Ali, 15: «Man muss lernen, wie man sich selber helfen kann»

#Von Bernhard Brack

20.3.2021

«Vor jenen Menschen, denen du vertraust, musst du am meisten Angst haben»: Ali über seine Flucht aus Afghanistan.
Bild: Ahmad Motalaei

Ali flüchtete aus Afghanistan. Auf der Flucht wurde der 15-Jährige von seiner Familie getrennt. Er musste allein weiterreisen. Ein Buch erzählt die Geschichten von elf unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden in der Schweiz.

#Von Bernhard Brack

20.3.2021

Sie werden UMA genannt – unbegleitete minderjährige Asylsuchende –, Kinder und Jugendliche, die ohne ihre Familie in der Schweiz Asyl beantragen. Im Buch «Mutter, mach dir keine Sorgen, das ist eine ganz andere Welt» , das dieser Tage erschienen ist, geben elf Jugendliche den drei Buchstaben ein Gesicht.

Die Jugendlichen erzählen von Fluchtgründen und ihren prägenden Erfahrungen, von der Ankunft in der Schweiz, wo sie nach ihrer grossen Willensleistung auf der Flucht auf einmal warten müssen und nichts tun können. Ihre Erzählungen werfen zudem ein hilfreiches Licht auf die Bemühungen der Schweiz um ihre Integration.

«Blue News» publiziert exklusiv das Porträt über Ali sowie ein längeres Interview mit ihm. Der Teenager lebt als ­vorläufig aufge­nom­­mener Flüchtling im Kanton St. Gallen. Es handelt sich hier um einen originalen Textauszug. Deshalb erfolgten keine Anpassungen gemäss «blue News»-Regeln.


«Vor jenen Menschen, denen du vertraust, musst du am meisten Angst haben», sagt Ali. Wo er das gelernt habe –, auf der Flucht, in der Schweiz oder in Afghanistan, frage ich ihn. «Überall», sagt er.

In Afghanistan zum Beispiel seien zwei Polizisten in Zivil in eine andere Stadt gefahren, hätten ihr Auto parkiert und seien auf den Markt gegangen. Dann sei ihr Auto zerstört worden. Wie haben die Taliban das gewusst? «Es wird von Nachbar zu Nachbar geflüstert», meint er.

Wir gehen in Au einen Kanal entlang. Es ist ein föhniger Tag, zum Teil dunkle Wolken am Himmel, aber das Licht drängt durch die Lücken und glänzt auf dem Kanal. Ali winkt jemandem am Ende der Strasse. «Ein Mitarbeiter in unserer Firma», sagt er. Als wir kurze Zeit später an der Person, die sich mit anderen Menschen auf dem Trottoir unterhält, vorbeigehen, kein Zeichen mehr.

Ich frage Ali, was ihm für die Integration in die Schweiz am meisten helfen würde. «Eine Familie», antwortet er. Natürlich, fährt er fort, niemand könne ihm seine Eltern oder seine Geschwister ersetzen. Aber nach der Arbeit nach Hause zu kommen und mit jemandem zu sprechen, das wäre schön. Und die Kultur in der Schweiz kennenzulernen. «Du musst die Regeln kennen, sonst kannst du plötzlich etwas verlieren», sagt Ali.

Dann stehen wir vor dem Haus seines Boxclubs. Im Parterre befindet sich eine Beauty- und Wellnessoase, im Keller wird trainiert. Die Türe ist geschlossen, weil sein Trainer mit seinen Teamkollegen nach Portugal gereist ist, wo ein Wettkampf stattfindet. Ali aber, Schweizer Meister in seiner Kategorie, darf mit seiner F-Bewilligung die Schweiz nicht verlassen.

«Du musst die Regeln kennen, sonst kannst du plötzlich etwas verlieren»: Ali über die Kultur in der Schweiz.
Bild: Ahmad Motalaei

Über vom Föhn zusammengewehte, brüchig-bunte Laubhaufen ge­hen wir zu Alis Wohnung. «Ich möchte immer etwas Neues hinzulernen, heute nicht dort sein, wo ich gestern schon gewesen bin», sagt er. Ali wohnt mit zwei an­deren Afghanen zusammen, die im selben Alter sind wie er.

«Sprecht ihr manchmal darüber, was ihr auf der Flucht erlebt habt?», frage ich ihn. «Nein, nie. Ich müsste dann über meine Schwächen reden. Das mache ich vielleicht einmal, wenn ich erfolgreich gewesen bin.»

Ali zeigt mir sein Zimmer. Als Erstes fällt ein Poster auf, das mitten an der Wand hängt. «Every day is Monday» steht da in grosser Kunstschrift, darunter Zeilen bis zwanzig nummeriert, vier davon sind ausgefüllt:

Live for yourself

Time is gold

Don’t miss this opportunity

Life doesn’t get easier, you just get stronger.

«Wenn ich einen Satz finde, der mich motiviert, schreibe ich ihn dorthin», erklärt er.

Am Kopfende seines Bettes hängen fünf Fotos kreuzförmig angeordnet: In der Mitte der Vater, links die Mutter mit dem kleinsten Geschwister und einer Tante, oben und rechts die älteren Geschwis­ter. Unten eine Fotomontage: Ali sitzt mitten in einer spriessenden Wiese, umgeben von Vater und Mutter, dahinter ein blühender Ap­felbaum und Tannenwald.

Neben dem Fenster hängt ein grosses Bild von Abdul Ali Mazari, einem Mann, der sich gegen die russische Besetzung gewehrt und die Meinung vertreten hat, dass Afghanistan einen eigenen Staat bilden soll, in dem alle Ethnien mit gleichen Rechten ausgestattet sind. Er ist Alis Vorbild.

Ali hat für uns Kabuli gekocht, ein Gericht mit Reis, Karotten, Weinbeeren und Hühnerschenkeln. Im Interview hatte er mir davon erzählt. Es schmeckt wunderbar würzig und doch abgerundet. Wir essen im Aufenthaltsraum, der wie die ganze Wohnung spärlich möb­liert ist. Nirgendwo ein Gegenstand oder ein Bild, das auf eine per­sönliche Geschichte oder eine Vorliebe hinweist – vielmehr auf serielle Massenproduktion oder Brockenhaus. Der runde weisse Tisch, an dem wir essen, wackelt so sehr, dass wir wohl kaum zu dritt hier hätten essen können. «Hier sollte ich meine Zeichnungen machen. Dem Lehrmeister ist es egal, an welchem Tisch ich die mache.»

Ali macht eine Lehre als Sanitärinstallateur. Gestern seien sie auf einem Berg gewesen, um die Wasserleitungen zu installieren. Minus vier Grad sei es gewesen!

«Aber um den Tisch kümmere ich mich nicht mehr, ich muss sowieso weg von hier.»

«Du musst weg von hier?»

«Ja, die Flüchtlingshelferin hat gesagt, ich müsse weg von hier.»

«Wohin?»

«Das weiss ich nicht. Ich hoffe nur, dass sie mich in der Nähe von Au unterbringen.»

Er ist frustriert darüber, dass er wieder gehen muss, zumal er viel für die Einrichtung gearbeitet und den Möbeln Sorge getragen hat. «Aber ich möchte heute nicht dort sein, wo ich gestern schon gewesen bin.»

Ali zeigt mir ein Video von einem Afghanen, der links nur noch einen Beinstummel hat. Er dankt Ali und seiner Organisation für die Unterstützung, die er bekommen hat. Ohne das Geld, das von Afgha­nen in der Schweiz gesammelt worden ist, wäre die Operation nicht möglich gewesen.

Ich verstehe kein Wort, versuche, aus seinem Gesichtsausdruck zu lesen. Ich sehe einen Mann, der langsam und leise spricht, aus einem grossen Schmerz erwacht ist und gerade genügend Kraft findet, sich für sein neues Leben zu bedanken. «Das macht mich stolz», sagt Ali.



Herkunftsland

Ali, wo bist du geboren? Wie bist du aufgewachsen?

Also, ich bin 2001 in Ghazni, einer Stadt in Afghanistan, geboren. Bis Ende 2014 war ich dort und habe die Schule besucht bis zur siebten oder achten Klasse. Mein Vater hat in einem Büro gearbeitet für UNICEF, vielleicht haben Sie etwas von dieser Organisation ­gehört. In Afghanistan gibt es Terroristen, ja, die Taliban, vielleicht haben Sie auch von denen gehört. Sie sind gegen die Politik, gegen die Schule und solche Sachen. Mein Vater hat dann Probleme mit den Taliban bekommen. Mein Vater hat der Schule geholfen. Es gibt Dörfer, die haben zum Beispiel keine richtigen Bücher, Kinder haben keine richtige Schule. Mein Vater hat sechs oder sieben Jahre der Schule geholfen.

… damit die Schulen Bücher haben?

Genau, ja.

Wie kann ich mir das Land vorstellen, die Stadt, in der du aufgewachsen bist?

Afghanistan ist viel grösser als die Schweiz. Eine Stadt in Afghanistan ist etwa so gross wie die ganze Schweiz. Ghazni ist eine Stadt neben Kabul, der Hauptstadt von Afghanistan. Wie Zürich und St. Gallen. Ich war in einer Stadt, wie gesagt, ich hatte ein normales Leben. Ich ging zur Schule mit meiner Schwester und meinem Bruder. Die anderen Geschwister waren noch zu klein. In Afghanistan gibt es keinen Kindergarten. Eben, mein Vater ging arbeiten. Meine Mutter war Hausfrau.

Was hat sie zu essen gekocht?

Wir hatten viel spezielles Essen. Zum Beispiel Kabuli, das ist eine Spezialität. Viele Leute kennen das. Ich habe das auch oft für die Schweizer gekocht. Das hat ihnen gut geschmeckt. Zum Beispiel werde ich es an Weihnachten auch nochmals machen. Wenn Sie möchten, kann ich Sie einladen.

Gerne! (lacht) Was ist Kabuli?

Das ist Reis mit Karotten und Fleisch. Ich kann Ihnen nachher ein Foto zeigen. Wir hatten ein ganz normales Leben… Zum Beispiel standen wir um sechs Uhr auf. Bis halb acht konnten wir Frühstück essen. Manchmal hat uns unser Vater zur Schule gebracht.

Mit dem Auto?

Genau, ja. Manchmal sind wir auch zu Fuss gegangen. Die Schule war nicht so weit weg. Ich hatte eine gute Schule, da ich in der Stadt war und nicht im Dorf. Mein Vater hat mich immer unterstützt. Eben, mein Vater hat freiwillig mit der Schule zu tun gehabt. Er war auch Taxifahrer für die Schüler. Wir waren viele Geschwister, das braucht Geld. Mein Vater hatte nicht viel Geld und trotzdem hat er uns immer unterstützt und auch freiwillig gearbeitet.

«Afghanistan ist viel grösser als die Schweiz. Eine Stadt in Afghanistan ist etwa so gross wie die ganze Schweiz»: Ali.
Bild: Ahmad Motalaei.

Was hat dir am meisten Freude gemacht in deiner Kindheit?

Der Freitag zum Beispiel. Hier ist Samstag und Sonntag Wochenende. In Afghanistan ist es Freitag. Am Donnerstagabend sind wir dann jeweils zusammengesessen und haben Filme geschaut.

Am Fernseher?

Ja, und wir spielten zusammen. Am Freitag machten wir oft Ausflüge. Aber nicht so weit weg, weil Afghanistan nicht so sicher ist. Wir haben unsere Grosseltern besucht. Ich war ein Kind. Ich habe von all den Gefahren nichts gewusst. Nach der Schule haben wir mit Kollegen Fussball gespielt. Wie normale Kinder.


Flucht

Dann hatte mein Vater Probleme. Er ist nach Hause gekommen an einem Abend, etwa um 23 Uhr. Er war verletzt. Die Scheibe seines Autos war kaputt, er hatte Blut an den Hosen. Damals hat er mir noch nicht erzählt, was genau passiert war. «Wir müssen wegge­hen», hat er gesagt, und ich habe gefragt: «Wieso?» Er hat es uns nicht erzählt, damit wir keine Angst hatten. Dann sind wir weggelaufen aus Afghanistan und an der Grenze vom Iran alle zusammenge­kom­men. Wir haben alles hinter uns gelassen. Nur ein Auto und Kleider haben wir mitgenommen. Zu Hause hatten wir alles, was ein normaler Mensch hat. Also, ich hatte gute Möglichkeiten, von dort aus in die Schule zu gehen. Ich hatte fast alles, was ich wollte: Eltern, Vater, Geschwister …

Wie viele Geschwister hast du?

Ich habe fünf Geschwister. Wir sind alle nach Nimrus gefahren, das ist eine Stadt an der Grenze zwischen Afghanistan und dem Iran, etwa zehn Stunden von Ghazni entfernt. Dann hat mein Vater das Auto verkauft. Wir mussten Afghanistan verlassen, wir konnten nicht bleiben. Wir waren etwa zwei Wochen im Iran und mein Vater hat gesagt, wir gehen weiter nach Europa, weil wir im Iran keine Möglichkeit hatten, zu bleiben. Wenn sie uns erwischen, schicken sie uns zurück nach Afghanistan, und mein Vater hatte dort Pro­bleme.

Wie habt ihr im Iran gelebt?

Wir waren in einem Haus. Wir konnten nicht rausgehen, da wir keinen Pass hatten. Wir hatten einen Schlepper.

Ihr wart im Haus eines Schleppers?

Genau, ja. Der hat uns alles gebracht. Essen und so. Wir waren nicht die einzige Familie dort, es gab viele. Dann sind wir weitergefahren, nach diesen zwei Wochen. Bis zur Türkei waren wir zusammen.

In einem Auto?

Ja. Also Auto – manchmal sind wir auch zu Fuss gegangen. Wir hatten nur ein kleines Auto, das für etwa zwei bis drei Personen Platz hatte. Wir waren etwa sechzehn Personen, also drei Familien.

Wir waren etwa drei, vier Tage unterwegs auf dem Weg in die Türkei. Wir hatten kein Essen. Ich bin der Älteste von meinen Geschwistern. Sie waren alle noch klein. Der Kleinste war eineinhalb Jahre alt. Mein Bruder war drei. Wir hatten nur etwas Wasser dabei, damit mein kleiner Bruder leben konnte. Es gab eine Geschichte in Pakistan. Pakistan, kennen Sie?

Ja, Pakistan kenne ich.

Wir waren dort mit mehr als tausend Leuten.

In einem Lager?

Genau. Wir mussten bis zur Grenze zu Fuss gehen. An der Grenze waren die Taliban. Ich habe die Geschichte gehört, dass vier jungen Menschen, etwa im Alter von zwanzig bis dreissig Jahren, in den Kopf geschossen wurde. Alle mussten hingehen, das anschauen und weglaufen. Sie hatten Papiere … Sie waren Polizisten oder – keine Ahnung.

Also die Ermordeten waren Polizisten?

Ja, genau. Einer hatte eine Unterhose mit einer Marke von der Polizei und deshalb haben sie das gemacht.

Und ihr musstet das anschauen?

Wir mussten es alle, egal ob Kinder oder siebzig Jahre alte Personen, anschauen und dann weglaufen. Sie lagen am Boden. Die Hälfte des Kopfes war weg. Wenn ich das so erzähle, merke ich selber, dass es wie in einem Film ist. Man kann sich das nicht vorstellen.

Also eben, dann sind wir von dort weggelaufen. In der Türkei wa­­ren wir drei bis vier Tage im Haus eines Schleppers. Wir mussten warten, bis es sich an der Grenze etwas beruhigt hatte.

Die türkische Grenze ist zwischen Europa und Asien. Diese Grenze ist wie ein Berg. Wir mussten auf diesen Berg gehen, damit die Polizei uns nicht sehen konnte. Wir mussten auf die andere Seite. Die eine Seite war die Türkei, die andere Seite Europa. Wir mussten über diese Grenze kommen, sonst hätte uns die Polizei wieder zurück nach Afghanistan geschickt. Wir waren alle zusammen als Familie. Mein Vater hat mir immer gesagt: «Wenn irgendetwas passiert, musst du einfach weitergehen. Du bist der Älteste.» Auch weil ich in Afghanistan am meisten mit meinem Vater zusammen war. Die Personen, die gegen meinen Vater waren, hatten mich wahrscheinlich auch schon gesehen. In Afghanistan ist es so – das kann man sich gar nicht vorstellen –, da gibt es Polizisten, deren Nachbarn vielleicht Terroristen sind. Sie schicken Rapporte et cetera. Man kann niemandem vertrauen.

Puh …

Ja. Wir waren also alle zusammen, bis wir auf dem Berg waren. Wir mussten aufpassen, damit wir nicht von der Polizei entdeckt wurden.

Also geduckt schleichen?

Genau, ja. Wir waren etwa dreissig Familien. Dann waren wir auf dem Berg. Wir waren alle zusammen, mein Vater, meine Mutter, die Geschwister … , und dann mussten wir über die Grenze laufen. Plötzlich kam die Polizei mit Licht und so – und hat geschossen. Also nicht auf die Menschen, einfach so, damit wir alle weglaufen. Dann habe ich gar nicht mehr gesehen, was passierte.

Also etwa zwei, drei Tage später bin ich wieder aufgewacht. Ich war in einem Haus. In einem etwa zehn Quadratmeter grossen Zimmer. Wir waren etwa fünfzig bis sechzig Leute darin. Viele Leute waren verletzt. Ich war auch verletzt. Meine Hand war gebrochen. Mein Kopf war verletzt. Ich war am Weinen. Wo ist mein Vater, wo ist meine Mutter? Ich war davor nie eine Nacht von meiner Familie weg gewesen. Dann kam ein Mann und sagte, meine Familie sei hier, aber in einem anderen Haus. Wir seien jetzt in Europa. Dann habe ich gefragt, wann meine Familie zu mir kommen könne. Ich war drei Tage dort. Wir hatten nur eine Banane und ein bisschen Wasser. Ich habe nichts gegessen, da ich mich um meine Familie sorgte. Dann kam ein Mann zu mir und sagte, am nächsten Tag um vier Uhr müsse ich mit allen Leuten aus dem Zimmer weitergehen. Meine Familie sei bereits mit einem anderen Auto weggefahren. Es kam oft vor, dass ein Vater seinen Sohn verloren hat. Oder eine Frau ihren Mann. Da war auch ein Kind, es war etwa vier Jahre alt. Es war ganz alleine.

Dann sind wir mit einem grossen Lastwagen weitergefahren bis zum Meer. Hinter dem Meer war Griechenland. Wir mussten etwa zwei, drei Stunden mit dem Boot fahren. Das war ein Boot mit Luft. Vielleicht haben Sie schon einmal eines gesehen. Das Boot hat etwa für zwei, drei Personen Platz. Wir waren 47.

Wir sind dann weitergegangen. Ich wusste nicht, dass die Polizei meine Familie wieder zurückgeschickt also mitgenommen hatte. Der Schlepper hatte mir das nicht gesagt. Die lügen, damit sie Geld bekommen. Deshalb haben sie mir gesagt, meine Familie sei am gleichen Ort und sie sei schon weitergegangen, damit ich auch gehe. So bekommen sie Geld.

Von wem bekommen die Schlepper das Geld?

Ich weiss es nicht genau. Aber ich glaube, es ist ein Büro, das dann Kontakt mit einem Schlepper hat. Das Büro sagt dann, wenn du die Leute bringst, bekommst du das Geld. Wenn die Polizei zum Beispiel kommt und die Leute mitnimmt, dann hat der Schlepper das Geld verloren.

Dann waren wir über Nacht auf dem Meer. Es war sehr, sehr gefährlich. Wir hatten ein Licht. Wir haben Leute gesehen, die gestorben waren. Sie waren im Wasser. Eine alte Frau war dort. Wir konnten nichts machen. Wir haben alles, unsere Rucksäcke und so, aus dem Boot geworfen, damit wir nicht so schwer waren, damit wir nicht untergingen. Dann habe ich meine Augen zugemacht, damit ich nichts sehen konnte. Es war sehr gefährlich. Sie können sich das so vorstellen wie dieser Tisch hier. In der Mitte machen Sie einen Nagel rein. Das ist unser Boot und überall war nur Wasser, es war sehr gefährlich. Wir haben nur Wasser gesehen. Es war auch viel Wasser im Boot. Wir mussten es wegmachen, damit wir nicht so schwer waren.

Dann waren wir in Europa. Etwa um Mitternacht haben sie uns Essen gebracht. Unsere Kleider waren nass. Wir hatten alles wegge­worfen. Wir hatten unsere Ausweise, Papiere, alles weggeworfen. Das Rote Kreuz ist gekommen und hat mir ein paar Fragen gestellt. Sie haben mich gefragt, wo meine Eltern seien. Ich habe gesagt: «Ich weiss es nicht. Bis in der Türkei waren wir zusammen.» Dann war ich etwa vier, fünf Tage in Griechenland. Wir mussten warten, bis wir Papiere bekamen. Ich war mit einer anderen Familie zusammen. Ich kannte sie gar nicht. Aber sie haben mir immer geholfen, da ich alleine war.

Auch aus Afghanistan?

Genau, ja. Die wohnen jetzt in Österreich. Ähm, wo war ich?

Ihr wart in Griechenland …

Ah, ja genau. Da mussten wir auf die Dokumente warten, damit wir weitergehen konnten. Wir haben dann diese Dokumente bekommen. Dann kamen wir auf ein grosses Schiff. Das war viel sicherer, nicht so ein kleines Boot. Es hatte zwei, drei Stockwerke. Wir waren dann, glaube ich, in Kroatien. Ich weiss es nicht mehr. Es waren viele Länder. Dann waren wir in Österreich. Da waren wir auch viele Leute. 2015 sind viele Leute aus Syrien und Afghanistan geflüchtet. Ich habe die Familie verloren. Dann habe ich zwei, drei Kollegen gefunden. Sie waren etwas älter als ich. Dann bin ich mit denen in die Schweiz gekommen.



Ankunft in der Schweiz

Jetzt bin ich etwa vier Jahre in der Schweiz. Ich habe versucht, die Sprache zu lernen. Ich konnte nicht in die normale Schule gehen. Trotzdem bin ich sehr dankbar für das, was ich bekommen habe. Ich besuchte einen Deutschkurs. Ich war in einem Asylheim mit etwa hundert Jugendlichen aus vielen Ländern. Syrien, Afghanistan, Irak … Ich war im Thurhof, in Oberbüren. Das ist ein Flüchtlingsheim. Dort besuchte ich den Deutschkurs.

Acht, neun Monate habe ich nicht gewusst, wo meine Eltern sind. Sind sie noch am Leben? Sind sie gestorben? Das erste Jahr in der Schweiz habe ich nichts gemacht. Ich hatte einfach keine Motivation, keine Lust. Meine Gedanken waren immer bei meinen Eltern. Ich war so deprimiert. In Afghanistan hatte ich ein bisschen Sport gemacht und damit habe ich wieder angefangen. Das war gut für mich. Ich habe meinen Kopf so freimachen können.

In einer Nacht, vor Weihnachten 2016, habe ich einen Anruf bekommen, sie hätten meine Familie gefunden. In Afghanistan haben alle miteinander Kontakt. Also, wenn Sie in einem Dorf leben, kennen sich alle. Nach zwei Monaten in der Schweiz habe ich mir ein Handy gekauft und auf Facebook geschrieben, dass ich in der Schweiz bin und meine Familie verloren habe. Falls jemand etwas weiss, soll er mich anrufen. Dann habe ich einen Anruf bekommen. Es war meine Mutter. Das war der beste Tag meines Lebens.

Sie können sich vorstellen: Man braucht seine Eltern, bis man mindestens achtzehn Jahre alt ist. Vor allem bei uns. Zum Beispiel in der Schweiz geht man mit achtzehn von zu Hause weg und lebt selbstständig. Wir sind aber bis Ende unseres Lebens mit unseren Eltern zusammen. Also etwa neunzig Prozent von uns. Es gibt auch schlechte Menschen, aber so durchschnittlich sind es neunzig Prozent.

Eben, das war meine Mutter. Sie hat mir alles erzählt. Die Polizei hat sie und die Familie zurück nach Afghanistan geschickt. Sie sind dann aber wieder geflohen und leben jetzt im Iran.

Danach habe ich angefangen, mir ein neues Leben aufzubauen. Ich bin schnuppern gegangen. Habe Bewerbungen geschickt. Ich habe eine Lehrstelle bekommen. Jetzt bin ich in der Lehre als Sanitärinstallateur. Das ist ein kleiner Schritt in meinem Leben. Ich habe noch viele andere Ziele in meinem Leben, die ich erreichen will und erreichen muss.

Hast du noch Kontakt mit deiner Familie?

Ja, über das Handy.

Du bist jetzt in der Lehre. Was ist dein Lebenstraum?

Also, ohne Lehrstelle, Sie kennen das, kann man in der Schweiz nicht viel machen. Ich konnte aber hier nie richtig in die Schule gehen. Keine Ahnung, vielleicht waren zu viele Flüchtlinge da und sie hatten keinen Platz. Ich habe zuerst gar nicht gewusst, dass man eine Lehre braucht. Ich habe gedacht, ich muss warten, bis ich achtzehn bin, und dann gehe ich arbeiten. Dann habe ich gelernt, dass man hier in der Schweiz eine Lehre machen sollte. Ich habe zuerst ein Praktikum gemacht als Automatiker, sechs Monate lang. Dann habe ich ein Zeugnis bekommen und Bewerbungen verschickt.

Also, die Lehre ist ein kleiner Schritt. Wenn ich mir eine Treppe vorstelle und mein Leben hätte zwanzig Stufen, dann wäre dies jetzt die erste Stufe. Ich weiss noch nicht, vielleicht mache ich später die Matura oder so. Vielleicht arbeite ich auch, damit ich selbstständig leben und meine Familie unterstützen kann. Sport ist auch ein wichtiger Teil in meinem Leben. Ich bin Schweizer Meister geworden im letzten Jahr.

Schweizer Meister? Im Boxen? Wow!

Genau, ja.

Hast du manchmal Heimweh?

Ähm. Heimweh … Am Anfang hatte ich das oft. Vor allem, wenn ich Kinder mit ihren Eltern auf der Strasse spielen sah. Dann weinte ich. Ich habe deshalb auch mit Sport angefangen. Wenn mein Trainer nicht in der Halle ist, trainiere ich die Kinder. Wenn dann der Vater oder die Mutter die Kinder zum Training gebracht hat, war ich schon traurig. Da habe ich an meine Eltern gedacht. Aber mit der Zeit ist es dann gegangen.

Mit der Zeit geht alles besser. Jetzt bin ich auch ein bisschen älter geworden. Man vergisst diese Momente nie, aber ich habe gelernt, wie ich mit schwierigen Situationen umgehen kann. Dass ich nicht aufgebe. Irgendwo kommt ein Licht. Irgendwann wird es besser.

Woher hast du das gelernt? Hast du ein Vorbild?

Wenn ich Zeit habe, lese ich Bücher im Internet. Von der Bibliothek in St. Gallen habe ich auch eine Karte bekommen, damit ich gratis Bücher ausleihen kann. Ich habe viel gelesen, auch Bücher in meiner Sprache. Ich schaue auch Motivationsvideos, zum Beispiel von Motivationscoaches aus den USA. Ein Motivationscoach ist jemand, der ein grosses Ziel erreicht hat. Der erzählt von seinem Leben, und tausend Leute hören da in einem Seminarraum zu und machen sich Notizen. Das habe ich so im Internet gesehen.

Du hast dir das selber beigebracht?

Das, was ich in meinem Leben gelernt habe, ist, dass man immer hart arbeiten sollte. Man muss sich vorstellen, dass irgendwann ein besserer Tag kommt. Wichtig ist, dass man nie aufgibt. Man muss ein Ziel haben. Wenn man kein Ziel hat, ist es besser, wenn man nicht lebt. Denn ohne Ziel zu sein, ist wie in einem Zug sitzen und nicht zu wissen, wohin er fährt. Also, ich glaube, ohne Ziel kann man nicht leben. Egal ob Gross oder Klein.

«Ähm. Heimweh … Am Anfang hatte ich das oft. Vor allem, wenn ich Kinder mit ihren Eltern auf der Strasse spielen sah»: Ali.
Bild: Ahmad Motalaei

Was ist dein Ziel?

Die Lehre zu machen und meine Eltern zu besuchen. Das ist ein kleines Ziel. Wie ich gesagt habe, habe ich beim Sport ein grosses Ziel. Ich habe das Ziel, dass ich irgendwann Menschen sagen kann: «No­thing is impossible.»

Zum Beispiel Cristiano Ronaldo. Es gibt Leute wie er, die haben bei null angefangen. Jetzt haben alle den Wunsch, ein Foto mit ihm zu machen. Wie gesagt, man muss ein Ziel haben und mit Schmerzen und Verletzungen rechnen, bis man das Ziel erreicht hat.

Wenn du jetzt zurückdenkst, gibt es etwas, das dir am meisten fehlt?

Ähm … also, die Menschen sind nicht perfekt. Jeder macht Fehler. Ich habe bis jetzt in meinem Leben noch keinen solchen Fehler gemacht. Ich hätte meine Familie nicht zurückgelassen. Ich hätte mir gewünscht, dass wir alle zusammen in die Schweiz gekommen wären. Dann könnte ich nach dem Training, nach der Schule oder der Arbeit nach Hause kommen und zusammen mit meiner Familie etwas essen. Wenn ich Schmerzen habe, also nicht körperliche Schmerzen … Eben, wie gesagt, es ist schwierig, in einem anderen Land alleine zu leben und alles alleine zu machen. Dass ich nach der Schule, wenn ich müde oder traurig bin, nicht zu meinen Eltern kann …

Und sonst, in meinem Leben, denke ich, habe ich mein Bestes gegeben bis jetzt.

Welches waren deine ersten Eindrücke von der Schweiz?

Also, die Schweiz ist ein schönes Land. Jedes Land hat verschiedene Menschen. Als ich in die Schweiz kam, war es ganz anders für mich. Am Anfang war es für mich langweilig und streng, da ich mich um meine Eltern sorgte. Eben, am Anfang habe ich nicht gedacht: Hey, jetzt bist du in einem anderen Land. Jetzt fängst du ein neues Leben an. Denn ich war nicht in dieser Situation. Ich war in Gedanken bei meiner Familie. Ich machte mir Gedanken, dass die Schweiz mich zurückschickt. Das passiert auch vielen Leuten.

Du bist in ein Heim für Asylsuchende gekommen?

Genau. In den Thurhof. Dort bekamen wir Frühstück, dann hatten wir Schule. Nach der Schule war es nicht so gut. Also, vielleicht war es für mich nicht so gut. Es ist schwierig, in ein anderes Land zu kommen, alleine. Vor allem, wenn man jung ist und niemanden hat, der einen unterstützt. Wenn man Gedanken hat, was mit den Eltern passiert. Weil, Sie wissen das … Familie ist alles für ein Kind.

Jedes Land hat verschiedene Menschen. Es gab auch Menschen, die haben gesagt: «Warum bist du in die Schweiz gekommen, warum gehst du nicht zurück?» Es gab aber auch Menschen und es gibt immer noch Menschen, die anderen Menschen helfen möchten, und die sagen: «Hey, niemand möchte mit dreizehn, vierzehn seine Eltern verlassen. Wenn man muss, dann muss man.»

Gibt es Menschen, die dir besonders dabei helfen, dich wohlzufühlen in der Schweiz?

Ähm … also bis jetzt nicht. Aber es gab viele Betreuer, die mit uns ge­­arbeitet haben und uns geholfen haben. In ihrem Beruf. Aber menschlich – keine Ahnung. Aber Menschen, die wie meine Eltern waren, hatte ich keine bis jetzt.

Ich hatte mir immer gewünscht, dass ich in der Schweiz in einer Pflegefamilie leben kann (lacht). Aber ich habe keine gefunden. Denn ich wollte, wenn ich mit einer Schweizer Familie wohne, die Kultur kennenlernen. Wie funktioniert es hier in der Schweiz? Das wäre sehr interessant für mich. Die Kultur hier und in Afghanistan ist nicht gleich. Ich habe mir immer gewünscht, dass ich bei einer anderen Familie wohnen kann. Es ist in den letzten vier Jahren noch nie passiert, dass ich mit einer Schweizer Familie am Tisch gesessen habe.

Das ist bis heute nicht passiert?

Das ist noch nicht passiert, nein. Ich habe mir eben immer gewünscht, die Kultur kennenzulernen. Was machen die Menschen hier, wenn sie um sechs Uhr aufstehen? Was machen sie bis zum Abend? Ich habe mir immer gewünscht, das zu erfahren.

Wie sieht denn deine Situation jetzt aus? Hast du ein Zimmer?

Ich war zuerst im Thurhof für ein Jahr, später war ich in Marienburg (Internat für unbegleitete Minderjährige). Dort hatte ich Probleme, also Probleme … ich habe mir immer gewünscht, dass ich in eine richtige Schule gehen kann. Das hat aber nicht geklappt, weil wir viele Flüchtlinge waren. Ich hatte in Marienburg aber auch eine gute Schule. Ich habe Deutsch gelernt. Auch ein bisschen Mathematik. Von dort haben sie mich in die Vorlehre geschickt, damit ich lerne, wie man Bewerbungen schreibt. Ich habe meine Lehre selber gefunden. Andere Flüchtlinge zum Beispiel gingen zur REPAS (Regionale Potenzial- und Arbeitsintegrationsstelle) für die Lehrstellensuche. Ich habe im Internet von erfolgreichen Menschen gelernt. Man wird erst erfolgreich, wenn man ein Ziel hat. Sie zum Beispiel, Sie schreiben ein Buch … Sie möchten kein Bodybuilder sein, oder?

Ein Bodybuilder?

Ja, das möchten Sie nicht sein, oder?

Nein. (lacht)

Und das hätte bei Ihnen auch nicht geklappt, oder? Das war nicht Ihr Ziel, oder? REPAS hat für mich einen Job gefunden, der nicht mein Job war. Ich ging zuerst schnuppern in Steinach, irgendetwas, keine Ahnung. Da konnte man gar nichts lernen. Die Maschine dort hat etwas produziert, und wir mussten das einpacken. Und ich hätte das als Lehre machen sollen. Das Einpacken ist nicht etwas, das man gross lernen muss. Als Sanitärinstallateur lerne ich jeden Tag etwas Neues. Das ist das, was ich will: Jeden Tag etwas Neues lernen.

Wo wohnst du jetzt?

Ich lebe seit August in St.  Margrethen, in einer WG. Wir sind zu dritt.

Drei Jungs? Gleich alt wie du?

Ja. Wir haben alle ein eigenes Zimmer. Ich stehe am Morgen auf, gehe bis 17:30 Uhr arbeiten, dann komme ich nach Hause, dusche, dann gehe ich zum Training …

Dann kocht ihr zusammen?

Nein, nein. Ich koche alleine, weil ich Sport mache. Ich weiss, was ich essen muss. Zum Beispiel vor einem Wettkampf darf ich nicht zu viele Kalorien essen.

Was machst du am Wochenende?

Ähm, also am Wochenende mache ich meistens … Eben, an jedem anderen Tag stehe ich um fünf oder 5:30 Uhr auf und bin meist erst um 22:30 Uhr zu Hause.

Puh!

Ich mache jeden Tag Sport, obwohl ich eine strenge Arbeit habe. Am Wochenende muss ich meine Hausaufgaben machen. Muss für meine Tests lernen. Muss meine Wäsche waschen. Ich koche manchmal am Wochenende für die ganze Woche, weil ich sonst keine Zeit habe. Es gibt auch Jungs, die nach der Arbeit nach draussen gehen und ihr Leben geniessen, keine Ahnung … (lacht).

Das ist nicht mein Ding. Weil eben, wie gesagt, ich habe grosse Träume. Das braucht viel Arbeit. Ich muss hart arbeiten. Momentan habe ich keine Zeit, ein Bier zu nehmen und nach draussen zu ge­hen.

«Es ist in den letzten vier Jahren noch nie passiert, dass ich mit einer Schweizer Familie am Tisch gesessen habe»: Ali.
Bild: Ahmad Motalaei

In deinen Träumen, kommt da auch eine Familie vor? Eine Frau?

Bis jetzt, ehrlich gesagt, habe ich mir das noch nicht vorgestellt. Ich habe mich bis jetzt auf das konzentriert und ich bin so konzentriert auf mein Ziel, dass ich gar nicht … Es ist nicht schlecht, eine Frau oder eine Freundin zu haben, aber das braucht Zeit. Ich habe es probiert. Wenn ich zum Beispiel eine Freundin habe, dann muss ich mit ihr rausgehen. Wenn ich nach draussen gehe, dann kann ich nicht trainieren und dann verpasse ich mein Ziel.

Gibt es ein Erlebnis in der Schweiz, an das du dich besonders erinnerst?

Positiv oder negativ?

Ganz nach deiner Wahl.

Also zum Beispiel, für mich ist das alles – also Entschuldigung – et­was komisch … Wie gesagt, jedes Land hat andere Menschen. Afgha­nistan gibt vielleicht ein schlechtes Bild ab. Das ist für mich auch ganz klar. Aber wenn jemand einen Flüchtling sieht und fragt: «Hey, bist du ein Flüchtling? Bist du aus Syrien? Bist du Moslem?» Die Religion … danach fragen nicht viele Leute, aber manche. Viele Leute sagen: «Du bist schlecht. Wieso bist du in die Schweiz gekommen?»

Letzte Woche habe ich eine Frau gesehen, sie ist 83 Jahre alt. Sie bewegt sich kaum. Sie wohnt in einem Altersheim. Davor war sie, keine Ahnung, irgendwo anders. Sie ist immer im Zimmer. Manchmal, wenn ich Zeit habe, zum Beispiel heute Vormittag, dann gehe ich zu ihr. Dann mache ich Tee für sie und rede mit ihr. Sie möchte einfach reden. Weil kaum noch jemand aus dem Altersheim mit ihr redet. Dann sitzen wir eine Stunde zusammen. Sie braucht jemanden, um sich zu unterhalten. Sie ist genau der gleiche Mensch wie ich und ich bin genau gleich wie sie. Ich brauche auch Kontakt zu den Menschen. Es funktioniert aber manchmal nicht. Die Leute denken: «Sorry, du bist Ausländer.» Sie haben Angst, vielleicht, oder keine Ahnung.

Ich habe noch ein kleines Ziel: Wenn ich meine Lehre abge­schlos­sen und Zeit habe, dann werde ich andere Menschen fragen, was sie über Flüchtlinge denken. Und ich werde ihnen aus meinem Leben erzählen. Wie ich mein Ziel erreicht habe. Ihnen zeigen, wie sie ihre Ziele erreichen können. Dass sie nicht aufgeben sollen. In meiner Freizeit werde ich Youtube-Videos machen.

Ähnliche Videos, wie du sie gesehen hast?

Genau, ja. Ich möchte das weitergeben.

Hast du hier Freunde gefunden?

Ähm. Nicht wirklich einen Freund, nein, mit dem ich Zeit verbrin­gen wollte. Ich habe im Moment kein Interesse und keine Zeit und ähm … ja. Oder sie waren bis jetzt nicht mein Typ, können mich nicht verstehen. Weil, eben, wie gesagt, wenn andere Jungs einen Partner oder so haben, möchten sie Zeit haben, rausgehen … Wenn Sie jetzt zum Beispiel auf die Strasse gehen, sehen Sie achtzig Prozent der Jugendlichen draussen. Wie sie Spass haben … Dafür habe ich keine Zeit. Ich habe noch niemanden gefunden, der versteht, dass ich keine Zeit habe. Ich habe einfach wenig Zeit im Moment.

Die schrecklichen Dinge, die du auf der Flucht gesehen hast – hast du das mit jemandem besprechen können?

Als ich in die Schweiz kam, ging ich oft zu einem Therapeuten, weil ich deprimiert war. Ich habe ihm meine Lebenssituation erzählt. Das hat ein bisschen geholfen. Aber eben, man muss lernen, wie man sich selber helfen kann. Zum Beispiel, wie ich mit Stress umgehen kann, das muss ich selber lernen. Der Therapeut ist nicht immer da. Menschen haben immer Stress. Die Leute müssen selber lernen, wie sie mit Stress umgehen.



Selbstbild

Wie würden deine Eltern dich beschreiben?

Meine Familie denkt … Wenn ich manchmal Zeit habe, dann erzähle ich meiner Familie von meinen Zielen oder was ich den ganzen Tag so mache. Es ist nicht so einfach, wenn man um fünf Uhr aufsteht und um 23 Uhr ins Bett geht. Das erzähle ich meinem Vater oder meinen Eltern oder meinen Geschwistern. Sie sind zufrieden mit mir. Es gibt auch viele Flüchtlinge – also viele Jugendliche, nicht nur Flüchtlinge –, die gehen in eine falsche Richtung, leider. Das gibt es immer. Weil ich nicht in die falsche Richtung gehe, sind meine Eltern zufrieden mit mir.

Gibt es etwas, was dir Angst macht?

Wenn ich jemanden von meiner Familie verlieren würde. Zum Beispiel hatte ich letzte Woche viel Stress. Mein kleiner Bruder hatte Herzprobleme und mein Vater hat ihn ins Spital gebracht. Er wurde am Herz operiert und war eine Woche im Koma. Da hatte ich grosse Sorgen. Ich habe drei Tage nicht geschlafen, insgesamt eine Stunde oder so. Trotzdem musste ich arbeiten gehen. Es interessiert kaum jemanden. Das Geschäft interessiert es kaum, dass ich Probleme habe. Ich habe den Lehrvertrag unterschrieben und ich muss zur Arbeit gehen, wenn ich kann. Jetzt ist er gesund. Er ist sechs Jahre alt. Meine Mutter hat drei Tage nichts gegessen. Ich habe mit ihr telefoniert, habe sie motiviert.

Hilft dir dein Glaube?

Ich war Moslem. Momentan habe ich aber kein Interesse an der Religion. Meine Gedanken sind: Alle Menschen sind gleich – egal, was für eine Religion. Ich respektiere auch Buddhisten. Das Wichtigste ist, egal, was für eine Religion man hat, dass man andere Reli­gionen akzeptiert und respektiert. Ich respektiere auch die Buddhisten, ich respektiere auch die Muslime, ich respektiere auch … Es gibt auch Menschen, die sagen: «Der Stein ist mein Gott» oder «Die Kuh ist mein Gott». Ich akzeptiere das. Er ist auch ein Mensch. Er kann entscheiden. Ich kann auch entscheiden.

Wenn du jetzt drei Wünsche hättest, die in Erfüllung gehen sollen, was würdest du dir wünschen?

Mein grösster Wunsch ist, dass ich meine Eltern besuchen kann. Ich habe jetzt vier Jahre meiner Mutter am Muttertag kein Geschenk gebracht. Das ist mein Wunsch, dass ich am Muttertag zu meiner Mut­ter gehen kann. Das ist mein grösster Wunsch. Und ja, gesund zu sein (lacht). Nicht aufzugeben.

Das Gespräch fand am 27. Oktober 2019 statt.

Ali besucht inzwischen das zweite Lehrjahr als Sanitärinstallateur und ist weiterhin aktives Mitglied im «Swiss Boxing Team». Anfang 2021 hat er die B-Bewilligung beantragt.


Bibliografie: «Mutter, mach dir keine Sorgen, das ist eine ganz andere Welt», 11 Porträts und Gespräche mit unbegleiteten minderjährigen Asyslsuchenden in der Schweiz, 256 Seiten, Limmat Verlag, 34 Fr.