Angelina Jolie macht's vor Inwiefern Gesundheit mit Luxus zu tun hat

Kerstin Degen

28.11.2018

Die Grenzen zwischen Gesundheit und Selbstoptimierung verschwimmen zusehends. Immer mehr Wellness-Hotels bieten heute auch medizinische Massnahmen an für eine Rundum-Erneuerung in den Ferien.
Die Grenzen zwischen Gesundheit und Selbstoptimierung verschwimmen zusehends. Immer mehr Wellness-Hotels bieten heute auch medizinische Massnahmen an für eine Rundum-Erneuerung in den Ferien.
Bild: iStock

Für einmal wollen wir nicht über steigende Krankenkassenprämien jammern oder das nationale Gesundheitssystem anzweifeln – vielmehr hinterfragen wir die Erschwinglichkeit eines «gesunden» Lebensstils. Können jene am Rande des Existenzminimums gleich «gesund» sein wie berufliche Überflieger?

Dass die Bevölkerung immer älter wird, die Ansprüche an Gesundheit und Pflege steigen und der Einsatz fortschrittlicher Technologien nicht mehr wegzudenken ist – diese drei Faktoren, die die Gesundheitskosten ansteigen lassen, haben wir akzeptiert.

Und wir Schweizerinnen und Schweizer stehen ja auch gar nicht so schlecht da. Zu Recht, sagen die meisten, denn irgendwie glauben wir, ein Recht auf Gesundheit, deren Erhaltung oder Wiederherstellung zu haben.

Schon in der Maslowschen Pyramide folgt die Gesundheit gleich auf die absoluten Existenzbedürfnisse, wie die Luft zum Atmen, die Nahrung, Wasser zum Trinken oder Schlaf.

Sie steht auf der Stufe der Sicherheitsbedürfnisse und gehört, zusammen mit den eben genannten physiologischen Ansprüchen, zu den sogenannten Defizitbedürfnissen. Also jenen, die – werden sie nicht befriedigt – dazu führen, dass es uns schlecht geht.

Doch obwohl wir alle einen Anspruch auf Gesundheit zu haben glauben, spaltet uns das Thema immer mehr in eine Zwei-Klassen-Gesellschaft. Denn meist sind nur privilegierte Menschen überhaupt in der Lage, sich präventiv um ihre Gesundheit zu sorgen.

Bio-Gemüse gegen Krebs

Eine kürzlich in Frankreich veröffentlichte Studie kam zur Erkenntnis: Wer sich mehrheitlich von Lebensmitteln in Bio-Qualität ernähre, weise ein deutlich niedrigeres Krebsrisiko auf als jene, die es nicht tun.

Man schreibt dies einerseits einer geringeren Schadstoff-Belastung dieser Lebensmittel zu, andererseits der Tatsache, dass Menschen, die Bio-Gemüse einkaufen, generell über einen gesünderen Lebensstil verfügen.

Zweifelsfrei bestätigen lässt sich das Studienergebnis jedoch noch nicht.

Und wenn doch, dann wirft das gleich die nächsten Fragen auf. Denn Bio-Gemüse strapaziert das Haushaltskonto. Selbst wenn man nicht von Geldnot geplagt ist, und bei seinem Einkauf ausschliesslich zu Bio-Qualität greift, verfällt man beim Anblick auf den Kassenzettel mitunter in Schockstarre.

Ein Luxus – wer sich für Bio-Preise entscheiden kann

Mit 50 Prozent Mehrkosten gegenüber konventionellen Produkten, schlägt dieser Warenkorb mit 25 Bio-Lebensmitteln zu Buche. Das hat das Bundesamt für Landwirtschaft für eine «Kassensturz»-Spezialsendung auf der Grundlage der Konsumentenpreise vom August 2015 ermittelt.

Einige Produkte stechen besonders heraus: Ein Liter Vollrahm konventionell beispielsweise kostete damals 6.27 Franken, sein Pendant in Bio-Qualität 13.14 Franken. Auch wer Bio-Salatgurken kauft, muss tief in die Tasche greifen. Drei Salatgurken konventionell gab es 2015 für 3.98 Franken, für drei Bio-Gurken musste man stolze 8.37 Franken berappen.

«Bio-Produkte sind jeden Franken wert.» sagte Bio-Suisse-Präsident Urs Brändli damals im Interview mit «Kassensturz» und begründete: «Das sind qualitativ hochwertige Lebensmittel, deren Herstellung die Umwelt nicht verschmutzt und ein hohes Tierwohl garantiert.»

Natürlich – nur ist es so: Wer, wie beispielsweise Angestellte im Detailhandel, rund 4000 Franken Monatseinkommen zur Verfügung hat, kann sich den Luxus, ausschliesslich Bio-Produkte zu kaufen, schlicht nicht leisten.

Und es kommt noch besser

Das Bedürfnis nach Gesundheit grenzt ja zuweilen an Selbstoptimierungswahn. Das hat auch die Hotellerie erkannt. Neben den bereits etablierten Wellness-, Yoga- oder Wander-Wochenenden finden sich, gerade in der Fünf-Stern-Hotellerie, immer öfter Angebote der Kategorie Medical SPA. Ein ganzes Arsenal an Ärzten steht dann bereit, um die zahlungskräftige Kundschaft nach Ankunft erstmal gründlich durchzuchecken.

Schlafdiagnostik, Energiemedizin, Burnout-Prävention, Detox oder eine umfassende Magen-Darm-Kur, alles ist möglich. Und getreu dem Motto lassen sich dann die oberen Zehntausend von Kopf bis Fuss durchkneten, massieren – optimieren was das Zeug hält – und geben dafür nicht selten mehrere Tausend Franken in einer Woche aus. Gesundheitsprävention für Grossverdiener – eine Utopie für Durchschnittseinkommen.

Massgeschneiderte Vorsorge

Die «Personalisierte Gesundheit» boomt. Sie verspricht eine optimale medizinische Versorgung aufgrund personenspezifischer Daten. Es wird also anhand unserer Gene und Prädisposition ermittelt, welche möglichen Erkrankungen oder Mutationen wir in uns tragen. Ein Thema, bei dem vielen erst einmal die Begriffe Ethik und Datenschutz im Kopf herumschwirren. Zu Recht, und diese Fragen sind noch lange nicht reguliert.

Das blühende Leben – trotz schlechter Prognose: nach dem Krebstod ihrer Mutter unterzog sich Angelina Jolie einer Genom-Analyse und liess sich in der Folge Eierstöcke und Brüste in einer schweren OP entfernen.
Das blühende Leben – trotz schlechter Prognose: nach dem Krebstod ihrer Mutter unterzog sich Angelina Jolie einer Genom-Analyse und liess sich in der Folge Eierstöcke und Brüste in einer schweren OP entfernen.
Bild: Getty Images

Doch die personalisierte Gesundheit kann viel Gutes bewirken. Angelina Jolie zum Beispiel: Die zierliche Schauspielerin unterzog sich nach dem Krebstod ihrer Mutter einer Genom-Analyse, bei der tatsächlich eine für Eierstock- und Brustkrebs verantwortliche BRCA-Mutation festgestellt wurde. Das Resultat: Jolie legte sich unters Messer, liess sich Eierstöcke und Brüste entfernen, und da es ihr an Finanzkraft nicht mangelt, letztere auch gleich wiederherstellen.

Die Genom-Analyse gibt aber nicht nur Aufschluss darüber, ob wir allfällige Krankheiten in uns tragen. Sondern sie kann auch aufzeigen, auf welche Therapieformen – zum Beispiel auf welchen Wirkstoff eines Medikamentes – unser Körper positiv anspricht.

Dauerte die erste Genom-Analyse noch über sieben Jahre, sind solche Tests heute bei privaten Anbietern in wenigen Tagen und zu vertretbaren Preisen möglich. In der Schweiz sind solche Gen-Tests jedoch nur unter ärztlicher Aufsicht erlaubt. Was viele Europäer dazu bringt, sich für wenig Geld sogenannte Gentestkits per Mausklick aus den USA zu bestellen.

Zwar sind die Methoden zur Genom-Analyse langsam erschwinglich, doch die Kosten für die darauffolgenden Therapien und Massnahmen kann sich noch lange nicht jeder leisten.

Insgesamt ist es ein Forschungsgebiet, auf dem viel Hoffnung gründet. Vielleicht ist es am Ende tatsächlich so, dass unser Gesundheitssystem  revolutioniert und für die breite Masse bezahlbar wird.

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