Traumfigur: Der Weg zur Hölle ist mit Diäten gepflastert

Silvia Aeschbach/bb

5.6.2018

In ihrem Buch «Bye-bye-Traumfigur» schaut Journalistin und Bestellerautorin Silvia Aeschbach auf 30 Jahre Kurvenkrieg zurück.
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Silvia Aeschbach war schon als Teenagerin überzeugt, dass ihre Rundungen ein Irrtum der Natur seien. Sie wollte dies mit allen möglichen Diäten korrigieren. Bis sie realisierte: Modelfigur in den Himmel schiessen und sich mit dem, was ist, aussöhnen.

Das Streben von Journalistin und Bestsellerautorin Silvia Aeschbach nach der «idealen» Figur entwickelte sich in all den Jahren nie so, wie sie sich das gewünscht hatte.

Heute – mit über 50 – sagt sie: «Meinen Körper so zu akzeptieren, wie er ist, fällt mir noch immer nicht ganz leicht, aber ich habe einen Waffenstillstand beschlossen: Keine Diäten mehr, keine Work-outs mehr, bei denen ich meine Grenzen überschreite, keine Selbstgeisselungen.»

In ihrem Buch «Bye-bye, Traumfigur», das diese Woche erscheint, schaut sie zurück auf 30 Jahre Kurvenkrieg, beleuchtet die Frage, ob Frauen heute, auch was ihren Körper betrifft, selbstbewusster geworden sind, und kommt zur Erkenntnis, dass nach wie vor viel zu viel kritisiert, korrigiert und optimiert wird.

Dagegen – und davon ist Aeschbach überzeugt – gibt es ein einfaches Rezept:
Einen Gang runterschalten, den Wunsch nach einer androgynen Modelfigur in den Himmel schiessen und sich mit dem, was ist, aussöhnen.

Ihren beschwerlichen, abenteuerlichen und mitunter auch skurrilen Weg zu mehr Selbstakzeptanz, vor allem aber zu mehr Gelassenheit beschreibt sie offen, unterhaltsam und köstlich selbstironisch. Und Aeschbach meint: «Ich habe die Körperweisheit auch nicht mit Löffeln gefressen, aber ich hoffe, dass sich viele Frauen in meinen Geschichten wiedererkennen können. Denn egal, ob kurvig, rund, füllig oder dünn: Zu meckern gibts ja immer was.»

«Bluewin» publiziert das Kapital «Der Weg zur Hölle ist mit Diäten gepflastert» als exklusiven Vorabdruck – plus können Leserinnen und Leser am Ende der Geschichte das Buch «Bye-bye Traumfigur» zu einem vergünstigen Preis bestellen:

Der Weg zur Hölle ist mit Diäten gepflastert

Um es gleich vorwegzunehmen: Ich werde in meinem Leben keine einzige «Wunderkur» mehr machen. Geschätzte hundert gelungene und definitiv mehr misslungene Diätversuche sind genug. Sie finden dieses Versprechen etwas zu vollmundig? Was, wenn mein «boy crush», der Hollywood-Star Ryan Gosling, nachdem seine Beziehung mit Eva Mendes gescheitert wäre, doch noch vor meiner Tür stehen und mich zu seiner neuen Herzdame küren würde? Allerdings unter der Voraussetzung, dass ich zehn Kilo verlieren müsste?

Sorry, Ryan! Nichts zu machen.

Aber jetzt mal ernsthaft: Sollte dieses unwahrscheinlichste aller Ereignisse tatsächlich eintreffen, dann überlege ich mir meinen Schwur noch einmal. Solange dem nicht so ist, bleibt es dabei: Keine Diäten mehr!

War schon als Teenager überzeugt, dass ihre Rundungen ein Irrtum der Natur seien: Autorin Silvia Aeschbach. Heute – mit über 50 – sagt sie: «Meinen Körper so zu akzeptieren, wie er ist, fällt mir immer noch nicht leicht, aber ich habe einen Waffenstillstand mit mir vereinbart.»
Gianni Pisano

Meinen letzten, ziemlich verzweifelten Versuch, auf fragwürdige Weise Gewicht zu verlieren, startete ich im Sommer vor fünf Jahren. Die Ferien standen bevor, und ich hatte die Vorstellung, dass mir ein schwarzer, gut geschnittener Badeanzug nicht nur eine glamouröse Aura verleihen – schliesslich verlangt die Côte d’Azur etwas mehr Glanz als die Badi Enge in meiner Nachbarschaft –, sondern auch meine Sanduhr-Figur vorteilhaft betonen würde. Dies wurde mir jedenfalls von verschiedenen Hochglanzmagazinen empfohlen. Wer wie ich nicht mehr in die Sparte der «sexy Strandnixe» gehört, die in einem knappen Bikini umwerfend aussieht, sollte sich in Richtung «Diva» entwickeln, ihre «weiblichen Reize», zum Beispiel ein schönes Dekolleté, betonen und «die körperlichen Schwachstellen» – also den ganzen Rest des Körpers – minimieren. Was in meinem Fall heissen würde: einen Taucheranzug mit goldenen Creolen-Ohrringen aufpeppen. Denn meine Ohren sind wirklich perfekt: zart, schön geschnitten und ohne jede Fettansammlung.

Es brauchte nur ein paar Minuten in der Umkleidekabine eines grossen Warenhauses, die grausame Beleuchtung durch eine Leuchtröhre und einen schwarzen Einteiler, um meine Illusionen zu zerstören. Schwarz mag durchaus einen positiven Effekt auf die Figur haben – jedenfalls, wenn man bereits schlank ist. Bei überflüssigen Pfunden stellt sich schnell der Vergleich mit einem unförmigen Kohlensack ein. Erschwerend kam dazu, dass meine weisse Haut einen harten Kontrast zum Badeanzug bildete und so jede blaue Vene, jeder Besenreiser und auch jede Delle zusätzlich betont wurden.

Natürlich hätte ich noch ein paar Modelle in anderen Farben probieren können. Aber mir war klar geworden: Der ideale Badeanzug für meine Kurvenlage musste erst noch erfunden werden. Auch das rosarote Modell, das mir die Verkäuferin mit der nett gemeinten Aufforderung «Dieses sanfte Rosa schmeichelt jedem Hauttyp!» entgegenstreckte, würde meine Laune nicht verbessern. Statt wie ein Kohlensack würde ich damit aussehen wie Schweinchen Dick.

Sie merken: Mein Körperbild war damals nicht das beste. Selbst meine übliche Selbstironie konnte die brutale Wahrnehmung des eigenen Körpers nicht mildern. Dabei war meine Figur keineswegs so schlecht, wie ich sie damals empfunden habe. Mit etwas mehr Nachsicht hätte ich mich durchaus auf meine attraktiven Seiten konzentrieren können: die langen, ebenmässigen Arme, die schmale Taille, die wohlgerundeten Schultern und Hüften. Und nein, es war nicht die Schuld der überschlanken Models, die mir ständig in den Medien vor Augen geführt wurden, dass diese innere Unzufriedenheit entstand. Das kann vielleicht bei jungen Frauen grosse Frustration auslösen, ich aber konnte der Realität durchaus ins Auge schauen. Dachte ich jedenfalls. Dass die Wahrnehmung meiner Figur ziemlich verzerrt war, wurde mir erst danach klar.

Meine Selbstzweifel waren keineswegs neu, sie waren auch in meinen sehr schlanken Zeiten meine treuen Begleiter gewesen. Irgendwie schien ich mir und meinem Umfeld nie zu genügen. Dem Vater nicht, der meine kräftigen Waden mit den Gazellenbeinen meiner Mutter verglich. Meinem ersten Chefredaktor nicht, der sich öffentlich mokierte, dass meine «Kiste» im Vergleich zu meiner Taille «zu fett» sei, und auch dem Lover nicht, der nach einer schönen Liebesnacht in meinen nicht vorhandenen Bauch kniff und mit zärtlicher Stimme flüsterte: «Ohne diese Speckröllchen würdest du mir noch viel besser gefallen.» Nicht zu vergessen die sogenannten Freundinnen, die jede Veränderung der Figur mit Argusaugen taxierten und je nachdem flöteten: «Du hast aber ein bisschen zugelegt!», oder giftig zischten: «Wie hast du es nur geschafft, so schnell abzunehmen?»

Doch zurück zu meinem Vorsatz, innert möglichst kurzer Zeit möglichst viel Gewicht zu verlieren. Ich suchte also eine möglichst erfolgversprechende Diät, die mir helfen würde, dieses Ziel zu erreichen. Ich weiss heute nicht mehr genau, wie sie hiess, aber sie sollte laut dem Umschlag des Buches, das ich gekauft hatte, vielen prominenten Frauen dabei geholfen haben, überflüssige Pfunde zum Schmelzen zu bringen.

Das Prinzip war einfach: Während sechs Tagen musste man sich diszipliniert ernähren, sprich ausschliesslich Gemüse, Fisch und braunen Reis essen. Darauf folgte ein sogenannter Cheat-Day, also ein Schummel-Tag, an dem man essen durfte, was man wollte. Bei der Gelegenheit würde ich natürlich auf meine geliebte Seelennahrung zurückgreifen: Teigwaren mit üppiger Sauce, frisches Brot mit reichlich Butter und viel Schokolade.

Ich startete diszipliniert und voller guter Vorsätze. So fingen allerdings alle meine Diätversuche an. Da im Buch stand, man solle sich sein Ziel immer wieder visualisieren, sah ich mich vor meinem inneren Auge als gertenschlanke und glamouröse Diva am Strand von Nizza liegen.

Keine Ahnung, wann mein Diätplan ausser Rand und Band geriet. Plötzlich gab es mehr Cheat-Days als «gesunde» Tage, und nach drei Wochen war das Verhältnis nicht mehr sechs zu eins, sondern eins zu sechs. Sprich: Einem «gesunden» Tag standen sechs Cheat-Days gegenüber. Und statt weniger Kilos klebten ein paar mehr an meinen Hüften.

Kennen Sie diese Momente, in denen einem plötzlich klar wird, jetzt reichts, und man beschliesst, fertig mit diesem Terror? Egal, ob es um schwachsinnige Diäten geht, unmögliche Idealvorstellungen oder um Beziehungen, die einem nicht guttun. In meinem Fall hatte ich einfach keine Lust mehr, ständig meinen Körper zu kritisieren. Einen Körper, der mich über weite Strecken sicher und gesund durchs Leben getragen hatte, der für viele Wonnen verantwortlich war und an dem es eigentlich nichts auszusetzen gab, als dass die eine oder andere Rundung nicht an der richtigen Stelle sass. Aber zum Teufel, wer bestimmte eigentlich, welche Kurve die richtige und welche die falsche war? Die Männer? Die Freundinnen? Die Mode? Ich selber?

In diesem Moment vor gut fünf Jahren erlaubte ich mir endlich, Waffenstillstand mit meinem Körper zu schliessen. Es war noch kein wirklich stabiler Frieden. Aber nach und nach schaffte ich es, mit der ständigen Selbstgeisselung aufzuhören, indem ich begann, mich selber zu akzeptieren. Nicht immer. Aber immer häufiger.

Wenn ich heute auf meine Diäten zurückblicke, dann tue ich es mit einem weinenden Auge, weil ich so viel Zeit damit verplemperte, einem Ideal nachzurennen, aber auch mit einem lachenden, weil viele meiner Kuren geradezu skurrile Züge aufwiesen. (Vielleicht teilen Sie ja das eine oder andere Erlebnis?)

Die Top 7 meiner Diäten:

1. Die Scarsdale-Diät: Aller Anfang ist hart

Sie war ein Urgestein unter den Diäten und wurde von vielen amerikanischen Stars empfohlen, wenn es darum ging, ganz schnell möglichst viel Gewicht zu verlieren. Erfunden wurde sie 1978 von Herman Tarnower und Samm Sinclair Baker. Meine Schwester konnte mit der Scarsdale-Diät einen beachtlichen Erfolg verbuchen: Sie nahm in zwei Wochen acht Kilo ab! Das Regime war hart: Ein typischer Tag begann mit einer halben Grapefruit (ohne Zucker!) und einer Scheibe Vollkornbrot, zum Mittagessen gab es einen Salat (ohne Öl, dafür mit 100 Gramm Pouletbrust), und abends landete ein Steak mit Gemüse auf dem Teller. Zwischendurch waren nur Sellerie und Rüebli erlaubt. Dass ich ebenfalls mit dieser Diät begann beziehungsweise meine Mutter überreden konnte, auch für mich so zu kochen, hatte weniger damit zu tun, dass ich mich zu dick fühlte, sondern damit, dass ich meiner älteren Schwester nacheifern wollte. Denn was sie machte, fand ich cool und erstrebenswert. Es war für eine junge Frau durchaus eine Möglichkeit, mit dieser Diät Gewicht zu verlieren, schliesslich wusste man damals noch nicht so viel über eine ausgewogene Ernährung, und Wunderdiäten erlebten gerade einen ersten Hype – aber für einen schlaksigen Teenager, wie ich einer war, war sie nicht wirklich ideal. Vor allem für einen, der eine Abneigung gegen alle fleischlichen Erzeugnisse hatte und an einer noch nicht diagnostizierten schweren Allergie gegen Sellerie litt. Die Folge: Wenige Stunden nachdem ich die erste Sellerieknolle vertilgt hatte, brach die Allergie aus, und ich musste mit schwerem Nesselfieber zum Arzt. Das konnte mein Diätfieber allerdings nicht löschen. Jetzt ging es erst richtig los.

2. Die Zitronensaft-Diät: Ein durchschlagender Erfolg

Auch hier stand meine Schwester Patin: Sie entdeckte Anfang der 1980er-Jahre diese «Wunderkur», eine ziemlich gewagte Mischung aus reinem Zitronensaft, Ahornsirup und Cayennepfeffer. Es gab jeden Tag fünf grosse Gläser davon und regelmässig übel riechenden Abführtee. Das mag für heutige Verhältnisse ziemlich extrem klingen, aber dieser Mix begeisterte Millionen von Frauen. Auch bei mir hatte er einen durchschlagenden Erfolg. Der ständige Durchfall führte dazu, dass ich schon am dritten Tag kollabierte; mein Kreislauf hatte schlappgemacht. Und bis heute dreht sich mir der Magen um, wenn ich Ahornsirup nur schon rieche.

3. Die Eier-Diät:  Blähungen inklusive

Sorry, Schwesterherz! Noch einmal inspiriertest du mich, eine neue Wunderkur auszuprobieren. Im Gegensatz zu anderen Kuren war diese äusserst einfach durchzuführen: Jeden Tag musste man «nur» sieben hart gekochte Eier essen und dazu fünf rohe Tomaten. Diese Diät hielt ich genau 24 Stunden durch, danach bekam ich von meiner Mutter, die mir diese Tortur nicht ausreden konnte, Zimmerarrest, denn meine Blähungen waren für mein Umfeld nicht mehr auszuhalten.

Das Cover des neuen Buches von Bestellerautorin Silvia Aeschbach: «Bye-bye, Traumfiger»
zVg

4. Die magische Kohlsuppen-Diät: Ja, auch hier roch ich etwas streng

Meine erste Wohnung. Viel Freiheit, viel Pizza, viel Cola und noch mehr Chips – Kochen war schon damals nicht meine Leidenschaft. Als ich nicht mehr in meine Lieblingsjeans passte, machte ich es meiner Freundin Yvonne nach. Sie hatte mit dieser Gemüsesuppe innert zehn Tagen fünf Kilo abgenommen. Ich allerdings beendete das Abenteuer Kohlsuppe bereits nach drei Tagen. Der Grund: Eine Bürokollegin teilte mir «im Vertrauen» mit, dass ich «etwas streng» röche. Wer will schon das Büro verpesten?

5. Die Hollywood-Diät: Zähne zusammenbeissen und runter damit!

Die Hollywood-Star-Diät stammt aus den 1920er-Jahren und wurde für Stars entwickelt, die für einen neuen Film eine Idealfigur erreichen mussten. Die Basis sind Hummer, Shrimps, Fisch, mageres Fleisch und Geflügel. Besonders exotische Früchte sollen reichlich und möglichst roh genossen werden, weil deren Enzyme angeblich schlank machen. Allerdings durfte man täglich nicht mehr als 800 Kalorien zu sich nehmen. Ich hielt einige Tage durch, was eine echte Leistung war, da ich eigentlich Meeresfrüchte nicht mag. Der Grund für mein Aufgeben war aber nicht mein Widerwillen, sondern ein verdorbener Fisch. Mein Kühlschrank hatte seinen Geist aufgegeben, und ich Dödel liess den Fisch darin vergammeln, bevor ich ihn ass. Mit durchschlagendem Erfolg: Meine Lebensmittelvergiftung bescherte mir für einige Tage eine sehr schlanke Figur.

6. Die Spritzen-Kur: Adieu, les croissants!

Mit 21 Jahren schaffte ich es, in einem Jahr fünfzehn Kilo zuzunehmen. Es war eine äusserst schwierige Lebensphase, geprägt von Panikattacken, einem ungeliebten Beruf und der schweren Erkrankung meiner Mutter. Während diese monatelang im Spital lag, führte ich meinem Vater den Haushalt und tröstete mich mit den üblichen Süssigkeiten, bis Papa fand, er müsse meinem ungesunden Lebenswandel ein Ende setzen. Im Gegensatz zu mir war er punkto Ernährung, wie schon gesagt, ziemlich diszipliniert, und das trotz seiner Liebe zu allem Süssen. In der Zeitung entdeckte er eine Werbung für eine «revolutionäre Diät-Methode». Spritzen mit einem speziellen Ananasextrakt sollten das neue Wundermittel sein. Der Zufall wollte es, dass wenige Kilometer entfernt eine Französin, im «Hauptberuf» Arztgattin, diese Kur anbot. Also kutschierte mich mein Vater eigenhändig zu ihr. Im Keller ihres Einfamilienhauses jagte mir Madame zweimal pro Woche die Ananas-Spritzen ins Hinterteil. Zuvor hatte sie mir die Leviten gelesen: «Mon dieu! Vous mangez Gipfeli pour le petit déjeuner? Vous savez, wie viele calories un croissant hat? Je les mange seulement une fois im Jahr, seulement à Noël!»

Die energische Französin war natürlich brandmager, und ich hatte einen gewaltigen Respekt vor ihr. Selbstverständlich war es mit den Spritzen nicht getan. Die Mahlzeiten, die sie mir zugestand, waren äusserst frugal: drei Deziliter warme Milch und ein trockenes Brötli zum Frühstück (adieu, les croissants!), zum Mittagessen einen Salatteller – ohne Sauce, genau – und zum Nachtessen Gemüse, aus dem Wasser gezogen, ohne Salz und Butter.

Um einen schnellen Erfolg zu erzielen, liess ich das Abendessen ausfallen und ernährte mich ausschliesslich von Salat. Meine Kilos schmolzen wie Schnee an der Frühlingssonne. Innert weniger Wochen war ich tatsächlich wieder schlank und rank. Mein Vater hatte Freude. Und ich bin bis heute froh, dass ich durch die Spritzenkur von Madame keine schwere Erkrankung davongetragen habe.

7. Rein in den Glassarg:  Alles für den Vater

Ein halbes Jahr später war mein Gewicht wieder das alte. Das war kein Wunder: Meine Lebenssituation hatte sich immer noch nicht verändert. Meine Mutter war noch immer im Spital, ich wohnte inzwischen wieder zu Hause und machte immer noch den Haushalt für meinen Vater.

Dieser war sehr unglücklich über seine «mollige» Tochter. Er nannte mich freundlicherweise nie dick, aber ich wusste, ich hatte ihn enttäuscht, nachdem ich wieder zugelegt hatte. Ein neuer Plan musste her. Und Vater wurde schnell fündig.

Ein neu eröffnetes Schlankheitsinstitut garantierte, dass man mit einer neuartigen Methode aus Paris (wurde ich diese Französinnen denn nie los?) in zehn Wochen zehn Kilo abnehmen könne. Diese Methode war aus heutiger Sicht ziemlich abenteuerlich. Zuerst musste man sich vor den Leidensgenossinnen in Unterwäsche auf die Waage stellen. Diese war so platziert, dass garantiert alle anwesenden Damen mitbekamen, ob man ab- oder zugenommen hatte. Ersteres wurde mit kräftigem Applaus bedacht. Eine allfällige Zunahme ging in peinlichem Schweigen unter. Danach ging es in den sogenannten Schwitzkasten. Frau setzte sich auf einen Schemel, der Kasten wurde verschlossen, sodass nur noch der Kopf aus dem Loch herausragte, und dann wurde heisse Luft in den Kasten geblasen. Ich schätze, die Temperatur stieg auf mindestens sechzig Grad; jedenfalls zeugte der hochrote Kopf der Kundinnen von ziemlich viel Hitze. Und immer wieder hörte man den verzweifelten Ruf «Lasst mich bitte raus!». Die Schwitzbox war eigentlich nichts anderes als eine Minisauna, und sie war nichts für Frauen mit Platzangst.

Nach der halbstündigen «Sitzung» musste man sich in den gläsernen «Schneewittchen-Sarg» legen, wie ich diese Kiste im Geheimen nannte. Auch hier wurde wieder heisse und feuchte Luft ins Innere geblasen, und auch hier ragte bloss der Kopf ins Freie. Im Gegensatz zur Schwitzbox musste man hier liegend Gymnastikübungen machen, natürlich unter den Augen der superschlanken «Aufseherinnen» in ihren hautengen Trikots. Die ganze Quälerei dauerte insgesamt eine gute Stunde, zweimal in der Woche musste ich antreten.

Mein Vater liess sich die schlanke Figur eine Stange Geld kosten. Tausend Franken kostete das Abo, ein horrender Betrag für damalige Zeiten. Er konnte es immer noch nicht verstehen, wie aus seinem Mägerlimuck ein Moppel geworden war. Und ich bin mir sicher: Er hätte hundertmal lieber eine magere als eine dicke Tochter gehabt, auch wenn er es nie so ausgesprochen hat. Doch seinen vorwurfsvollen Blick auf meine Oberschenkel bei einer gemeinsamen Zugfahrt, bei der ich ihm vis-à-vis sass, werde ich nie vergessen.

Die Kur hatte Erfolg. Sicher nicht wegen der skurrilen Anwendungen, aber ich hielt während dieser Zeit strikt Diät. Schliesslich wollte ich nicht, dass sich mein Vater meinetwegen schämen musste. Denn obwohl ich wusste, dass ich ihn bezüglich meiner Figur immer wieder enttäuschte, liebte und liebe ich ihn noch immer heiss.

Da mein Gewicht je nach seelischem Befinden ziemlich flexibel war, könnte ich hier noch seitenweise über die Milly-Schaub-Methode, die «Brigitte»-Diät, die Vollweib-Diät, verschiedene Saft- und Fastenkuren, FdH, die Blutgruppen-Diät, Rohkost und Metabolic Balance, Trennkost, Dr. Atkins, die 5:2-Methode, Volumetrics, die Schrothkur, Molke-Fastentage, Weight Watchers, Vollwertkost und so weiter und so fort erzählen. Ich habe schliesslich alles ausprobiert. Aber auf die Dauer hat nichts etwas gebracht. Bei mir jedenfalls nicht. Ich würde mir aber nicht anmassen, etwas zu verurteilen, nur weil es bei mir nicht gewirkt hat. Für mich waren diese Methoden einfach der falsche Weg.

Mit Mitte dreissig liess meine Diät-Leidenschaft merklich nach. Ein Grund war sicher, dass ich zu diesem Zeitpunkt eine erfüllende Beziehung begann, mit einem Mann, der meine Kurven liebte und es auch liebte, für mich zu kochen. (Diesen Mann habe ich übrigens letztes Jahr geheiratet. Man sieht, auch in dieser Beziehung war ich eine Spätzünderin.)

In den langen Phasen mit sogenanntem Normalgewicht war ich unzufrieden mit meiner Figur. Es genügte, dass die Lieblingsjeans zu eng wurden, ein Freund eine Bemerkung machte oder einfach die Mode nach schmalen Hüften verlangte. Mit der Zeit merkte ich jedoch, dass in mir, je mehr ich mich darauf konzentrierte, was ich essen durfte und was nicht, ein Widerstand wuchs, ja ein gewisser Trotz. So wie ich es als Kind abgelehnt hatte, zu essen, wenn ich kein Bedürfnis danach verspürte, änderte sich dieses Muster später in eine umgekehrte Richtung: Jetzt lockte alles, was verboten war oder was ich mir selber verbot. Es braucht nicht viel psychologisches Wissen, um zu erkennen, dass ich eine tiefe Abneigung gegen alles habe, was mir von aussen vorgeschrieben wird. Und da ich lange Zeit meines Lebens genau das machte, was von mir erwartet wurde, war die Nahrungsaufnahme meine Art der Rebellion. Leider merkte ich erst spät, dass ich damit nicht andere strafte, sondern in erster Linie mich selber.

Aber die Erkenntnis kam. Besser spät als nie.

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