«Die Handlung wiederkehrender Albträume können wir beeinflussen»

Runa Reinecke

3.6.2020 - 14:46

Manchmal erscheinen Fantasiereisen im Schlaf ungewöhnlich real. 
Bild:  Getty Images

Von wütenden Monstern bis hin zu Horden krabbelnder Insekten: Eine Expertin verrät, wie aussergewöhnliche Situationen unsere Träume verändern und wie es uns gelingt, bewusst ins Traumgeschehen einzugreifen.

Die Phase der Isolation ist vorüber, die erste und hoffentlich letzte grosse Pandemiewelle liegt hinter uns. Mit der ausserordentlichen Lage kamen für viele von uns auch sie: ungewöhnliche, intensive, manchmal auch besonders schlimme Träume.

Warum das in Extremsituationen ganz normal ist und warum sich der Grund für Albträume auch im Arzneikästli verbergen kann, haben wir im Gespräch mit der Schlafforscherin Dr. med. Helen Slawik erfahren (hier geht es zum ersten Teil des Interviews, das sich mit dem Thema Schlaf befasst).

Frau Slawik, so mancher berichtete von ungewöhnlichen, intensiveren Träumen seit Beginn der Coronavirus-Pandemie, und auch davon, dass sie eher im Gedächtnis blieben als sonst.

Wenn wir träumen, verarbeiten wir unsere Emotionen. Ist einer unserer Angehörigen schwer an Covid-19 erkrankt oder beschäftigt uns das Thema aus einem anderen Grund sehr, kann sich das in unseren Träumen widerspiegeln. Wenn wir unmittelbar nach einer Traumphase aufwachen, können wir uns besonders gut an den Traum erinnern.

Zur Person: Helen Slawik
Dr. med. Helen Slawik leitet seit 2016 den psychiatrischen Standort des schlafmedizinischen Zentrums der Basler Universitätskliniken und arbeitet wissenschaftlich mit dem Zentrum für Chronobiologie zusammen (Leitung Prof. Christian Cajochen). Ihre schlafmedizinische Ausbildung absolvierte sie an der Technischen Universität München, Klinikum rechts der Isar.

Bild: zVg

Das geschieht zum Beispiel bei Durchschlafstörungen oder wenn man direkt aus einem Albtraum erwacht. Auch der Zeitpunkt ist dafür wesentlich. Wenn man zum Beispiel während des Lockdown die Gelegenheit hatte, länger im Bett zu verweilen, und nicht um 7 Uhr durch den Wecker geweckt wurde, um dann sofort aufzustehen, konnte man sich unter Umständen besser an den Traum erinnern.

Inwiefern wirkten sich Social Distancing und die damit verbundene Isolation auf unsere Träume aus?

Das Social Distancing verunmöglichte Treffen mit Freunden, und durch die Tätigkeit im Homeoffice fehlte die gewohnte Arbeitsumgebung. Dies kann Stress auslösen. Fallen die Aussenreize weg, fokussieren wir uns ausserdem mehr auf uns selbst. Dass man in besonderen Situation eher Negatives träumt, ist ganz normal: Man bereitet sich dadurch unbewusst auf eine Gefahrensituation in der Realität vor. Krankhaft wird es dann, wenn das Träumen dysfunktional wird, wenn mich ein Ereignis im Traum emotional nicht mehr loslässt und ich es nicht mehr verarbeiten kann.

New Yorker schilderten nach 9/11, sie hätten von einstürzenden Gebäuden oder von Entführungen geträumt. In letzter Zeit hörte man oft von Träumen, die von Insekten handelten …

… oder aber von Monstern. Während die Eindrücke durch die einstürzenden Zwillingstürme bei 9/11 sehr plastisch waren, haben wir es bei einem Virus mit einer fürs blosse Auge unsichtbaren Gefahr zu tun. Neben der Emotionsregulation dienen Träume auch dazu, das Gedächtnis zu festigen.



Wenn wir etwas Aufregendes erleben, ordnet das Gedächtnis das Geschehene ein: Es prüft, ob es sich um etwas Wichtiges handelt oder ob es vergessen werden soll. Dabei versucht es die neuen Informationen mit älteren Gedächtnisinhalten zu verknüpfen. Bei diesem Vorgang ist das rationale Denken ausgeschaltet. Konkret heisst das: Wenn das Virus für das Gehirn zu abstrakt ist und nur schwer einzuordnen ist, nutzt es ein vergleichbares Bild – zum Beispiel eine grosse Anzahl herumschwirrender oder herumlaufender Insekten.

Warum erscheinen uns manche Träume realistisch, während wir andere als absurd empfinden?

Das ist unter anderem auch von der Schlafphase abhängig. Abstrusere Dinge träumen wir mehrheitlich in der Nacht, während wir in den Morgenstunden eher dazu neigen, klarere, strukturiertere Inhalte zu träumen.

Können wir etwas gegen Albträume tun?

In die Handlung eines Albtraums kann man mithilfe der Imagery Rehearsal Therapy eingreifen. Dazu verändert man im wachen Zustand bewusst die Geschichte des Traums. Um diese neue Handlung im Gedächtnis zu verankern, muss man sich wiederholt bewusst damit auseinandersetzen. Die Methode hat aber auch Grenzen, denn wir können nur in Handlungen von Träumen eingreifen, die wiederkehrend sind.

Das kann jeder selbst versuchen?

Ja, es sei denn, dem Albtraum liegt eine posttraumatische Belastungsstörung zugrunde. Dann sollte das unbedingt von einem professionellen Therapeuten begleitet werden. Andererseits ist es falsch, hinter jedem wiederkehrenden Traum ein verstecktes Trauma zu suchen, das womöglich gar nicht existiert.

So liegen dem Schlafwandeln oder dem sogenannten Nachtschreck, der Kinder im Schlaf laut aufschreien lässt, in der Regel keine traumatischen Erfahrungen zugrunde. Vielmehr besteht eine Disposition, also eine familiäre Veranlagung. Begünstigt werden können Albträume aber auch durch Krankheiten sowie Arzneien wie blutdrucksenkende Medikamente und Psychopharmaka.

Können wir zum Regisseur unseres eigenen Traumfilms werden, also ins Geschehen eingreifen?

Man geht davon aus, dass je nach Studie mindestens 20 Prozent, bis sogar 80 Prozent aller Menschen irgendwann schon einmal im Traum bemerkt hatten, dass sie träumen. Das sogenannte luzide Träumen kann man auch gezielt erlernen. Was nicht heisst, dass man im Traum die Kontrolle über das gesamte Geschehen bekommt. Das ist auch nicht das Ziel.



Es ist im Normalfall wichtig, dass sich das Träumen unserer bewussten Kontrolle entzieht, sodass das Gehirn auf einer assoziativeren, abstrakteren Ebene Verknüpfungen zwischen früherem und aktuellen herstellen kann und Raum für Kreativität ohne rationale oder moralische Kontrolle entsteht. Es gibt aber bestimmte Trauminhalte, in die wir einsteigen und die wir gezielt beeinflussen können.

Wie funktioniert das konkret?

Nehmen wir als Beispiel einen sich immer wiederholenden Albtraum. Während eines bestimmten Moments klinkt man sich sozusagen bewusst ins Geschehen ein. Im Wachzustand wird eingeübt, sich bewusst zu machen, dass man während dieser Erlebnisse träumt beziehungsweise sich immer wieder zu fragen, ob man gerade träumt oder wach ist. Am besten gelingt das selbständig durchgeführte luzide Träumen übrigens während Traumphasen, die wir in den frühen Morgenstunden erleben.

Im Schlaflabor kann man alternativ feststellen, wann der Schlafende sich in einer Traumphase befindet und ihm dies trotz eingeschränktem Bewusstsein durch einen Sinnesreiz mitteilen. Das kann mittels eines Duftes, etwas Akustischem oder Licht geschehen. Dazu muss man, wenn man wach ist, diesen Reiz setzen und sich dabei vorstellen, inwiefern man die Handlung des Traums verändern möchte.

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