Interview

Freitodbegleiter: «Am Schluss legen die meisten Menschen ihre Maske ab»

Von Jürg Wiler

9.11.2020

Freitodbegleiter Rolf Kaufmann: «Unsere Gesellschaft sollte den Tod besser ins Leben integrieren.»
Bild: Keystone

Psychoanalytiker Rolf Kaufmann, 80, blickt im Gespräch zurück auf sein 20-jähriges Wirken als Freitodbegleiter, das ihn auch persönlich weitergebracht hat.

Herr Kaufmann, was hat Sie im Jahr 2000 bewogen, die anspruchsvolle Tätigkeit eines Freitodbegleiters bei der Sterbehilfeorganisation Exit anzunehmen?

Was für eine Frage an einen Psychoanalytiker; ich bin versucht, in die Gründe und Abgründe meiner Psyche hinabzutauchen! Nein, Spass beiseite. Mein Schritt war nichts Aussergewöhnliches. Ich war bereits mit Dreissig Spitalseelsorger und hatte viele schwer kranke und sterbende Menschen begleitet. Der Tod war mir schon als Kind vertraut; meine Grossmutter lebte bei uns, und ich sprach oft mit ihr übers Sterben. Für sie als Bäuerin war er etwas Natürliches. Später, im Philosophiestudium, lernte ich von Martin Heidegger (1889 bis 1976), das Leben sei ein Vorlaufen zum Tode. Dasselbe sagt Psalm 90: ‹Bedenke, dass du sterben musst, damit du klug wirst!› Ich nahm mir vor, so zu leben, wie wenn jeder Tag der letzte wäre. Diese Einstellung bewährte sich. Heute ist mein Leben rund; der Kreis schliesst sich ganz natürlich.

Gab es noch andere Gründe für diese Entscheidung?

Ja, die Sterbehilfeorganisation Exit war für mich eine wertvolle Sache, die ich unterstützen wollte. Daneben war Pfarrer Kriesi, der damalige Leiter der Freitodbegleitung, ein alter Freund von mir. Ich kannte auch Pfarrer Sigg, der Exit bekannt gemacht hatte; er hatte in Uster im selben Pfarrhaus gewirkt wie ich. Zudem hatte ich kurz zuvor den Kirchenaustritt gegeben. Eine Tätigkeit als Freitodbegleiter erschien mir neben meinem Beruf als Meditationslehrer und Psychotherapeut als willkommene Abwechslung.

Wie haben Sie Ihren Einstieg als Freitodbegleiter erlebt?

Exit war damals noch in der Pionierphase, die heute von einer Phase der Professionalisierung abgelöst wird. Für eine bald 40-jährige Institution ist dieser Schritt normal. Ich wurde ganz unbürokratisch in mein Amt eingeführt: Pfarrer Kriesi nahm mich zu zwei Begleitungen mit – und nach einem Gespräch mit ihm war ich Freitodbegleiter. So einfach geht es heute nicht mehr. Exit hat nun über zehnmal mehr Freitodbegleitpersonen; da braucht es mehr bürokratische Ordnung. Aber ich war ja durch meinen Beruf gut gerüstet für dieses Amt.

«Der Tod war mir schon als Kind vertraut; meine Grossmutter lebte bei uns, und ich sprach oft mit ihr übers Sterben.»

Wie denken Sie als ehemaliger Spitalseelsorger heute über Sterben und Tod?

Unsere Gesellschaft sollte den Tod besser ins Leben integrieren. Das sagt auch ein Traum, den meine Frau einst hatte: Sie träumte, sie begegne dem Tod, und er habe sie gebeten, ihn zu umarmen: ‹Alle verstossen mich!› Da umarmte sie ihn herzlich. Dann fragte sie ihn, ob er gekommen sei, sie zu holen. Er antwortete: ‹Nein, deine Stunde ist noch nicht gekommen, und wenn sie einmal kommt, wirst du etwas Wunderbares erfahren.›

Den Tod zu bejahen, ist für mich von zentraler Bedeutung. Geld, Ansehen und sozialer Status sind zwar auch etwas, aber noch nicht die Hauptsache. Wichtiger als der äussere Schein ist das innere Sein. Wahrhaftig zu werden, ist das Ziel eines spirituellen Lebens.

Hat Sie die Arbeit als Begleiter verändert?

Das Wort ‹verändert› ist mir etwas zu stark; aber es geht in diese Richtung. Ich würde sagen, die Arbeit als Freitodbegleiter hat mich innerlich gefördert. Ich lernte viel von den Menschen, die ich in den Freitod begleitete. Sie hatten ihr Leben selbstbestimmt gelebt; so war es nur natürlich, dass sie auch am Lebensende eigenständig bleiben wollten. Selbstbestimmung war ein Teil ihrer Persönlichkeit. Ihnen am Schluss des Lebens zu befehlen, das Heft aus der Hand zu geben, wäre unmenschlich gewesen. Sie hatten sich stets dafür entschieden, was ihnen eingeleuchtet hatte und wollten nicht plötzlich anders leben. Da ich aus demselben Holz geschnitzt war, verstand ich mich bestens mit ihnen.

Wenn ich jeweils beim letzten Besuch zu ihrer Türe hereinkam, leuchteten ihre Augen: ‹Jetzt kommt der, der mich von meinem Leiden erlöst!› Oft machten sie noch Spässe.

Diese Haltung ist ja auch durch gesellschaftliche Veränderungen bedingt.

Zusammen mit der Selbstbestimmung entwickelte sich in der Neuzeit auch unsere Wissenschaft. Damit hat der Mensch die Welt in wenigen Jahrhunderten nachhaltiger verändert als in unzähligen Jahrtausenden zuvor. Doch nicht nur die äussere Welt ist anders geworden, sondern auch die innere, unser Weltbild: Das Bild, das wir uns von Gott und der Welt machen. Vor der Neuzeit glaubte der Mensch, es gebe zwei Welten: das Diesseits und das Jenseits.



Wie kam es Ihrer Meinung nach dazu?

Der Mensch hielt seine unbewussten seelischen Kräfte als von aussen auf ihn einwirkende Mächte. Modern gesagt: Er projizierte seine Psyche ins Weltall. Er hielt innere Bilder und Symbole – also Träume, Visionen und Fantasien – für Abbilder von Mächten ausserhalb seiner selbst. Doch in Wirklichkeit existierten diese Kräfte nur ausserhalb seines Bewusstseins, als autonome Mächte seiner unbewussten Psyche, denen kaum beizukommen war. Innere Bilder fasste man früher nicht symbolisch, sondern konkretistisch auf, als metaphysische, nicht als innere Realitäten. Solches lernte ich in meiner Ausbildung am C. G.-Jung-Institut Zürich. Seither gibt es für mich nur noch eine einzige Welt: das sich immerfort weiter entwickelnde Universum, die Evolution, und zwar die biologische wie die kulturelle. Auch die Geistesgeschichte gehört zur Evolution ...

... am Schluss des Lebens tauchen häufig auch weltanschauliche Fragen auf.

Ja. Ich wurde oft gefragt: ‹Glauben Sie an ein Weiterleben nach dem Tod?› Die meisten, die mit Exit starben, waren von der Aufklärung geprägt; sie dachten säkular. Dass Rolf Sigg von frommen Fanatikern mit dem Tod bedroht wurde, war für sie unverständlich. Sie verstanden auch jenen Bischof nicht, der nach der Zürcher Abstimmung über die Selbstbestimmung am Lebensende – sie wurde von über 80 Prozent der Stimmberechtigten gutgeheissen – voller Entrüstung ausrief: ‹Nun ist auch die Schweiz vom Bazillus der Selbstbestimmung angesteckt!›

Daneben waren die Begleitungen von viel Leid überschattet.

Ja, diese Menschen mussten mit einem schweren Schicksal fertig werden. Doch ihre härteste Zeit war die Zeit vor der Entscheidung zum Freitod. Wenn der Mensch gesund und urteilsfähig ist, hängt er zäh am Leben, und es dauert stets längere Zeit, bis er sich entscheidet, so nicht weiterleben zu wollen. Erst dann nimmt er mit Exit Kontakt auf. Später durchlaufen die Angehörigen diesen Prozess nochmals: Zuerst wollen viele den zum Freitod Entschlossenen von seinem Vorhaben abbringen. Aber je öfter sie ihn besuchen, mit ihm reden und seine aussichtslose Lage hautnah erleben, desto verständiger werden sie in der Regel und können seinen Schritt schliesslich von innen her bejahen.

«So leben, wie wenn jeder Tag der letzte wäre.»

Worauf haben Sie bei der Begleitung von sterbewilligen Menschen Wert gelegt?

Wichtig war mir, ihren Entschluss zum Freitod sorgfältig zu prüfen, dann aber vorbehaltlos zu unterstützen. Das fiel mir leicht. Dabei lernte ich mehr von ihnen als sie von mir. Besonders eindrücklich war für mich ihre klare Entschlossenheit. Nach einer Freitodbegleitung war ich nicht erschöpft, sondern zufrieden, vom Gedanken erfüllt, mich für etwas Sinnvolles engagiert zu haben. Andererseits brauchten die intensiven Gespräche mit den Angehörigen – besonders beim oft stundenlangen Warten auf die Behörden – meine volle Aufmerksamkeit.

Welches Fazit ziehen Sie heute?

Rückblickend auf meine Jahre als Freitodbegleiter war es eine Zeit, die ich nicht missen möchte. Ich bin echt dankbar für viele wertvolle Begegnungen. Angesichts des Todes legen die meisten ihre Maske ab und werden wahrhaftig. Das war es letztlich, was mich weiterbrachte.

Eine letzte Frage: Hegen Sie Zukunftspläne?

Ja, auch mit 80 ... Mit der Umsetzung habe ich bereits begonnen: Ich regte die Gründung der ‹Österreichischen Gesellschaft für ein humanes Lebensende› (ÖGHL) an. Die Zeit war günstig, und die Sache lief gut an. Aber ich wirke jetzt nicht mehr an der Front; denn mein Herz schlägt noch für ein anderes Projekt, das von einem Institut in Wien unterstützt wird: Ich möchte vermehrt auf die Tatsache hinweisen können, dass sich unsere Welt in einem geistigen Umbruch befindet. Es ereignet sich zurzeit ein fundamentaler Mentalitätswandel. Nicht nur die äussere, sondern auch die innere Welt mutiert: Der einst kollektiv verbindliche Jenseitsglaube wird transformiert in eine dem Diesseits verbundene, individuelle, selbstbestimmte Spiritualität. Der Prozess ist irreversibel.

Das Interview mit Sterbebegleiter Rolf Kaufmann erschien zuerst im Magazin der Sterbehilfeorganisation? Exit.

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