Sind Vegetarier schlechtere Menschen?

Michael Angele

14.2.2021 - 00:00

Der ehemalige Handelskonsul Raphael Salomonson bei der Feldarbeit auf dem Monte Verita, wo er als Buchhalter der Kooperative Monte Verita taetig war; undatierte Aufnahme. Die von der Pianistin Ida Hofmann, dem Industriellensohn Henri Oedenkoven und den beiden Bruedern Karl und Arthur (Gusto) Graeser gegruendete Kooperative und "Reformlandschaft" Monte Verita zog neben Pazifisten, Nudisten, Freimaurern, Feministen, Theosophen und Bohemiens auch viele Kuenstler und Dichter an. (KEYSTONE/MONTE VERITA STIFTUNG/HO) === ===
Der ehemalige Handelskonsul Raphael Salomonson bei der Feldarbeit auf dem Monte Verità; undatierte Aufnahme. Die Kooperative und «Reformlandschaft» Monte Verita zog neben Pazifisten, Nudisten, Freimaurern, Feministen, Theosophen und Bohémiens auch viele Künstler und Dichter an. 
Bild: Keystone

Eine fleischlose Ernährung soll besser vor einem schweren Verlauf von Covid-19 schützen. Unter den Corona-Leugnern tummeln sich auffällig viele Verfechter einer solchen Lebensweise. Solche Zusammenhänge lassen den Kolumnisten grübeln – auch über den eigenen Speiseplan.

Man sitzt gerade viel zu Hause. Es wächst der Wunsch, sein Leben grundlegend zu ändern. Ich zum Beispiel möchte kein Fleisch mehr essen. Oder erst mal viel weniger Fleisch essen (ich liebe Wiener Schnitzel). Die Gründe sind so klar wie Sojasauce: Weder Tier noch Umwelt sollen leiden. Ich bewundere Menschen, die schon weiter sind, echte Vegetarier, echte Veganer. Der blöden Rede vom «Gutmenschentum» schliesse ich mich nicht an.

Aber ich habe ein Problem. Zwar sind die meisten Vegetarier und Veganer keine Querdenker und Corona-Leugner, aber deren Anteil in der Bewegung scheint nicht gerade klein. Hier in Berlin haben wir den Attila Hildmann. Er betreibt ein veganes Restaurant in Charlottenburg und schreibt erfolgreich Kochbücher für Veganer. Und er tritt als Querdenker in Erscheinung. Es ist etwas still um ihn geworden. Zuletzt hat er gegen das Impfen gehetzt. Covid-Impfungen seien so schlimm «wie der Bombenangriff 1945 auf Dresden».

Dass Hildmann das Impfen nicht mit dem Holocaust verglichen hat, könnte damit zusammenhängen, dass er auch schon ein gewisses Verständnis für Hitler gezeigt hat. Der deutsche Staatsschutz spricht von einer «abstrakten Gefährdung» durch seine Hetze.

Das Schweigen der Muslime

Auch die Geschichte von Christian Frei ist mir natürlich zu Ohren gekommen. So, so, der Mitbegründer der vegetarischen Restaurantkette Tibits glaubt also nicht an die Corona-Pandemie. Er will den Bundesrat vor «ein Kriegsgericht» stellen. Auf dem Nachrichten-Dienst Telegram behauptet er angeblich noch ganz andere Sachen.

Diese Leute tun der guten Sache einen Bärendienst. Gibt es offene Kritik an Hildmann von anderen Veganern? Ich hoffe es – und frage einen Spezialisten von der Uni Würzburg, er ernährt sich selbst vegan. «Muss ich passen. Es schimpfen zwar alle Tierrechtler und Veganer in meinem Umfeld über ihn. Aber von offizieller Stelle, etwa von anderen Tierethikern oder Publizisten aus der Szene habe ich keine Kritik an ihm gelesen.» Das erinnert mich ein wenig an das Schweigen der Muslime nach islamistischen Terroranschlägen. Sie denken: Was habe ich damit zu tun? Ich denke: Könntet ruhig mal ein deutliches Zeichen setzen.



Der Spezialist riet mir zu einem Blick in die Geschichte. Um 1900 gab es die Lebensreform-Bewegung, nicht nur auf dem Monte Verità bildeten Okkultisten, Nudisten, Vegetarier eine seltsame Mischung in Jesuslatschen. «Verkappte Religionen» nannte der Journalist Christian Bry damals, was sie einte. Der Maler Karl Wilhelm Diefenbach wäre zu nennen. Oder August Engelhardt, der sich nur von Kokosnüssen ernährte und daran leider zugrunde ging, Christian Kracht schrieb einen tollen Roman über ihn. Lupenreine Demokraten waren die alle nicht, das moderne Leben war ihnen zutiefst zuwider, quasi «verschmutzt».

Und dann ist da noch der Elefant im Raum. Der Führer ass zunehmend weniger Fleisch. Aber nicht, weil er Tiere besonders mochte, sondern weil er ein Verdauungsproblem hatte. Vegetarismus wurde im «Dritten Reich» nicht propagiert, allerdings ist der Tierschutz der Nazis in der jüngeren Zeit intensiv erforscht worden.

Vegetarier haben ein gesünderes Endothel

Sagen kann man sicher, dass im Fleischverzicht ein Reinheitsgedanken liegt. Gibt es einen Zusammenhang zwischen körperlicher und moralischer Reinheit? Man müsste untersuchen, ob es auch unter den Impfgegnern überdurchschnittlich viele Vegetarier und Veganer gibt. Manche träumen ja von einer vegetarischen Immunisierung gegen das Virus:

«Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen, die beweisen, dass Vegetarier ein gesünderes Endothel haben. Covid-19 scheint nach neuesten Untersuchungen das Endothel anzugreifen. Deshalb wäre es wichtig für die Bevölkerung zu wissen, ob durch eine vegetarische Ernährung das Risiko gesenkt wird, an Covid-19 zu sterben.» So die Antwort des Robert-Koch-Instituts auf eine entsprechende Anfrage.

Nun, da ich Fleisch ja doch mag, könnte ich solche Abgründe als Ausrede nehmen, mein Verhalten erst mal nicht zu ändern. Ich habe den Verdacht, dass es einige Menschen ganz gut in den Kram passt, dass es einen wie Attila Hildmann gibt. Kohle auf die Feuer der Grillfreunde.

Während ich mir überlege, was ich künftig auf den Grill legen will (Paprika, Tofusteak, ab und zu halt doch einen Fisch), stosse ich auf eine Umfrage, die vegan.eu unter 3500 Menschen gemacht hat, die sich vegan ernähren. Resultat: «Der Anteil der Befragten, die eine mindestens gewisse Nähe zu Corona-Verschwörungstheorien zeigen, liegt weit unterhalb der in einer repräsentativen Befragung der Allgemeinbevölkerung berichteten Zustimmungsrate zu Verschwörungstheorien von grösser als 30 Prozent».

Na also. Keine Ausreden mehr! Ich bleibe bei meinem Vorsatz.


Zum Autor: Der Berner Michael Angele liefert regelmässig eine Aussenansicht aus Berlin – Schweizerisches und Deutsches betreffend. Angele schreibt für die Wochenzeitung «Der Freitag». Er ist im Seeland aufgewachsen und lebt seit vielen Jahren in Deutschlands Hauptstadt. Berndeutsch kann er aber immer noch perfekt. Als Buchautor erschienen von ihm zuletzt «Der letzte Zeitungsleser» und «Schirrmacher. Ein Porträt».

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