Wehe, in einem Tiny House hängt der Haussegen schief

Von Marianne Siegenthaler

26.4.2021

Sandro und Cornelia Huber leben in einem 'Tiny House' in Affeltrangen, aufgenommen am Samstag, 6. Februar 2021. Das Haus wiegt 3,5 Tonnen, hat eine Wohnflaeche von 23qm und die Masse 9.2m (Laenge), 2,55m (Breite) und 4m (Hoehe). (KEYSTONE/Alexandra Wey)
Sandro und Cornelia Huber leben in einem Tiny House in Affeltrangen TG. Das Häuschen wiegt 3,5 Tonnen, hat eine Wohnfläche von 23 Quadratmetern und die Masse 9,2 Meter Länge, 2,55 Meter Breite und 4 Meter Höhe.
Bild: Keystone

Tiny Houses, also kleine Häuschen, sind moralisch und ökologisch absolut einwandfreie Bleiben. Die Kolumnistin kann sich mit einem solch beengten Zuhause dennoch nicht anfreunden.

Von Marianne Siegenthaler

26.4.2021

Eine fest definierte Grösse gibt es nicht für Tiny Houses. Aber die kleinen Häuschen werden schon ab etwa 10 Quadratmetern angeboten. Damit man sich das vorstellen kann: Das ist nicht mal so gross wie ein Fussballtor.

Und da muss alles rein: Küche, Bad, Schlafzimmer, Wohnzimmer. Und was man sonst noch so braucht zum Leben. Kleidung zum Beispiel. Lebensmittelvorräte. Toilettenartikel. Und so weiter. Und ja, genau, die Bewohnerinnen und Bewohner grad auch noch.

Fakt ist: Wer auf so wenig Fläche leben kann – wenn möglich noch zu zweit oder gar als Kleinfamilie –, der muss verzichten können.

Tiny Houses sind denn auch mehr als nur kleine Häuser, sie sind eine Lebenseinstellung. Reduzieren. Minimieren. Und das trifft doch den Zeitgeist. «Weniger ist mehr» oder Downsizing tönt es allenthalben, und es gibt Menschen, die machen sich einen Sport daraus, nur ein Dutzend Dinge zu besitzen.

Zur Autorin: Marianne Siegenthaler
Bild: zVg

Marianne Siegenthaler ist freie Journalistin, Texterin und Buchautorin. In ihrer Kolumne nimmt sie die grossen und kleinen, die schrägen und schönen, die wichtigen und witzigen Themen des Alltags unter die Lupe – mal kritisch, mal ironisch, mal mit einem Augenzwinkern. Sie ist verheiratet, hat eine erwachsene Tochter und lebt am Zürichsee. www.texterei.ch

Oder jährlich gerade mal einen Abfallsack mit ihrem Müll zu füllen. Ressourcen schonen, die Umwelt schützen – da passt ein Tiny House perfekt dazu: Wenig Bodenverschleiss, weniger Baumaterialien und natürlich auch weniger Energiekosten.

Klein, aber mein

Schaut man sich im Internet Bilder von Tiny Houses an, dann stehen diese meist irgendwo im Grünen an idyllischer Lage. Ganz allein und naturverbunden am Waldrand, mitten auf dem Feld oder an einem Flussufer.

Mal abgesehen davon, dass die Bauordnungen und Zonenpläne in der Schweiz das meist gar nicht zulassen würden, zur Verdichtung trägt ein solches Tiny House nichts bei. Vielmehr verkörpert es den Traum vom Einfamilienhaus, den hierzulande nicht nur Herr und Frau Biedermann träumen – einfach einiges kleiner.

Mir wäre das allerdings definitiv zu beengt.

Ein Bad, in welchem man sich kaum umdrehen kann? Ein Multifunktionsmöbel, auf welchem ich meine Mahlzeiten einnehme, auf meinem Laptop arbeite und auf dem ich nachts schlafe? Und mal angenommen, man wohnt da auch noch zu zweit? Wenn der eine sich anziehen will, muss der andere sich derweil in die Ecke drängen, weil sie sich sonst ins Gehege kommen? Nein, danke.

Ich brauche Platz

Es ist ja nicht so, dass ich mich fast schon messiemässig mit Dingen zumülle. Im Gegenteil. Ich mag es gern übersichtlich und aufgeräumt. Ein leerer Tisch oder ein nur halbvoller Schrank – das bereitet mir fast schon Glücksgefühle. Aber ich brauche Platz um mich herum.

Oder Abstand, das trifft es wohl eher. Ich will auch einfach mal meine Ruhe haben. Die Tür hinter mir zumachen. Wie das auf acht, zehn oder auch 25 Quadratmetern funktionieren soll, kann ich mir nicht vorstellen.

Erst recht nicht, wenn man nicht nach draussen kann. Und wenn dann der Haussegen auch noch schief hängt, dann wird’s für die dicke Luft so richtig eng im Mini-Haus.



Natürlich ist mir auch klar, dass der individuelle Wohnflächenbedarf für den ökologischen Fussabdruck von Gebäuden wichtig ist, ebenso wie zum Beispiel der Energieverbrauch. Aber für mich ist genug Raum entscheidend für meine Lebensqualität – zumal ich nicht nur grad jetzt, sondern bereits seit 20 Jahren mein Büro zu Hause habe und darum sehr viel Zeit daheim verbringe.

Aber immerhin versuche ich meinen ökologischen Fussabdruck in anderen Bereichen zu optimieren, beispielsweise indem ich Food Waste vermeide oder möglichst oft zu Fuss gehe.

Und dann ist da noch ein letzter Punkt: Nicht zuletzt hat ausreichend Wohnfläche wohl dazu beigetragen, dass mein Ehemann und ich uns auch mal aus dem Weg gehen konnten – und so nach vielen Jahren immer noch glücklich zusammenleben.

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