Darm ohne Charme – wenn der Bauch ständig schmerzt

11.10.2018 - 00:00, Kerstin Degen

Magen-Darm-Beschwerden sind weit verbreitet, die Ursachen dafür liegen jedoch selten klar auf der Hand. (Symbolbild)
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Nächtliche Magenschmerzen, Blähbauch, Völlegefühl oder Appetitlosigkeit: 15 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer haben Verdauungsprobleme. Das Leiden unserer Autorin begann vor mehreren Jahren – ein Erfahrungsbericht.

Ob Nahrungsmittelintoleranz, unliebsame Erinnerung an die letzte Fernreise oder genetische Prädisposition: Beschwerden rund um Magen und Darm sind so vielseitig, wie ihre Symptome. Manche verschwinden von alleine, andere werden medikamentös behandelt. Doch es gibt auch jene, die hartnäckig immer wiederkehren – aller Massnahmen zum Trotz.

Die bakterielle Überwucherung des Dünndarms – «Small Intestinal Bacterial Overgrowth», kurz SIBO – ist kein eigenständiges Krankheitsbild. Häufig tritt sie als Begleiterkrankung bei einem Reizdarm auf. In seltenen Fällen liegt eine schwerwiegende Erkrankung im Gastrointestinaltrakt vor.

Meine persönliche Bekanntschaft mit SIBO begann vor einem Jahr, als das unscheinbare Akronym als Verursacher meiner langjährigen Leiden identifiziert wurde. Die Erleichterung war gross, denn der Befund rettete mich vor dem Gefühl, als Hypochonder in die Annalen meiner Familie einzugehen. Wo eine Diagnose, da eine Medikation, nicht wahr?

Fehlanzeige! Denn so einfach macht man dieser – in den meisten Fällen harmlosen – Krankheit leider nicht den Garaus.

Was bitte schön ist SIBO?

Die Dünndarmfehlbesiedelung (DDFB), wie die Krankheit in der deutschen Sprache bezeichnet wird, ist – einfach ausgedrückt – ein Missverhältnis der Bakterien in unserem Darm.

In unserem Verdauungstrakt leben Tausende von Bakterien unterschiedlicher Art, die einen spalten unsere Nahrung auf, die anderen verteidigen uns gegen Krankheitserreger. Nur wenn die Bakterien ihre Aufgabe an dem für sie bestimmten Ort im Körper erledigen können, bleiben unsere Organe gesund.

Und da liegt die Ursache der DDFB: Wo Dickdarm und Dünndarm aufeinandertreffen, bildet eine winzige «Türe» mit dem klangvollen Namen Ileozökalklappe eine natürliche Sperre. Doch wenn diese Klappe nicht richtig schliesst, oder durch vermehrte Blähungen aufgedrückt wird, können Bakterien aus dem Dickdarm in den Dünndarm gelangen.

Dort beginnen sie dann, am falschen Ort, mit ihrer Aufgabe, in diesem Falle der Verdauung von Kohlenhydraten. Die Folgen: Blähungen, Verstopfungen oder Durchfall, Schmerzen und auf Dauer Mangelerscheinungen, Abgeschlagenheit, Schwindel.

Der Zusammenhang zwischen Beschwerden im Verdauungstrakt und emotionalem Stress wird immer offensichtlicher. Alternative Heilmethoden, wie beispielsweise die Akkupunktur, können eine Heilung unterstützen.
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Die unspezifischen Beschwerden überlappen mit denjenigen des Reizdarmsyndroms, weshalb eine medizinische Abgrenzung oft schwierig ist. Der Leidensweg von SIBO-Patienten ist entsprechend lang, denn meist kommt die DDFB erst ins Spiel, wenn sämtliche andere Magen-Darm-Leiden ausgeschlossen werden konnten.

Essen in Gesellschaft: Bitte nicht!

Ich habe das selbst erlebt; bin – von der Laktoseintoleranz über die Glutenunverträglichkeit bis zur Histaminose –mit unzähligen möglichen Diagnosen konfrontiert worden und habe meine Ernährung alle paar Monate von einem Extrem ins andere umgestellt.

Das Schlimmste: Essen wurde zum Spiessrutenlauf, jegliche Freude und jeglicher Genuss gingen verloren. Die Einladung zum Apéro oder Kaffeeklatsch – ein Albtraum! Denn weder das Cüpli noch die Torte, weder Blätterteiggebäck noch Kaffee stehen in irgendeiner Eliminationsdiät auf dem Speiseplan.

Die beste Therapie? Kein Essen – keine Beschwerden. Aber dass das auf Dauer nicht fruchten kann, steht natürlich ausser Frage. Also immer wieder Blähungen, Hautausschläge und Übelkeit.

Alles psychisch, oder was?

Wenn man über längere Zeit von Arzt zu Arzt tingelt und dazwischen auch noch Dr. Google um Rat fragt, fängt man irgendwann an, seine eigenen Symptome zu hinterfragen. Darm-Hirn-Achse, Bauchhirn oder Darm mit Charme – Studien und Literatur über das Zusammenspiel von Darm, Emotionen und Psyche schiessen in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden. Also doch alles psychisch?

Ein ganzheitlicher Ansatz musste her; chinesische Heilkräuter, Akkupunktur, Tachyopressur, dazwischen Meditation und Yoga. Das Resultat, ich fühlte mich zwischenzeitlich besser, einzelne Lebensmittel fanden ihren Weg zurück auf meinen Speiseplan, die Hautausschläge verschwanden – zumindest vorübergehend.

Dann eine neue Idee: Ein H2-Atemtest zur Feststellung einer Kohlenhydrat-Intoleranz respektive Malabsorption soll Licht ins Dunkel bringen.

Bei einem solchen Atemtest wird dem Patienten eine Flüssigkeit auf nüchternen Magen verabreicht, in meinem Fall die Laktulose. Dann pustet man während drei Stunden alle zehn Minuten in ein kleines Gerät, das den Wasserstoff-Gehalt in der Ausatmung misst. Die daraus entstehenden Werte geben Aufschluss über die Verdauungstätigkeit.

Dieser nicht-invasive Test ist eigentlich ganz einfach, die Gründe dafür und die Auswertung allerdings sehr komplex. Deshalb nur in Kürze: Treten massiv erhöhte Werte auf, und das schon nach einer sehr kurzen Zeit, also während der ersten 30 bis 60 Minuten, liegt mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Dünndarmfehlbesiedelung vor.

Diagnose SIBO: Was nun?

Ist die Diagnose erstellt, bleiben drei Möglichkeiten: ein chemisches Antibiotikum, pflanzliche Alternativen oder eine Reihe äusserst strikter Diätformen. Alle drei haben Vor- und Nachteile.

Das chemische Antibiotikum Rifaximin ist im Gegensatz zu anderen Antibiotika ausschliesslich im Darm wirksam und beeinträchtigt nicht den ganzen Körper. Allerdings ist es in der Schweiz für die Behandlung von SIBO nicht anerkannt, die Kosten gehen zu Lasten des Patienten. 

Einige pflanzliche Alternativen zeigen ähnliche antibiotische Wirksamkeit, dazu gehören Allicin (Knoblauchextrakt), Oregano, Zimt, Neem, Berberitze oder Pau d'Arco. Die verschiedenen Mixturen sind aber in der Schweiz nur mit grossem Aufwand erhältlich. Auch Prä- und Probiotika werden manchmal zur Therapie respektive zur Vorbeugung von SIBO verabreicht, doch ihre Wirksamkeit ist umstritten.

Die Umstellung der Ernährung kann in der Behandlung von SIBO der entscheidende und langfristig wirksamste Schritt sein. Empfohlen werden zum Beispiel die SCD-Diät (Specific Carbohydrate Diet), bei dieser wird der Verzehr von Kohlenhydraten stark eingeschränkt. Monosaccharide (zum Beispiel Frucht- und Traubenzucker) sind erlaubt, ebenso wie die meisten Früchte und Gemüse, Fleisch, Fisch, einzelne Käse oder Honig.

Nicht nur Stärke kann von den Bakterien im Dünndarm fermentiert werden, auch andere Kohlenhydratbestandteile – mittlerweile unter dem weit bekannten Akronym FODMAP (fermentable oligo-, di-, monosaccharides and polyoles) zusammengefasst – können bei einer Fehlbesiedelung zu Symptomen führen. Doch auch eine allgemein gültige Wirksamkeit der FODMAP-Diät kann die Wissenschaft nicht eindeutig belegen.

In allen Fällen bleibt die Rückfallquote hoch. Geht man davon aus, dass SIBO Folge einer anderen gastrointestinalen Erkrankung oder postoperativen Zustands ist, bleibt die Grunderkrankung ja meistens nicht änderbar, erklärt Professor Dr. med. Peter Bauerfeind, Chefarzt der Abteilung Gastroenterologie/Hepatologie am Stadtspital Triemli diese Tatsache.

Und weiter: Der Befund von Bakterien im oberen Dünndarm bei gesunden Patienten ist extrem schwer zu messen, daher erhält man auch dort keine aussagekräftigen Ergebnisse. 

Meine persönliche Lösung

Mir persönlich hat ein achtwöchiger strikter Verzicht auf Kohlenhydrate, Zucker und sämtliche Milchprodukte geholfen. Auch Früchte und Gemüse habe ich nur verzehrt, wenn ihr Fruktose-Gehalt bei plus minus eins pro 100 Gramm lag. Da bleibt nicht gerade viel übrig für den Speiseplan, aber die Erfolge waren umgehend spürbar.

Auch die ganze Darm-Hirn-Thematik kann ich für mich bestätigen: Bin ich gestresst, unausgeschlafen oder gereizt, so verschlimmern sich die Symptome. Nun bestimmt also aktives Stress-Management  meinen Alltag. Ebenso verzichte ich immer noch ganz auf Kuhmilch, viele Früchte, Wurstwaren und Convenience-Produkte.

Trotzdem bin ich nicht auf Dauer symptomfrei geblieben. Heute passe ich meine Ernährung meinen Beschwerden an, in besseren Phasen erlaube ich mir auch einmal Pasta, Trauben oder eine Bratwurst.

Eine ausführliche SIBO-Studie wurde Anfang 2018 im Swiss Medical Forum veröffentlicht; sie gibt Aufschluss über Symptome, Diagnostik und Behandlungsmethoden.

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