich zuerst von jener krankmachenden Welt, von Familie und Gesellschaft – und erst dann von den Drogen.



Weil «Wir Kinder vom Bahnhof Zoo» diesen Zwiespalt erkennt und davon mitreissend in sieben Stunden erzählt, gelingt die gewagte Neuinterpretation. Mag auch das jugendfilmhafte Setting, das die Perspektive der Teenager einnimmt, manchem angesichts der Vorlage unpassend romantisierend erscheinen – facettenreicher wird die Geschichte um Christiane F., von ein paar flachen Charakteren abgesehen, allemal. Der Mut zu Mehrdeutigkeiten wird belohnt – das Konzept funktioniert. Nicht zu vergessen und von den Schöpfern selbstredend mitbedacht: Berlin, Bowie und eine zeitlose Freundschafts-Story lassen auch auf internationale Anerkennung hoffen.

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