Ein Reflex, der uns das Blut in den Adern gefrieren lässt

Runa Reinecke

28.11.2019 - 07:32

Auf den Schrei folgt der Schock: Unerwartetes, lautes Niesen kann für die Mitmenschen sehr unangenehm sein.
Bild: Getty Images

Erschrecken Sie sich auch ganz fürchterlich, wenn jemand in Ihrer Gegenwart unverhofft laut niest? Höchste Zeit, dem Phänomen des Schreiniesens auf den Grund zu gehen.

Grossraumbüro. Meditative Ruhe. Nur das leise, beruhigende Tippen auf den Tastaturen ist zu hören. Ein Moment kollektiver Konzentration – doch dann: Ein gellender Schrei zerfetzt die Stille. Herzrasen, der Blutdruck steigt.

Kampf oder Flucht? Sind Risse in den Wänden zu sehen, tut sich ein Loch im Boden auf? Ein Meteorit, ein Erdbeben, müssen wir jetzt alle sterben? Nein. Hanspeter ha-ha-ha-hat gerade geniest.

Hanspeter ist Schreinieser. Einer, der den Überraschungsmoment nutzt, zuerst kaum hörbar tief Luft holt, um dann seine bis zum Anschlag geladene Druckluftwaffe, begleitet von ohrenbetäubendem Gebrüll und ohne Vorwarnung abzufeuern. Schreckhafte Naturen benötigen nach einer dieser gefühlt 125 Dezibel lauten Attacken einige Minuten, um sich vom Postnies-akustischen-Belastungssyndrom zu erholen.

Das Niesen – ein Reflex

Selbstverständlich niest niemand, um seine Mitmenschen zu verstören. Vielmehr handelt es sich um einen natürlichen und nützlichen Reflex: Nehmen wir – zum Beispiel in der Nase – einen Fremdkörper wahr, so wird dieser Reiz über unsere Nerven an das zwischen Hirnstamm und Rückenmark gelegene Nieszentrum gemeldet.



Dieses wiederum befiehlt unseren Lungen: tief einatmen! «Die Muskulatur des Zwerchfells zieht sich zusammen und die aufgeblähte Lunge wird zusammengepresst», weiss Professor Dr. med. Marcus Maassen vom HNO-Center in Luzern.

Tun es Männer wirklich lauter?

Der Brustkorb ist eingeengt, bis die Luft mit hohem Druck über die Atemwege ausgestossen wird. Je mehr Luft dabei durch die Luftröhre und die Stimmlippen katapultiert wird, um den Fremdkörper, der ursprünglich den Reiz ausgelöst hat, wieder aus dem Körper zu befördern, desto lauter wird es.

Doch warum tun es die einen kaum hörbar, während andere mit Düsenjetlautstärke trompeten? Der aufmerksamen Leserin und dem aufmerksamen Leser wird nicht entgangen sein, dass Hanspeter, unser erfundener Protagonist, ein Mann ist. Angeblich ist das Schrei- oder Brüllniesen unter Männern besonders verbreitet.

Kontaktfreudiger «Niesanthrop»

Einen geschlechterspezifischen, anatomischen Unterschied schliesst der Luzerner Hals-Nasen-Ohren-Spezialist hierfür aus: «Auch viele Frauen verfügen über ein grosses Lungenvolumen, wie zum Beispiel Opernsängerinnen.»

Wie und wie laut jemand niest, sei eine Frage des Charakters. Das zumindest behauptet Alan Hirsch von der Smell & Taste Treatment and Research Foundation in Chicago, USA. Dabei verhalte es sich, so der Psychiater und Neurologe, ein wenig wie mit dem Lachen: Die einen täten es laut und schrill, andere kicherten eher leise.



Es sollen bevorzugt die extrovertierten, kontaktfreudigen Personen sein, bei denen das Niesen einem Donnerschlag gleichkomme, während ruhigeren Personen eher ein kaum hörbares «happfüühhhh» entweiche.

Nicht nur ein akustisches Problem

Eine Möglichkeit, seinen Mitmenschen den einen oder anderen Schreckmoment zu ersparen: Sobald sich ein Niesreiz meldet, die Nasenflügel zudrücken. Ist das nicht gefährlich? Marcus Maassen gibt Entwarnung: «Schädlich ist das normalerweise nicht.» Ob das allerdings jeder als angenehm empfindet, bleibt dahingestellt.

Nervig, lärmig oder halb so schlimm: Wer gerade mit einer Erkältung oder Grippe zu kämpfen hat, sollte im Falle eines Anfalls in ein dickes Stofftuch, einen Wollschal oder wenigstens in die (bekleidete) Armbeuge niesen. Das dämpft nicht nur die Geräuschemissionen, sondern verhindert auch, dass man andere durch den über das Niesen ausgestossenen Virensprühnebel ansteckt.

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