Betroffene merken selbst nicht, dass sie Mundgeruch haben

Runa Reinecke

1.7.2020 - 06:55

Für Mundgeruch gibt es über 200 Ursachen.
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Die sogenannte Halitosis ist unangenehm. Schlimmstenfalls macht sie sogar einsam. Ein Experte verrät, wie man Mundgeruch vor einem Date oder Vorstellungsgespräch zuverlässig vorbeugt und was jeder langfristig dagegen tun kann.

Für Mundgeruch gibt es über 200 Ursachen. Nicht nur das Umfeld, sondern auch die Betroffenen selbst leiden unter den Ausdünstungen. Welche Gründe es für die aus dem Mund entweichenden Gerüche gibt und wie er die Ursachen für übel riechenden Atem durch akribische Befragung, Untersuchung und moderner Technik ermittelt, erzählt der Halitosis-Spezialist Prof. Dr. med. dent. Andreas Filippi im Interview mit «Bluewin».

Herr Filippi, haben Sie schon einmal jemandem aus Ihrem privaten Umfeld mitgeteilt, dass sie oder er Mundgeruch hat?

Tatsächlich, ja. Das war nicht ganz einfach, aber da ich mich beruflich damit befasse, sah ich es als meine Aufgabe, das zu tun.

Gibt es wissenschaftliche Daten, die belegen, wie viele Menschen von der sogenannten Halitosis betroffen sind?

Diverse epidemiologische Studien zeigen, dass ungefähr jeder Vierte der Normalbevölkerung zu bestimmten Tageszeiten deutlich wahrnehmbaren Mundgeruch hat. Bei 5 bis 7 Prozent geht man davon aus, dass sie anhaltend unter Halitosis leiden und Männer wie Frauen gleichermassen betroffen sind. Ältere Menschen haben häufiger Mundgeruch als Junge, was oft mit einem verminderten Speichelfluss zusammenhängt.

Zur Person: Andreas Filippi
Prof. Dr. med. dent. Andreas Filippi ist Leiter der Klinik für Oralchirurgie des Universitären Zentrums für Zahnmedizin Basel UZB.

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Wie stellt man selbst fest, dass man aus dem Mund einen unangenehmen Geruch verströmt?

Da wären wir schon beim Hauptproblem, denn der Betreffende selbst hat – zumindest ohne das entsprechende Hilfsmittel – kaum eine Möglichkeit, das herauszufinden. Das liegt daran, dass sich der Geruchssinn schnell an ständig vorhandene Duftmoleküle gewöhnt.

Den eigenen Atem in die hohle Hand zu hauchen, ist also sinnlos?

Vieles, was durch die Boulevardmedien geistert, wie in die eigene Hand zu hauchen, mit dem Esslöffel über die Zunge zu streichen oder am Handrücken zu lecken und danach daran zu riechen, funktioniert überhaupt nicht. Was wir unseren Patientinnen und Patienten in der Sprechstunde als Selbsttest empfehlen, ist die Airbag-Methode.

Airbag-Methode?

Dafür nimmt man einen geruchlosen Plastikbeutel zur Hand, der etwa sieben Liter Volumen fasst. Diesen hält man sich vor den Mund, inhaliert dabei wie gewohnt durch die Nase und atmet die Luft ganz normal, ohne zu pusten, in den Beutel wieder aus. Dann hält man diesen Ballon zu und riecht an Kaffeebohnen oder frisch gemahlenem Kaffeepulver, um den eigenen Geruchssinn zu neutralisieren. Danach lässt man die im Beutel aufgefangene Atemluft heraus und riecht daran.

Bekommen Sie anhand der Art des Geruchs schon eine Ahnung davon, welches Problem zugrunde liegen könnte?

Es gelingt, gewisse Ursachen ein- beziehungsweise auszuschliessen. Einige wenige sind besonders häufig, etwa 200 hingegen selten. Meistens gibt es nicht nur einen Grund, sondern gleich mehrere. Um sich ein genaueres Bild zu machen, bedarf es immer eines Blickes in den Mund und einer klinischen Untersuchung.

Wie diagnostizieren Sie, dass bei einer Patientin oder einem Patienten Mundgeruch besteht?

Vor der Pandemie hielten wir es so, dass wir die Patienten per Handschlag begrüsst haben. Dabei ist man, wie im Alltag auch sonst üblich, etwa einen Meter voneinander entfernt und hält ein wenig Smalltalk. Die Stärke des Mundgeruchs teilen wir in Grade ein. Nehmen wir diesen bereits bei einem solchen Abstand wahr, sprechen wir von einem Grad III. Bei der zahnärztlichen Untersuchung ist man ca. 30 Zentimeter vom Patienten entfernt. Nimmt man während dieser zum ersten Mal einen Geruch wahr, besteht Grad II. Bei Grad I ist man noch näher dran. Dieser lässt sich während der Zungendiagnostik bestimmen, eines wichtigen Bestandteils der Untersuchung. Ist der Atem auch dann nicht auffällig, sprechen wir von Grad 0. Dann besteht kein Mundgeruch.

Das Anhauchen gehörte schon vor der Pandemie nicht zur Untersuchung?

Darauf haben wir bislang verzichtet, denn das ist für alle Beteiligten peinlich. Zu den meisten Patientinnen und Patienten besteht vor der Sprechstunde nur schriftlicher Kontakt, da ist es doch ziemlich unangenehm, zu sagen: «So, nun hauchen Sie mich mal direkt an.» Wir bedienen uns stattdessen technischer Hilfsmittel.

Und wie funktioniert das?

Dazu saugen wir mit einer Spritze Luft aus der Mundhöhle des Patienten. Diese Luft wird durch einen Virenfilter in einen Becher gepresst. So kann die Medizinerin oder der Mediziner die Luft mit der eigenen Nase beurteilen, ohne sich einer Infektionsgefahr auszusetzen. Da wir im Moment alle einen Mundschutz tragen und Gerüche dadurch stark gefiltert werden, ist das die zuverlässigste und zugleich sicherste diagnostische Methode.

Nehmen wir an, jemand kommt zu Ihnen in die Klinik. Was erwartet die Patienten in Ihrer Sprechstunde?

Im Prinzip gibt es zwei Möglichkeiten: Der Patient lädt sich die App «Halitosis» auf das Smartphone. Dort gibt es eine Anleitung zur Vorbereitung auf den Termin. Sie enthält unter anderem einen Anamnesebogen, den man schon vorher ausfüllen und uns via E-Mail zukommen lassen kann. Kommt ein Patient eher unvorbereitet zu uns, dann füllt er den Bogen im Wartezimmer aus.

Während der Sprechstunde gehen wir diesen gemeinsam durch. Dann nehmen wir, neben der Luftprobe, die durch den Arzt mit der Nase beurteilt wird, zwei weitere aus der Mundhöhle: Die eine wird im Gaschromatografen analysiert, der zwischen verschiedenen flüchtigen Substanzen unterscheiden kann. Die andere wird im Sulfidmonitor überprüft. Dieses Gerät misst die Summe der flüchtigen Schwefelverbindungen in der Atemluft. Sie sind für die Stärke des Mundgeruchs verantwortlich. Diese Messung ist wichtig, um während des Folgetermins feststellen zu können, ob die in der ersten Sprechstunde besprochenen Massnahmen Erfolg versprechen.



Welche Faktoren verursachen oder verstärken solche unangenehme Düfte?

Zu diesem Zweck befragen wir den Patienten auch zu Krankheiten und Ernährungsgewohnheiten. Dazu gehört nicht nur, was man isst, sondern auch wie oft, ob und wie viel Kaffee oder Wasser man zu sich nimmt, ob man raucht, Alkohol trinkt und ob man Stress hat.

Stress?

Eine nervöse Anspannung vermindert den Speichelfluss, und das führt dann zu einem trockeneren Mund, der wiederum Mundgeruch begünstigt. Dasselbe gilt übrigens auch für Medikamente, weshalb wir unsere Patientinnen und Patienten auch danach befragen.

Also zum Beispiel Arzneien, die gegen Wassereinlagerungen eingenommen werden?

Nicht nur. Insgesamt betrifft das rund 1'800 verschiedene Medikamente, die in der Schweiz zugelassen sind. Allen voran Psychopharmaka. Eine weitere, sehr häufige Ursache für Mundgeruch ist der Zungenbelag, der aus einem Biofilm aus Mikroorganismen besteht und spektakulär dick sein kann. Ist das der Fall, machen wir während der ersten Sitzung deshalb bei der oder dem Betroffenen eine professionelle Zungenreinigung.

Es ist für den Betroffenen möglich, diese mittels Handspiegel mitzuverfolgen. Das kann man dann selbst zwei- bis dreimal am Tag zu Hause durchführen. Meistens sind es mehrere Ursachen und mehrere Massnahmen, die ein Patient zu Hause anwenden und deren Wirkung er – durch die bereits erwähnte Airbag-Methode – überprüfen kann. Bestenfalls ist der Mundgeruch bald verschwunden oder ist weniger intensiv.

Gibt es auch allgemeine Erkrankungen, die zu schlechtem Atem führen können?

Grundsätzlich schon, doch sie spielen eine untergeordnete Rolle. Keine 4 Prozent aller Fälle sind auf Hals-Nasen-Ohren-Erkrankungen zurückzuführen. Magen-Darm-Leiden sind nur zu einem Prozent ursächlich.

Welche Genuss- oder Nahrungsmittel sollte man vor einem wichtigen Termin nicht zu sich nehmen, um unangenehmen Ausdünstungen aus dem Mund vorzubeugen?

Zunächst das tun, was man ohnehin mindestens zweimal am Tag machen sollte: die Zähne gründlich putzen sowie die Zahnzwischenräume und die Zunge mit einer Zungenbürste reinigen. Schon am Abend zuvor sollte man auf Speisen mit Knoblauch verzichten. Für einen frischen Atem ist es ratsam, direkt vor dem Termin einen Pfefferminz-Kaugummi zu kauen.

Wer auf Nummer sicher gehen möchte – auch wenn dieser Rat aus zahnärztlicher Sicht nicht besonders sexy ist und ich das auch nur in Ausnahmefällen empfehle: einen Würfelzucker in den Mund nehmen und diesen langsam auf der Zunge zergehen lassen. Das senkt den PH-Wert im Mund, und dadurch verschwindet jeder Mundgeruch, wenn auch nur für ungefähr 20 bis 30 Minuten.

Wie hoch ist die Erfolgsquote, den Mundgeruch durch die in der Sprechstunde vorgeschlagenen Massnahmen wieder loszuwerden?

Professionelle Mundgeruch-Sprechstunden können neun von zehn Patienten von Mundgeruch befreien. Natürlich muss der Patient auch mitmachen und die Empfehlungen konsequent zu Hause umsetzen. Wir haben hier in unserer Klinik viele Betroffene, die sogar aus dem Ausland zu uns kommen und einen grossen Leidensdruck haben. Der Motivationsgrad dieser Gruppe ist sehr hoch, und das erklärt auch die hohe Erfolgsquote.

Sie erwähnten zuvor die von Ihnen entwickelte App «Halitosis». Wie kann diese Mundgeruch-Geplagte im Kampf gegen die olfaktorischen Ausdünstungen unterstützen?  

Neben dem Anamnesebogen enthält sie unter anderem ein Spezialistenverzeichnis für professionelle Mundgeruch-Sprechstunden, Videoanleitungen für die Zungenreinigung sowie die Airbag-Methode und ein Mundgeruch-Tagebuch. Es gibt Menschen, die haben nur phasenweise Mundgeruch, dann aber sehr stark. Das Tagebuch hilft dabei, herauszufinden, welche Nahrungs- oder Genussmittel oder welche Umwelteinflüsse zu welchem Zeitpunkt Halitosis verursachen.

Zum Schluss möchte ich gerne auf die Eingangsfrage zurückkommen: Wie bringt man jemandem schonend bei, dass er unangenehm aus dem Mund riecht?

Niemand hört gerne, dass er schon seit Längerem wegen Mundgeruch auffällt. Hier ist ein wertschätzender, feinfühliger Ton sehr wichtig, und das Gespräch muss unter vier Augen stattfinden. Die Botschaft könnte lauten: «Es fällt mir etwas schwer, aber ich möchte dir das jetzt sagen, weil auch ich froh wäre, wenn mir jemand mitteilen würde, dass ich Mundgeruch habe (...)». Dazu braucht es viel Mut, aber man erweist dem Gegenüber auch einen Dienst, indem man sie oder ihn nicht im Ungewissen lässt. Denn das Gute ist ja, dass jeder selbst etwas gegen Mundgeruch unternehmen kann.

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