Im Zweifelsfall für den Ozean – Abenteuer einer Schweizer Fotografin

Elisabeth Real (Text und Bilder)

6.9.2020 - 08:00

Impressionen von Fotografin Elisabeth Real aus Anakao, Nosy Ve und Mangily.
Collage: Elisabeth Real

Die Schweizer Fotografin Elisabeth Real träumte jahrelang davon, in Afrika zu arbeiten. Seit zwei Jahren lebt sie nun in Madagaskar – zurzeit in einem Fischerdorf ohne Strom, ohne fliessendes Wasser und ohne Coronavirus.

Anfang März veröffentlichte ich auf Instagram einen Surfkitsch-Post: Mein heiss geliebtes Board, hier am Strand in Anakao bei Sonnenaufgang fotografiert, mit der Zeile «One of these days — and it will be right soon — you'll find your legs, and go, and stay gone».* Das war Prä-Corona, und ich ahnte damals noch nicht, wie sehr sich diese Worte in den kommenden Monaten bewahrheiten würden.

Ein halbes Jahr lebe ich nun schon in diesem Fischerdorf im Südwesten Madagaskars, das sich an eine türkisblaue Lagune schmiegt und nur per Boot erreichbar ist. In mondlosen Nächten taucht das Glimmen der Milchstrasse die Hütten und die am Strand parkierten Pirogen (Einbaum-Boote) in einen nebligen Schleier.

Ich kam ursprünglich zum Surfen hierher, der madegassische Präsident kündigte allerdings wenige Tage nach meiner Ankunft an, die Insel wegen Covid-19 abzuriegeln. Es bestand noch kurz die Möglichkeit, seine Siebensachen zusammenzuraffen, Flüge umzubuchen und den Rückweg nach Europa anzutreten. Ich beschloss aber zu bleiben.

Mein Traum

Seit zwei Jahren verbringe ich einen Grossteil meiner Zeit in Madagaskar. Die Vorstellung, wegen Corona in die Schweiz zurückzukehren, ohne zu wissen, wann ich das Meer und die Insel je wiedersehen würde, erschien mir unerträglich.

Vor meinem Umzug hatte ich 18 Jahre lang in Zürich gewohnt und als selbstständige Fotografin gearbeitet. Ein Leben, das mich im Laufe der Zeit mehr und mehr frustrierte. 2018 beschloss ich, dieser Sache ein Ende zu bereiten. Ich wollte endlich das in Angriff nehmen, was im tiefsten Innern mein grosser Traum war: als Fotojournalistin in Afrika zu arbeiten. Ich wusste, das würde nur funktionieren, wenn ich auch meinen Hintern nach Afrika bewegte.

Elisabeth Real mit Rissara, ihrem Surfpartner und mittlerweile bestem Freund in Anakao, nach einer Surfsession.
Bild: Elisabeth Real

Ich hatte nichts zu verlieren. Vielleicht würde alles den Bach runtergehen. Eventuell aber auch nicht. Wie sonst würde ich wissen, wo meine Grenzen liegen, wenn ich sie nicht auslote? Allein schon die Gewissheit, bald in der Wärme leben zu können, machte vieles einfacher.

In den vergangenen zwei Jahren gelang es mir, mich meinem Traum anzunähern: Ich recherchierte, fotografierte und interviewte, ich schlug Themen, knüpfte neue Kontakte mit internationalen Redaktionen und bekam nach einer Weile tatsächlich Aufträge. Ich arbeitete in Madagaskar, in Mauritius, in Kenia und Südafrika, reiste nach New York für Portfolio-Interviews, und ab und zu auch zurück in die Schweiz, wenn ich dort einen Job hatte.

Gleichzeitig schloss ich ein Buchprojekt über schwarze lesbische Frauen in Johannesburg ab, an dem ich sieben Jahre lang gearbeitet hatte. Ich verbrachte nie mehr als drei Wochen an einem Ort. Und egal, wo ich mich befand, ich wurde magisch vom Wasser angezogen und versuchte, Wellen aufzutreiben. Wenn ich nicht in Madagaskar war, vermisste ich die Insel.

Die grösste Herausforderung

Als ich im März in Anakao ankam, war mein ursprüngliches Ziel, fünf Wochen zu bleiben, so viel wie möglich zu surfen, zu lesen, ab und zu ein wenig zu schreiben, mein Malagasy zu verbessern – aber allem voran wollte ich mein Leben geniessen. Ich hatte das in letzter Zeit verlernt.

Ich habe oft den Eindruck, selbst gar kein Leben zu haben, sondern immer nur die Leben anderer zu dokumentieren. Darin fühle ich mich sicher. Es fällt mir nicht schwer, mein Gegenüber anzuschauen und mich dafür zu interessieren. (In dunklen Momenten frage ich mich ab und zu, ob ich vielleicht sogar daran zweifle, ein eigenes Leben überhaupt zu verdienen?)

Ich hatte immer das Gefühl, ich müsse mich zuerst beweisen, ich müsse etwas leisten, bevor ich zu mir schauen konnte. Warum? Keine Ahnung.

Der Innenhof von Rasoanatemaina Raisa, der Besitzerin eines kleinen Shops in Anakao. Ihr wurde vor einigen Wochen in einer Nacht fast ihre gesamte Habe geklaut.
Bild: Elisabeth Real

Die meisten Menschen, die ich kenne, sind nicht von dieser inneren Unruhe getrieben, und oft beneide ich sie. Je länger ich hier bin, desto mehr fällt mir meine Rastlosigkeit auf. Die grösste Herausforderung während des Lockdowns ist für mich, mich unproduktiv zu fühlen und einen Weg zu finden, damit umzugehen.

Ich kam nach Anakao mit nicht viel mehr als einem Surfboard und einem Paar Shorts. Als im April klar wurde, dass ich hier nicht so schnell wieder wegkommen würde, fing ich an, mir ernsthaft Sorgen zu machen. Sollte ich nicht nonstop Malagasy-Vokabeln büffeln? Meine Kameras hatte ich in Antananarivo, der Hauptstadt von Madagaskar, gelassen. Wenn ich schon nicht fotografieren kann, müsste ich doch täglich mindestens drei Stunden schreiben?



Und im Wasser will ich auch Fortschritte sehen! Je mehr ich mich unter Druck setzte, desto weniger klappte es, und desto frustrierter mit meinem Ehrgeiz wurde ich. Ab und zu fühle ich mich hier wie eine komplette Versagerin, alleine am Ende der Welt, ohne Mission und ohne Ziel. Dann verfluche ich meinen Entscheid, zu bleiben, und grüble darüber nach, warum ich bloss so naiv war.

Ich bin so privilegiert

Oft schäme ich mich für diese inneren Konflikte und Unsicherheiten, die mir, verglichen mit richtigen Problemen, belanglos vorkommen. Ich bin so privilegiert. Ich habe ein Dach über dem Kopf, zu essen und keine Geldsorgen. Ganz im Gegensatz zu den Menschen im Dorf, die wegen des Coronavirus langsam verzweifeln.

Der Lockdown, der sich seit März hinzieht, hat mit ihren Leben nichts zu tun, und ich habe den Eindruck, es fällt ihnen schwer, die Tragweite der Pandemie zu erfassen: Die wenigsten sind schon je aus der Provinz rausgekommen. Die Hauptstadt Antananarivo ist seit März abgeriegelt und die Fallzahlen dort steigen. In Anakao gibt es keine Covid-19-Kranken, aber eine Ausgangssperre, und die Schule ist seit März geschlossen. Manchmal kommen Gendarmen für ein paar Tage vorbei und patrouillieren. Dann tragen alle brav ihre Masken. Kaum reisen sie ab, werden diese wieder weggepackt.

Frauen in Madagaskar sieht man selten im Meer, doch es gibt eine Mädchentruppe in Anakao, die sich täglich begeistert auf ihre Bretter schwingt. Alle Schulen sind seit sechs Monaten geschlossen.
Bild: Elisabeth Real

Anakao lebt hauptsächlich vom Tourismus, aber die meisten Hotels sind seit Monaten geschlossen, und die Dorfbewohner haben Hunger. Die Preise für Grundnahrungsmittel haben sich verdoppelt, während der Fischverkauf komplett eingebrochen ist. Wenn alle selber fischen gehen, kauft niemand mehr Fisch.

Zwei Frauen haben mir berichtet, dass ihr Lebensmittelgeschäft vor Kurzem überfallen worden sei. Wenn mir die Leute ihre Sorgen erzählen, spüre ich ihre Anspannung. Ein Fischer, den ich ab und zu beim Kaffee antreffe, meinte, wenigstens hätte er nun genügend Zeit, um über das Leben nachzudenken. Leider sei er zum Schluss gekommen, dass das Leben schwer sei. Ich konnte ihm nur beipflichten.

Der Ozean absorbiert Trauer und Wut

Der wahre Grund, warum ich in Anakao, diesem Kaff ohne Strom und fliessend Wasser bleiben wollte, ist der Ozean. Dieses seltsame Biest, das nur das macht, was es will, das sich von Stunde zu Stunde verändert... Das mich momentan Dinge lehrt, die ich anscheinend dringend nötig zu lernen hatte.

Die Malagasy nennen das Meer «ranomasina» (heiliges Wasser). In Südafrika erzählte mir ein Surfer, dass er das Meer so liebe, weil der Ozean seine Seele reinige. Ich fragte mich noch, was hat die Seele dieses 22-Jährigen in seinem jungen Leben denn an Schmutz schon angereichert? Dieser Tage denke ich fast täglich an seine Worte zurück.

Auch Venia wurde in derselben Nacht wie Rasoanatemaina Raisa überfallen. Sie posiert hier in ihrer Epicerie mit den verbliebenen Waren.
Bild: Elisabeth Real

Es ist wahr: Der Ozean absorbiert Trauer und Wut. Er macht mein Herz, das oft schwer ist, leichter. Es interessiert das Meer nicht, ob ich eine gute Surferin bin oder nicht, und ich kann es nicht zwingen, mir wohlgesinnt zu sein.

Um diese doch recht offensichtliche Tatsache zu erkennen und zu akzeptieren, habe ich einige Monate gebraucht. An den Tagen, an denen ich voller Motivation zum Riff hinausfahre und denke, heute werde ich allen zeigen, dass ich Kelly Slaters Inkarnation bin, erwische ich keine einzige Welle und heule mir danach in meinem Strandhäuschen vor lauter Frustration und Enttäuschung die Seele aus dem Leib.

Ich träume davon, in den Wellen zu verschwinden

An den Tagen, an denen ich mutlos und verzagt auf der Piroge sitze, dringend einen Espresso nötig hätte und mir dann irgendwann sage «Okay, wo ich schon mal hier bin, gebe ich mir 30 Minuten von dieser Scheisse, aber keine einzige mehr», an diesen Tagen öffnet sich mir der Ozean und ich fühle mich bei jeder der zahllosen Wellen, auf denen ich gleite, wie von Gott geküsst. Dann kehre ich nach vier Stunden erschöpft, aber glücklich und voller unbändiger Freude nach Hause zurück, erzähle den anderen in Anakao hängen gebliebenen Surfern von der Session (sie hören mir dabei mit einer hochgezogenen Augenbraue etwas belustigt zu).

Ich fühle mich unverwundbar, mit mir selbst im Reinen und – vielleicht das Wichtigste – komplett und ohne Mangel. All die Schichten, die mir die Sicht auf das Wesentliche versperren, legt das Meer frei, und mein Blick wird klar. Ich träume insgeheim davon, in den Wellen zu sterben, darin zu verschwinden, mich im Wasser aufzulösen. Davon sprach der Surfer in Südafrika. Ich verstehe ihn heute mit jeder Faser meines Körpers.

Jedesmal, wenn ich hier im Indischen Ozean auf meinem Brett sitze und zum Horizont blicke, realisiere ich, dass ich mich in diesem Moment in einer Masse befinde, die den ganzen Planeten umspannt, und dass ich theoretisch rund um die Welt paddeln könnte. Dieser Gedanke ist so überwältigend, dass er mich vor Staunen zum Lachen bringt. Nichts ist so sinnlos wie Surfen, und nichts macht so süchtig.

Die Aussicht von Reals Bungalow, einem Häuschen im Hotel Atlantis, auf den Ozean.
Bild: Elisabeth Real

Das Gefühl der Vollkommenheit gab mir bisher nur meine Arbeit als Fotografin. Das war wohl auch der Grund, warum ich nie Pause davon machte, weil es einfach keinen Anreiz dafür gab. Hier, mit endlos vor mir ausgebreiteten Tagen, fühle ich mich oft wieder wie ein Kind. Denn was ist man sonst, wenn man keiner produktiven Tätigkeit nachgeht?

Früher streunte ich fast jeden Nachmittag nach der Schule mit meinen Brüdern und Nachbarskindern durch Wiesen und Wälder. Wir stauten Bäche und bauten Hütten. Wahrscheinlich romantisiere ich das alles, aber es war grossartig, und wir waren frei.

In Anakao ist es ähnlich: Wenn meine Jungs und ich nicht surfen gehen, segeln wir auf verlassene Inseln, grillieren dort Fische und Bananen, erzählen uns dies und das (hauptsächlich sprechen wir vom Meer). Wir verbringen Hunderte von Stunden zusammen, sodass mir die Vorstellung, irgendwann wieder abzureisen, absurd erscheint, denn so selbstverständlich ist alles, so sehr mir vertraut.

Ich hab' meine Beine gefunden, bin losgelaufen... und jetzt lerne ich zu bleiben.

* «Eines Tages – und das wird recht bald sein – findest du deine Beine, und gehst, und bleibst weg.» Liedzeile aus Ray LaMontagnes Song
 «Beg, Steal, or Borrow»


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