Virologe Drosten warnt: «Im Herbst wird es kritisch, das ist klar»

phi

9.3.2020 - 17:56

Offenbar verbreitet sich Covid-19 besonders bei etwa neun Grad. Doch selbst wenn die Zahl der Infektionen im Sommer zurückginge, stehe Europa wohl ein düsterer Herbst bevor, sagt der Virologe der Berliner Charité, Christian Drosten.

Forscher der Sun-Yat-sen-Universität in Guangdong wollen nun herausgefunden haben, wann sich das Coronavirus am stärksten verbreitet: bei 8,72 Grad nämlich, wie die Hongkonger «South China Morning Post» berichtet. Sie zitiert aus dem Papier: «Die Temperaturen können die Covid-19-Übertragung erheblich beeinflussen: Das Virus reagiert höchst sensibel auf Wärme.»

Die Schlussfolgerung lautet: «Länder und Regionen mit niedrigen Temperaturen sollten die strengsten Kontrollmassnahmen anwenden.»

Kritiker halten dem jedoch entgegen, dass sich das neue Coronavirus trotz der dortigen Wetterbedingungen auch in den Südprovinzen Chinas und in Singapur habe ausbreiten können.

Influenza-Pandemie «Spanische Grippe»: Behelfslazarett im Fort Riley in Kansas 1918.
Bild: Gemeinfrei

«Wir müssen davon ausgehen, dass sich das Virus weiterhin verbreiten kann», sagt Mike Ryan, der Chef des WHO-Notfallprogramms. «Es würde falsche Hoffnung machen, zu sagen: ‹Ja, jetzt verschwindet es wie eine Grippe …› Wir können das nicht annehmen. Es gibt dafür keinen Beweis.»

Gefahr durch die «Herbstwelle»

Selbst wenn es im Sommer zu weniger Neuerkrankungen kommen würde, erinnert der Blick in die Geschichtsbücher an dieses und jenes Szenario – sprich: Es könnte ein düsterer Herbst ins Haus stehen.

Eine Pandemie wie die «Spanische Grippe» ist 1918 ebenfalls im Frühjahr ausgebrochen und hat sich dann über die warmen Monate gelegt – nur um dann ab Oktober 1918 in der «Herbstwelle» nach mehreren Mutationen noch tödlicher auszufallen.

Exponat aus dem Washingtoner National Museum of Health and Medicine: die «Herbstwelle» der «Spanischen Grippe» Ende 1918 in New York, London, Paris und Berlin.
Bild: Gemeinfrei

Vor diesem Hintergrund hat nun auch der Virologe der Berliner Charité, Christian Drosten, zu ungewöhnlich deutlichen Worten gegriffen. «Wir stehen erst am Anfang», warnt Drosten in der «Neuen Osnabrücker Zeitung». Im Sommer würde sich der öffentliche Fokus von der Gefahr wegbewegen, doch viele würde sich neu infizieren, so Drosten.

«Mit schlimmen Folgen und vielen Toten»

Und weiter: «Im Herbst wird es kritisch, das ist klar. Ich erwarte dann eine schlagartige Zunahme der Corona-Fälle mit schlimmen Folgen und vielen Toten.»

Den Vorwurf der Panikmache kontert der Arzt umgehend: «Das ist kein Alarmismus. Es ist nicht mehr angebracht, die Lage zu verharmlosen. Wir stehen vor einer bislang nicht gekannten Bedrohungslage. Wir müssen verdammt aufpassen.»

Drosten verweist etwa auf den Mangel an Plätzen in der Intensivmedizin mit entsprechenden Beatmungsgeräten in Deutschland.

«Wen wollen wir dann retten, einen schwer kranken 80-Jährigen oder einen 35-Jährigen mit einer rasenden Viruspneumonie, der binnen Stunden sterben würde und bei künstlicher Beatmung binnen vier Tagen über den Berg wäre?»

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