«Wir müssen nun lernen, etwas mit uns selbst anzufangen»

Julia Käser

18.3.2020 - 00:02

Katja Rost ist Professorin am soziologischen Institut der Universität Zürich. 
Bild: privat

In Zeiten des Coronavirus müssen wir zusammenhalten. Die Soziologin Katja Rost erklärt, wieso Nachbarschaftsspielgruppen unsolidarisch sind – und wie die Krise die ganze Gesellschaft verändern wird.

Frau Rost, trotz eindringlichen Appellen vom Bundesrat kam es in den letzten Tagen zu Hamsterkäufen und Menschenansammlungen – sind wir zu wenig solidarisch?

Nein, die Solidarität in unserer Gesellschaft ist gross und zeigt sich in diesen Zeiten mehr denn je. Hamsterkäufe zum Beispiel sind vielmehr als Kurzschlussreaktion zu verstehen. Wir befinden uns in einer Ausnahmesituation, die Unsicherheit ist immens – es herrscht eine geordnete Panik. Bei vielen kommt erst jetzt an, wie drastisch die Situation tatsächlich ist.

Wie zeige ich mich nun wirklich solidarisch?

Es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen richtiger und falsch verstandener Solidarität. Gut gemeint ist nicht immer gut genug. Die beste Solidarität ist jetzt die unauffällige – der Verzicht auf soziale Kontakte. Solange man die Einkäufe vor die Eingangstüre stellt, ist auch der Besorgungsdienst für ältere Menschen hilfreich. Die gemeinsame Spielgruppe in der Nachbarschaft hingegen ist kaum solidarisch mit der Gesamtgesellschaft.

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Wie steht es mit Sammelaktionen auf Social Media oder Crowdfundings?

Diese empfinde ich hauptsächlich als Hype. Über die Flüchtlingskrise spricht im Moment niemand mehr. Sind die Personen auf der Flucht deshalb weniger unterstützungswürdig? Wer die Betroffenen der Coronakrise wirklich sind, wird sich erst zeigen. Sobald das klar ist, kann man spenden.

Der Verzicht auf soziale Kontakte macht auch Angst. Wie wird er die Gesellschaft verändern?

Erst einmal geht das nicht so schnell. Damit sich unsere Begrüssungsrituale nachhaltig ändern, die Menschen sich mit mehr Skepsis begegnen und das Misstrauen wächst, braucht es ein halbes Jahr oder länger. Trotzdem: Viele werden nun jäh aus der Routine geworfen. Wir leben in einer Erlebnis-Gesellschaft und sind uns sehr viel Ablenkung von aussen gewöhnt. Es fällt uns schwer, mit uns selbst etwas anzufangen. Das müssen wir nun lernen.



Birgt die Krise auch Chancen für unsere Gesellschaft?

Ja, bestimmt. Wir erkennen, wie gut es uns im Grunde genommen geht. Die Situation zwingt uns dazu, auf vieles zu verzichten. Daraus könnten wir lernen, wie wenig doch notwendig ist. Stichwort Klimawandel: Plötzlich dürfen wir kaum noch fliegen. Wie wird sich das auf unser Reiseverhalten auswirken, sobald wir die Flugzeuge wieder besteigen dürfen? Zudem zeigen sich jetzt die Grenzen der Globalisierung.

Grenzen der Globalisierung – wie meinen Sie das?

Die Krise verdeutlicht, wie abhängig wir alle voneinander sind. Dem Virus sind wir deshalb ohne Schutzschirm ausgeliefert. Die ärmeren Länder trifft das besonders hart. Sie sollten geschützt werden. Im globalen Kontext ist Solidarität ebenso wichtig. Wir sitzen nun alle in einem Boot, Landesgrenzen spielen keine Rolle mehr. Globalisierung an sich ist etwas Gutes. Doch auch hier gilt: Zu viel ist zu viel.

Wird die Coronakrise am Ende zu einer Art Deglobalisierung führen?

Signale in diese Richtung gibt es schon länger. Protektionismus ist teilweise auf dem Vormarsch. Aber auch die Klimafrage lässt sich nur lösen, wenn wir bei der Globalisierung zurückstecken. Weniger CO2-Ausstoss durch die Fliegerei und häufige Konferenzen in den USA, China oder sonst wo gehen einfach nicht zusammen. Wir dürfen uns nicht aus der Verantwortung ziehen und müssen beispielsweise lernen, in gewissen Jahreszeiten auch ohne Bananen zu leben – vielleicht können wird das in der aktuellen Situation üben.

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