Ricardo Rodriguez und seine Brüder erzählen vom Tod ihrer Mutter

24.5.2018 - 12:00, Thomas Renggli/bb

Drei Brüder, ein Spiel: Roberto, Ricardo und Francisco Rodriguez.
Valeriano di Domenico

Im Buch «Rodriguez» erzählen die drei Fussball-Brüder Roberto, Ricardo und Francisco ihre bewegende Geschichte. Das sportliche Glück spiegelt aber nur die eine Seite der Familie. Immer wieder schlug das Schicksal brutal zu.

Roberto, Ricardo und Francisco erzählen im heute erscheinenden Buch «Rodriguez» die Geschichte ihrer Familie. Die Geschichte ihrer Eltern Marcela und José – die Mutter kam bereits als Kind aus Chile in die Schweiz, der Vater als junger Gastarbeiter aus Spanien.

Die Geschichte ihres Aufwachsens an der Peripherie von Zürich, im Auzelg-Quartier. Und – sie erzählt ihre Erfolgsgeschichte: Roberto, der Ältere spielt im Mittelfeld des FC Zürichs eine tragende Rolle, Ricardo, der Zweitgeborene, spielt bei der AC Milan, gilt als einer der besten linken Aussenverteidiger und schoss die Schweizer Fussball-Nati 2017 an die Weltmeisterschaft. Und Francisco, der Jüngste, ist beim FC Luzern im zentralen Mittelfeld aufgestellt und dort der Mann für spezielle Momente.

Das sportliche Glück spiegelt aber nur die eine Seite der Familie. Denn immer wieder schlug das Schicksal zu: Der Vater lange arbeitslos, Roberto kam mit einem geschädigten Gehör zur Welt, und Ricardo schwebte als Kind mehrmals zwischen Leben und Tod.

Das schwerste Unglück aber traf die Familie, als Marcela 2015 ihren Kampf gegen den Krebs verlor. In Erinnerung an ihre Mutter tragen alle drei Brüder diesselbe Rückennummer – die 68, Marcelas Jahrgang. Die Rodriguez – eine Geschichte zwischen rauem Vorstadtcharme und Scheinwerferlicht. 

«Bluewin» publiziert das Kapital «Die Power der Secondos» als exklusiven Vorabdruck– plus können die Leserinnen und Leser am Ende der Geschichte das Buch «Rodriguez» zu einem vergünstigen Preis direkt beim Verlag Wörterseh bestellen und an der Buchtaufe teilnehmen:

Die Power der Secondos

Gibt es echte Freundschaften in einem Geschäft, in dem es um Millionen geht und die Teamkollegen von heute oft die Rivalen von morgen sind? Ja, das gebe es, sagt Ricardo Rodriguez und nennt das naheliegendste Beispiel: «Granit Xhaka und ich sind mehr als nur Teamkollegen. Er ist mein bester Freund in der Nationalmannschaft. Man könnte sogar von einer Seelenverwandtschaft sprechen.»

Er habe schon in der U 14 gegen ihn gespielt, sie seien miteinander U-17-Weltmeister geworden, aber so richtig eng sei die Freundschaft erst in der U 18 und der U 19 geworden: «Seither teilen wir uns bei den Zusammenzügen immer das Zimmer.» Sie hätten damals viel Blödsinn gemacht, erinnert sich Ricardo schmunzelnd, «wir sind in der Nacht manchmal rausgeschlichen, um ein bisschen Party zu machen, auch wenn wir am nächsten Tag ein Spiel hatten. Ich sagte zu Granit immer: ‹Gömmer, gömmer!› Als Captain musste er natürlich seriös bleiben. Aber er war immer dabei, wenn wir Spass haben wollten. Er ist ein super Freund von mir. Wir verstehen uns blind. Und wirklich geschadet haben uns die gelegentlichen Ausflüge nicht (lacht).»

Granit Xhaka spielt seit Sommer 2016 für den Traditionsverein Arsenal London und ist mit einem Jahressalär von neun Millionen Franken zum bestbezahlten Schweizer Fussballer aufgestiegen. Am Telefon meldet er sich nach dem fünften Klingeln: «Hallo?» – breiter Basler Dialekt statt Englisch, freudige Überraschung statt professioneller Coolness. Xhaka ist bester Laune: Persönlich gehe es ihm in London ausgezeichnet. Die Resultate und Leistungen der Mannschaft hätten aber Steigerungspotenzial: «Zu Hause spielen wir zwar stark, aber auswärts bleiben wir unserem Ruf einiges schuldig. Man könnte manchmal fast das Gefühl haben, bei uns seien zwei verschiedene Teams am Werk.»

Xhaka freut sich, über seinen Freund Auskunft geben zu können: «Ich bin Rici zum ersten Mal bei den U-14-Junioren begegnet, als er mit dem FCZ gegen uns, den FCB, spielte. Das waren immer hart umkämpfte Duelle – wie in der Super League.» Das grosse Potenzial von Rici habe er sofort erkannt: «Ich war immer ein Fan von ihm, er strahlt auf dem Platz eine unglaubliche Ruhe aus und verliert die Übersicht selbst dann nicht, wenn er von mehreren Gegnern bedrängt wird. Er findet immer eine Lösung. Das macht ihn zu einem aussergewöhnlichen Spieler.»

Gibt es echte Freundschaften in einem Geschäft, in dem es um Millionen geht und die Teamkollegen von heute oft die Rivalen von morgen sind? Ja, das gebe es, sagt Ricardo Rodriguez.
Keystone

In der Nationalmannschaft seien sie eigentlich immer zusammen, erzählt er weiter: «Beim Pingpong, beim Essen, bei der Massage – Granit ohne Rici geht nicht, und Rici ohne Granit ebenfalls nicht.» Sie hätten sich besser kennen gelernt, als das sonst unter Fussballern üblich sei: «Rici weiss viel über mich, was andere nicht wissen – und ich weiss viel über ihn. Er hat mit mir auch über den Tod seiner Mutter gesprochen. Damals hat er schwere Zeiten durchgemacht.»

Granit und Ricardo besitzen einen ähnlichen sozialen Hintergrund. Beide haben ausländische Wurzeln, beide sind in einem von Migranten geprägten Quartier ihrer Stadt aufgewachsen. Die Xhakas lebten in Basel St. Johann, dem Stadtteil mit dem grössten Ausländeranteil. Die «Basler Zeitung» analysierte einst: «Die Gefahr, überfallen zu werden, ist im St. Johann und im Kleinbasel um einiges grösser als auf dem Bruderholz, im Hirzbrunnen-Quartier oder in Riehen.» Granit kehrt wie Ricardo immer wieder gern an den Ort seiner Jugend zurück: «Wo du aufgewachsen bist, vergisst du nie», sagt Granit. Wie Ricardo hat auch er keine Berufsausbildung abgeschlossen. «Das bereue ich», sagt er, «ich fing damals eine Bürolehre an, aber irgendwann wurde es neben dem Fussball zu viel. Ich musste mich entscheiden.»

Granits Eltern kamen 1990 über Slowenien und Italien nach Basel, wo der Vater eine Stelle als Landschaftsgärtner fand. Die Mutter arbeitete in einer Tubenfabrik. Im März 1991 kam Taulant zur Welt, eineinhalb Jahre später Granit. Heute gehören die beiden zu den arriviertesten Fussballern des Landes – Taulant als unnachgiebiger Kämpfer beim FC Basel, Granit als Stratege von Arsenal London. Im Gegensatz zu Taulant blieb Granit ein schwieriger Entscheid erspart: in welcher Nationalmannschaft er spielen wollte, der schweizerischen oder der albanischen. Weil er bereits mit achtzehn für die Schweizer A-Auswahl aufgeboten wurde, erübrigte sich diese Diskussion. Trotzdem sagt er: «Ich glaube, jeder Spieler, der zwei Pässe hat, ist vor einer solchen Entscheidung hin- und hergerissen. Jeder hat in dieser Situation einen Plan A und einen Plan B.»

Taulant entschied sich für Albanien als sportliche Heimat – trotz waschechtem Basler Dialekt und obwohl er hier ausgebildet worden war und von den Förderprogrammen des Verbands profitiert hatte. Taulant habe sich in der Schweizer Nationalmannschaft geringere Chancen auf einen Durchbruch ausgerechnet, sagt Granit, und der albanische Verband habe sich früher und stärker um ihn bemüht als der schweizerische. Taulant sage jeweils: «Ich bin in der Schweiz aufgewachsen, doch ich vergesse nie, wo ich meine Wurzeln habe.»

FCZ-Präsident Ancillo Canepa weiss um die Gespaltenheit vieler Secondos, wenn es darum geht, sich für ein Land zu entscheiden. Er habe einmal mit Ivan Rakitic über dieses Thema gesprochen. Der kroatische Nationalspieler und Teamkollege von Lionel Messi beim FC Barcelona hat eine ähnliche Geschichte wie die Xhakas. Er wurde in Rheinfelden geboren, wuchs in Möhlin auf und verdankt seine fussballerische Ausbildung dem FC Basel. Trotzdem entschied er sich, nicht für die Schweiz, sondern für Kroatien anzutreten, die Heimat seiner Eltern.

«Ich fragte ihn damals, in welchem Land er seinen Lebensabend verbringen möchte», erzählt Canepa. «Er antwortete: ‹In der Schweiz.› Darauf sagte ich ihm: ‹Dann müssen Sie doch für die Schweiz spielen.› Rakitic sagte: ‹Ich verstehe, was Sie meinen. Aber Sie müssen auch wissen: Meine Eltern wollten sich vor ein paar Jahren hier einbürgern lassen – und wurden von der Gemeindeversammlung abgelehnt. Ich konnte es ihnen nicht antun, für das Land zu spielen, das ihnen den roten Pass verweigert hatte.› » Canepa hat Verständnis für Rakitic und hält fest: «In dieser Angelegenheit kann man nichts verallgemeinern. Jeder Fall ist anders, hinter jeder Geschichte steckt eine weitere.»

Die Integration der Secondos und ihr Wert für den Schweizer Fussball ist seit Jahren ein heiss diskutiertes Thema. Granit Xhaka misst dem Multikultifaktor grosse Bedeutung bei: «Früher hat die Schweiz selbst gegen sogenannt kleine Nationen immer mal wieder nicht zwingende Niederlagen eingefahren. Seit 2004 hat sie sich für sieben der acht Europa- und Weltmeisterschaften qualifiziert. Auf dem Weg zur WM in Russland haben wir neunmal gewonnen, nur eine Niederlage – gegen Europameister Portugal – kassiert und uns in der Barrage gegen Nordirland durchgesetzt. Da hat sich schon etwas verändert.»

Auch Erich Vogel, das bald achtzigjährige Urgestein der Schweizer Fussballszene, graue Eminenz beim Grasshopper Club und ewiger Strippenzieher in Transfer-, Management- und Strategiefragen, stuft den Einfluss von Spielern mit Migrationshintergrund auf die Leistungskultur des Schweizer Fussballs höher ein als alles andere: «Die Schweizer Nationalmannschaft wäre ohne Secondos international nicht konkurrenzfähig.» Er schwärmt von Granit Xhaka («an ihm gibt es kein Vorbeikommen»), Valon Behrami («er ist ein Krieger»), Ricardo Rodriguez («gehört zu den besten linken Aussenverteidigern der Welt») und Xherdan Shaqiri («hat die Kunst des Hakenschlagens auf Weltniveau kultiviert»).

Dass Künstlernaturen wie Shaqiri «Haken auf und neben dem Platz schlagen», sieht Vogel nicht als Problem, sondern als Voraussetzung für den sportlichen Erfolg: «Im Privatleben werden Eigenschaften wie Aggressivität und Unberechenbarkeit oft negativ bewertet – im Fussball zeichnen diese Eigenschaften die Besten aus.» Soziale und gesellschaftliche Randgebiete böten deshalb die perfekte Basis für grosse Fussballerkarrieren: «Wer von unten kommt, tut alles für den Erfolg. Der Fussball bietet diesen Kindern und Jugendlichen oft die einzige Möglichkeit, Prestige, Anerkennung und Akzeptanz zu gewinnen. Die Väter opfern alles für die Karriere ihrer Söhne, fahren sie pünktlich ins Training und begleiten sie zu allen Spielen. Der Eigenantrieb dieser Junioren ist viel grösser als bei den meisten Schweizern – weil oft das Wohl eines ganzen Clans vom sportlichen Erfolg des Sohnes abhängt.»

Im Buch «Rodriguez. Drei Brüder – eine Familie» von Thomas Renggli wird die bewegende Geschichte der drei Fussballer Roberto, Ricardo und Francisco erzählt.
zVg

Vogel ist überzeugt, dass internationale Einflüsse auch bei Schweizer Sportlern grundsätzlich die Chancen auf eine Weltkarriere verbessern. Das zeige sich besonders deutlich im Tennis: «Roger Federers Mutter stammt aus Südafrika, die Eltern von Martina Hingis haben ausländische Wurzeln. Stan Wawrinka, Belinda Bencic oder Timea Bacsinszky gehören ebenfalls in diese Kategorie.» Den helvetischen Wohlstand bezeichnet Vogel tendenziell als leistungshemmend. Er sei gespannt, ob die Söhne von Shaqiri, Xhaka und Rodriguez dereinst bereits «eingeschweizert» seien oder noch immer einen Erfolgshunger wie ihre Väter entwickelten.

Dölf Früh, der ehemalige Präsident des FC St. Gallen, hat eine weitere interessante Beobachtung gemacht: Er stelle fest, dass sich Fussballer mit Migrationshintergrund vielfach durch typisch schweizerische Tugenden wie Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Genauigkeit auszeichneten: «Oft sind diese Spieler besonders gute Patrioten. Denn sie wissen, was sie unserem Land zu verdanken haben.» Als Roberto von Journalisten einmal auf seine dreifache Staatsbürgerschaft angesprochen wurde, sagte er: «Ich bin Schweizer, wenn es um Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Ordentlichkeit geht, aber wenn ich wütend werde, geht das südländische Temperament mit mir durch.»

Ottmar Hitzfeld gehört als erfahrener und erfolgreicher Trainer bei diesem Thema zu den Topexperten. «Die Migration ist ein wichtiger Bestandteil der modernen Gesellschaft», konstatiert er. Die Schweiz habe auf diesem Gebiet Vorbildcharakter: «Hier leben drei Millionen Menschen mit Migrationshintergrund – die meisten sind gut integriert.» Das ergebe eine lebendige gesellschaftliche Mischung, neue Qualitäten, mehr Know-how, nicht zuletzt im Fussball. Viele Secondos verfügten seiner Meinung nach über mehr Begeisterung und Talent als Einheimische.

Probleme mit solchen Spielern habe er nie gehabt. «Meine Teamführung basiert auf dem permanenten Austausch mit den Spielern. Der Mensch steht im Vordergrund – egal, woher er kommt. Man muss ihm mit Respekt begegnen und ihn Anerkennung spüren lassen. Gleichzeitig muss man ihn fordern. Das zentrale Element ist immer der Teamgedanke. Jeder Spieler muss sich dem Kollektiv unterordnen.»

Natürlich wisse er um die «innere Zerrissenheit» von Spielern wie den Rodriguez-Brüdern, den Xhakas oder von Rakitic. Er selber sei ja auch kein Schweizer, sondern Deutscher. Trotzdem habe er sich immer zu hundert Prozent mit der Schweizer Nationalmannschaft identifiziert – «wie ich mich mit jedem Team identifiziert habe, das ich trainierte. Bei den Spielern verhält sich das genauso.»

Die Schweizer Öffentlichkeit müsse sich bewusst sein, dass sich die Nationalmannschaft ohne Spieler mit Migrationshintergrund «niemals für eine EM oder eine WM qualifizieren könnte – das wäre unmöglich, denn die Schweiz besitzt schlicht zu wenig gute einheimische Spieler». Das sei auch in andern Ländern der Fall, vielleicht nicht ganz im selben Ausmass: «Deutschland profitiert ebenso von der Migration, denken wir nur an Schlüsselspieler wie Khedira, Özil, Boateng oder Gündogan.»

Für Hitzfeld ist der Fussball als integrativer und sozialisierender Faktor gerade für Ausländer nicht hoch genug einzuschätzen: «Er bietet ihnen die Möglichkeit, Träume zu verwirklichen, die eigenen Grenzen hinter sich zu lassen. Auf dem Fussballplatz sind alle gleich. Es gibt keine sozialen Unterschiede. Es ist wohl nirgends so schnell ein sozialer Aufstieg möglich wie im Sport – und da spreche ich nicht nur für den Spieler selber. Die ganze Familie kann davon profitieren. Dies ist bei Immigranten sicher ein verstärkender Antrieb.»

Es störe ihn gewaltig, wenn gewisse Kreise vor Länderspielen von «echten» und «anderen» Schweizern sprächen und beispielsweise den «Balkangraben» wieder aufs Tapet brächten. Das stimme einfach nicht. Die Stimmung im Team sei immer gut gewesen. Die ewigen Kritiker sollten sich vergegenwärtigen, wem die Schweiz einen Grossteil ihres Erfolges zu verdanken habe, und zwar nicht nur im Fussball: «Was wäre die Schweizer Wirtschaft ohne ausländische Arbeitskräfte? Die Schweiz ist so stark, weil sie es schafft, viele Kulturen zusammenzubringen. Das Multikulturelle ist der vielleicht grösste Trumpf der Schweiz überhaupt. Und der Fussball ist dafür ein wunderbares Vorbild.»

Vladimir Petkovic stimmt seinem Vorgänger zu: «Die Auswahlmannschaften des Schweizerischen Fussballverbands sind nichts anderes als Spiegelbilder des Landes. Die Mentalität der Migranten hat die Leistungskultur verbessert. Wichtig ist aber auch die Wechselwirkung: Die Spieler profitieren von den guten Ausbildungsprogrammen des Verbands. Das ist eine schöne Konstellation, eine echte Win-win-Situation, ein gegenseitiges Geben und Nehmen.»

Als Verantwortliche des FC Zürich haben Ancillo und Heliane Canepa eine Menge Erfahrungen mit Secondos sammeln können. «Ihre Einstellung ist nicht mit jener zu vergleichen, die frühere Generationen von Schweizer Spielern oft hatten», sagt der Präsident. «Sie sind fest davon überzeugt, mindestens so gut wie der Gegner zu sein und jeden schlagen zu können. Das ist eine Mentalitätsfrage. Auf Italienisch sagt man: Diese Spieler haben ‹grinta›.»

In den düsteren 1970er- und 1980er-Jahren habe der Schweizer Nationalmannschaft diese Kaltblütigkeit gefehlt. Sie habe nicht schlecht gespielt, aber immer wieder «ehrenvoll» verloren. Erst die neue Generation – mit ausländischem Blut – habe diese Lethargie und Selbstgefälligkeit aufgebrochen: «Die Secondos lebten etwas ganz anderes vor. Und die heutige Generation mit Xhaka und Rodriguez ist nochmals einen Schritt weiter.»

Rodriguez-Brüder: Die Alles-oder-nichts-Mentalität

Bei den Rodriguez-Brüdern, die er bestens kenne, habe er die Alles-oder-nichts-Mentalität vor allem auch im Training gespürt: «Im Sommer machten sie oft Spezialtrainings – zusätzliche Einheiten im Fitnesscenter und Boxtrainings. Zudem investierte Ricardo viel in seine Physiotherapie. Er hat intensiv an sich gearbeitet.»

Heliane Canepa pflichtet ihrem Mann bei. Als ehemalige Managerin verfügt sie ebenfalls über reiche Erfahrung mit multikulturellen Teams. Sie hat ihre Karriere überwiegend im Ausland gemacht – vor allem in Schweden, einem Land mit einem ähnlichen Bevölkerungsmix wie die Schweiz. Die Herkunft ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter habe für sie nie eine Rolle gespielt: «Man trifft überall herausragende, gute, mittlere und schlechte Kräfte an. Wenn man Erfolg haben will, muss man mit den Besten arbeiten, das gilt auch im Fussball.»

Ancillo erinnert sich an seine Erlebnisse als Verbandsdelegierter bei Zusammenzügen der Nationalmannschaft: «Ich war von der Stimmung extrem positiv beeindruckt. Spieler und Trainer gingen total kollegial und respektvoll miteinander um.» Er kommt ins Philosophieren: «Wenn alle Menschen auf der Welt einmal Fussball gespielt hätten, gäbe es weniger Probleme, weniger Gewalt, weniger Kriege. Wenn Donald Trump Fussball spielen würde, sähe er die Welt vielleicht mit ganz anderen Augen – positiver.» Er stimme Sepp Blatter voll und ganz zu, dass der grösste gemeinsame Nenner auf der Welt nicht die Religion, nicht die Politik und auch nicht die Geschichte sei, sondern der Fussball. Seine Frau zieht an ihrer obligaten Zigarette und fügt trocken hinzu: «Trump hat zum Glück noch nie über Soccer getwittert. ‹America first› – man stelle sich das einmal vor!»

Die Canepas räumen aber auch ein, dass die Führung eines multikulturellen Teams besondere Anforderungen an einen Trainer stelle, der immer auch Diplomat sein müsse. Ancillo sagt dazu: «Er darf ausländischen Spielern nicht skeptisch gegenüberstehen, muss alle Sprachen gelten lassen – Deutsch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Englisch –, und er muss die verschiedenen Mentalitäten nicht nur verstehen, sondern sie auch achten.»

Zuweilen erleidet die gute Stimmung zwischen der Nationalmannschaft und dem Publikum trotz allen Erfolgen einen Dämpfer. Dabei geht es oft um die Frage, warum einige Spieler bei der Nationalhymne nicht einmal die Lippen bewegen – insbesondere jene mit ausländischen Wurzeln. Ricardo findet das nicht besonders wichtig: «Früher, als die Spieler noch ausschliesslich Namen hatten wie Bregy, Egli, Geiger oder Sulser, haben ja auch nicht alle mitgesungen.»

Granit Xhaka ist derselben Meinung: «Wir könnten den Text an einem einzigen Abend lernen und mitsingen, wenn wir wollten. Aber wären wir deshalb die besseren Nationalspieler?» Ihm sei anderes wichtig: «Dass meine Eltern in die Schweiz gezogen sind, dass ich hier aufgewachsen und zur Schule gegangen bin, dass ich die Mentalität und die Sprache von hier angenommen habe – und dass ich mit meinen Kollegen in der Nationalmannschaft Fussball spielen kann. Ich zeige meine Identifikation mit der Schweiz mit meinem Einsatz und Siegeswillen im Spiel. Das kann ich besser als singen, viel besser …»

Sind engagierter Gesang und Textsicherheit beim Schweizer Psalm wirklich patriotische Pflicht? Heliane Canepa hat dazu eine dezidierte Meinung: «Ja, ich finde, wenn man für die Schweiz spielt, sollte man die Hymne singen, die Spieler repräsentieren immerhin ihr Land. Mir gefallen Mannschaften, bei denen alle aus voller Kehle mitsingen – viele zwar falsch, aber egal. Sie spielen für ihr Land, also singen sie auch voller Stolz die Nationalhymne.»

Ancillo hält für einmal dagegen und erklärt die «Gesangsverweigerung» mit tiefergehenden Gefühlen: «Die Spieler möchten den Moment geniessen, die Atmosphäre im Stadion einatmen und die Hymne hören. Es ist nämlich eine sehr schöne Hymne.» Das habe nichts damit zu tun, ob jemand stolz darauf sei, für die Schweiz zu spielen oder nicht. «Ich würde auch nicht singen, sondern die Melodie auf mich einwirken lassen, zuhören, einatmen, geniessen.»

Captain Stephan Lichtsteiner räumt ein, dass es Lücken im Schweizer Nationalmannschaftschor gebe, doch das sei kein grundsätzliches Problem: «Ich habe die Hymne auch lange nicht gesungen. Bei mir ging es nie um die Frage, ob ich stolz sei auf mein Land oder nicht, ich wollte mich einfach auf das Spiel konzentrieren.» Mit dem Zusammenhalt im Team habe dieses Thema rein gar nichts zu tun: «Wer uns spielen sieht, merkt doch haargenau, wie sehr sich alle mit dem Land identifizieren.»

Nachfolgend ein kleiner Service für alle, die vor den WM-Spielen der Schweiz in Russland alle vier Strophen der Nationalhymne mitsingen möchten:

Erste Strophe

Trittst im Morgenrot daher,
Seh ich dich im Strahlenmeer,
Dich, du Hocherhabener, Herrlicher!
Wenn der Alpenfirn sich rötet,
Betet, freie Schweizer, betet!
Eure fromme Seele ahnt,
Eure fromme Seele ahnt
Gott im hehren Vaterland,
Gott, den Herrn, im hehren Vaterland.

Zweite Strophe

Kommst im Abendglühn daher,
Find ich dich im Sternenheer,
Dich, du Menschenfreundlicher, Liebender!
In des Himmels lichten Räumen
Kann ich froh und selig träumen!
Und die fromme Seele ahnt, und d
ie fromme Seele ahnt
Gott im hehren Vaterland,
Gott, den Herrn, im hehren Vaterland.

Dritte Strophe

Ziehst im Nebelflor daher,
Such ich dich im Wolkenmeer,
Dich, du Unergründlicher, Ewiger!
Aus dem grauen Luftgebilde
Tritt die Sonne klar und milde,
Und die fromme Seele ahnt,
Und die fromme Seele ahnt
Gott im hehren Vaterland,
Gott, den Herrn, im hehren Vaterland.

Vierte Strophe

Fährst im wilden Sturm daher,
Bist du selbst uns Hort und Wehr,
Du, allmächtig Waltender, Rettender!
In Gewitternacht und Grauen
Lasst uns kindlich ihm vertrauen!
Ja, die fromme Seele ahnt,
Ja, die fromme Seele ahnt
Gott im hehren Vaterland,
Gott, den Herrn, im hehren Vaterland.

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