Kokain soll grüner werden

11.1.2019 - 11:41, Philipp Dahm

In Birmingham verkaufen Dealer ihr Koks angeblich «in wiederverwendbarer Verpackung». Riecht nach dem ersten Schritt auf einem schneidigen Weg, an dessen Ziellinie Bio-Koks steht.

Jede Nation hat ihre Kokain-Hochburg. In Spanien heisst sie Barcelona, in der Schweiz hat Zürich die Nase vorn. Die Spitzenreiter werden Jahr für Jahr von der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht gekürt: 60 Städte schicken der EU-Agentur Abwasserproben, jene untersucht sie anschliessend auf Abbauprodukte des Kokains und schätzt die Menge des Konsums. Den Highscore, also die Top Ten, hier als Bildergalerie: Das Abschneiden der Schweiz ist einfach berauschend.

Plastik geht Öko-Dealer aufs Säckli

Grossbritanniens Schnee-Paradies liegt im Südwesten der Insel: Bristol hat es folgerichtig auch in obige Top Ten geschafft. Birmingham sucht man dagegen vergeblich im Rausch-Ranking, obwohl die Stadt auf dem Papier das Aufputsch-Zeug zum Überflieger hat: Sie ist die zweitgrösste Stadt des Landes mit 1,1 Millionen Bewohnern – 30 Prozent gehören ethnischen Minderheiten an. Und Birmingham ist britisches Mekka der Metallindustrie, und diese wird von der Globalisierung gerade gründlich aufgemischt.

Kokain-Konsum im Film «Snow White»: Die Moral muss mitziehen.
Bild: keystone

Dieser vielzitierte Strukturwandel war (und ist) den Menschen eine Lehre: Wer sich nicht auf neue Kunden wie Märkte einstellt und seine Arbeit flexibel verrichtet, verliert. Verwundern kann es also nicht, dass uns ausgerechnet aus Birmingham die Nachricht erreicht, dass Kokain grüner werden soll: «Umweltbewusste Drogendealer verkaufen jetzt in wiederverwendbarer Verpackung», titelt das britische Revolverblatt «Metro»: Das Mehrwegsystem hält Einzug ins Drogenbusiness. Endlich.

Bio-Koks – wenn auch die Moral mitzieht

«Ich dachte erst, er macht einen Witz», sagt dazu der anonyme Schnüffler, der «Metro» die Story gesteckt hat. «Ich sagte [dem Dealer], dass mir die Umwelt egal ist, aber er meinte, er hätte einen Haufen Hipster-Kunden – und die lieben es.» Die Logik dieser Logistik-Strategie ist elektrisierend: Der moderne Drögeler ist voll auf Linie mit dem Zeitgeist, und gleichzeitig zieht auch noch das gute Gewissen mit. Wenn wirklich ein Klimawandel im Kopf der Koka-Konsumenten stattfindet, ist es nicht mehr weit bis zum Bio-Koks.

Hipsters Choice: VW T1 inklusive beschlagnahmten Kokains in Hamburg.

Nach Birminghams Vorlage mit der Mehrweg-Verpackung muss nun zuerst das Naheliegende erledigt werden. Man muss niemanden mit der Nase drauf stossen, dass sich keiner gern Pestizide oder auch nur deren Rückstände in den Kopf jagt. Es wäre dann auch folgerichtig, auf ökologisch abbaubare  Chemikalien zu setzen, die den Stoff aus der Pflanze herauslösen. Apropos Pflanze: Jene dürfte für das Bio-Siegel nicht mehr wie bisher abgeholztem Regenwald entstammen. Und wenn man es mit den Richtlinien genau nimmt, müssen Drogenkartelle auch beim Liquidieren umdenken.

Patronen mit schädlichen Nebenwirkungen

Die oft mit Schwermetallen belasteten Patronen beispielsweise haben auch nach Verrichtung ihres eigentlichen Ziels noch eine gesundheitsbelastende Wirkung auf ihre Umgebung inne – und dass Rohstoffe auch im Drogenmilieu mit der Zeit nicht mehr werden, das versteht sich von selbst.

Mitglied der peruanischen Anti-Drogen-Einheit: Kokain soll grüner werden.
Bild: keystone

Dass es auch anders geht, haben unlängst ja saudische Vorreiter in Istanbul unter Beweis gestellt: Eine Mord-Meute erledigt die Arbeit sehr solide – mit Sägen – Aufsehen und Aufschrei gleichermassen erregend.

Beschlagnahmte Schmuggel-U-Boote der Drogenkartelle in Kolumbien.
Bild:  keystone

Fazit: Auch wenn noch viel Streckmittel den Rachenraum runterfliessen wird, ist der Siegeszug des Bio-Koks nicht aufzuhalten. Man muss nur den richtigen Riecher haben – und das Ziel vor Auge haben. Ein lohnendes Geschäft vor allem für leichtgläubige HNO-Investoren mit labilem Öko-Gewissen. 

Kokain-Lieferant Kolumbien:

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